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Little Afghanistan in der Annenstraße

in KULTUR von

In Graz leben (Stand Februar 2018) 2439 Menschen mit afghanischer Staatsbürgerschaft. 1214 davon leben in den Bezirken Lend und Gries. Sie stellen also nicht mal 1,8 Prozent der insgesamt 68498 Bewohner des Annenviertels dar. Nichtsdestotrotz tragen sie nicht nur zur Infrastruktur, sondern auch zur kulturellen Entwicklung des Viertels einen wichtigen Teil bei. King Mustafa Aini ist einer dieser 1,8 Prozent und hat uns im Zuge eines Spaziergangs das Herz des Viertels, die Annenstraße, durch seine Augen gezeigt.

Wir treffen uns in der VVolke in der Volksgartenstraße. Nachdem wir uns versammelt haben, wird uns kurz erklärt, was uns in den kommenden zwei Stunden erwartet. Kurz darauf macht sich unsere kleine Gruppe auf den Weg. Unsere erste Station ist ein kürzlich eröffnetes afghanisches Lokal in der Annenstraße. Übersetzt trägt es den Namen “geschmackvoll”. Der Besitzer empfängt uns in seinem sonst gastlosen Restaurant. Mustafa und er begrüßen sich wie alte Freunde. Dass sich in Graz eigentlich alle AfghanInnen kennen, werden wir im Laufe unseres Spaziergangs erst erfahren. Er hat vor etwa zweieinhalb Monaten eröffnet. Neben einer gut ausgestatteten Bar, gibt es auch hausgemachte Speisen. Seine Frau kocht hier selbst. Wieso er keine Gäste hat, erklärt er uns damit, dass aktuell Ramadan ist.

Viel mehr als nur ein schönes Augenpaar

Die Einrichtung des Restaurants ist großteils eher schlicht und unauffällig. Einzig ein Portrait in der Ecke des Raumes sticht ins Auge. Es ist die Aufnahme der 12-jährigen Sharbat Gula. Für viele nur ein Bild eines jungen Mädchens, mit auffallend schönen Augen, hat es für die Menschen, die seine Geschichte kennen, eine sehr viel größere Bedeutung. Das Foto des Mädchens wurde 1984 vom amerikanischen Fotografen Steve McCurry im Flüchtlingsheim von Nasir Bagh aufgenommen. Nachdem es im Juni 1985 das Cover des National Geographic zierte, ging es um die ganze Welt und wurde ein Symbol für die Flüchtlingsschicksale des afghanischen Volkes während des afghanischen Bürgerkriegs und der sowjetischen Invasion zwischen 1979 und 1989. Überraschenderweise blieb die Aufnahme gerade in Afghanistan völlig unbekannt. Steve McCurry schaffte mit dem Foto die wohl bedeutendste Portraitaufnahme einer nicht bekannten Person. Erst 17 Jahre später konnte die genaue Identität des Mädchens geklärt werden. 2002 wurde die zum damaligen Zeitpunkt etwa 30 Jahre alte Sharbat Gula in der Nähe von Kabul gefunden. Ihre Geschichte ging um die Welt, ihr Foto ist bis heute ein bedeutendes Sinnbild.

Das Geschenkeparadies – Foto: Julian Bernögger

Ein Einkaufsparadies

Ein afghanischer Supermarkt, auf der anderen Straßenseite, ist unser nächstes Ziel. Über dem Portal ziert ein großes Schild, auf dem “Das Geschenkeparadies” geschrieben steht, die Fassade. Das Geschäft gibt es bereits seit ein paar Jahren. Neben vielen internationalen Lebensmitteln und Spezialitäten, gibt es hier außerdem alle möglichen Utensilien für den Haushalt zu kaufen. Besonders fasziniert, sind wir von der Vielzahl an getrockneten Früchten, die es zu kaufen gibt, von denen wir einige gar nicht kennen oder identifizieren können. Wir  haben uns alle genau umgeschaut und verließen anschließend das Geschäft. Vor dem Laden erzählt uns Mustafa noch einiges zu unseren eben erlebten Eindrücken. Auch auf die getrockneten Früchte kommt er nochmal zu sprechen. Sie seien gesund und als Snack zwischendurch sehr zu empfehlen.

“Nach Hause telefonieren”

Wir brechen auf und kommen nur 2 Gehminuten später beim nächsten afghanischen Lebensmittelladen an. Er heißt Khorasan, ist also nach der historischen Region in Zentralasien, die aus dem Zusammenschluss der Staaten Afghanistan, Iran, Tadschikistan, Usbekistan und Turkmenistan bestand, benannt. Im Schaufenster fällt uns erstmals eine Werbeanzeige auf.

Sieht man genauer hin, kann man an den Eingängen der meisten ausländischen Geschäfte und Lokale, Plakate der App Vimo sehen. Mustafa erklärt uns, wie viel dieser leicht zu übersehende Hinweis, für ihn und viele seiner Bekannten bedeutet. Vimo ist eine Applikation, die dem Benutzer eine lokale Telefonnummer zuteilt, ohne, dass dieser eine zweite Sim-Karte benötigt. Vor allem für Menschen, die aus einem Nicht-EU Land nach Österreich kommen, ist diese Anwendung nicht nur hilfreich, sondern in einigen Fällen auch die einzige leistbare Möglichkeit, um mit Freunden und Familie in ihrem Heimatland zu telefonieren und in Kontakt zu bleiben. Ein Anruf nach Afghanistan, mit aktivierter afghanischer Telefonnummer in der Vimo App, kostet ungefähr 10 cent/Minute. Würde man beispielsweise von einer österreichischen Telefonnummern eines der größten österreichischen Mobilfunkanbieter, nach Afghanistan telefonieren, können sich die Kosten, je nach Tarif, schon auf 2,49eur/Minute belaufen.

 Foto Stöbern im Balkh Market
Stöbern im Balkh Market – Foto: Julian Bernögger

Gemüse, Teppiche und Arbeitsplätze

Bei unserem Besuch im Balkh Market, einem afghanischen Kaufladen nur eine Straßenüberquerung von Khorasan entfernt, treffen wir seinen Besitzer Tamim Basir. Er hat das Geschäft, in dem es neben Lebensmitteln aus verschiedensten Ländern, auch Küchenutensilien, Teppiche und viele andere Überraschungen zu entdecken gibt, bereits 2014 eröffnet. Er lädt uns auf ein Getränk unserer Wahl ein. Anlässlich des Vorhabens, heute eine andere Seite unseres Viertels zu entdecken, entscheide ich mich für Dugh. Das Getränk, zubereitet aus Joghurt, Molke, kohlensäurehaltigem Mineralwasser und – in dem Fall Minze, ist leicht gesalzen und kommt aus der persischen Küche. Tamim erzählt uns einiges über seinen Betrieb. Er beschäftigt zur Zeit 5 Mitarbeiter, unter anderem, weil er ein sehr hilfsbereiter Mensch ist. Oft kommen Bekannte zu ihm und bitten ihn um Arbeit, da sie Geld brauchen. Für ihn ist es eine Selbstverständlichkeit, sie zu unterstützen und sie bei sich arbeiten zu lassen. Auch den Gewinn teile er dann, wie er angibt.

Bevor Tamim das Geschäft in der Annenstraße eröffnet hat, war er in Wien. Er und Mustafa erzählen uns, dass sich in Graz eigentlich alle AfghanInnen kennen. In Wien sei das ganz anders, weil die Stadt zu groß ist und dort dementsprechend auch viel mehr AfghanInnen leben, als in Graz. Aber nicht nur die AfghanInnen kennen sich in Graz, Tamim kennt auch viele seiner Kunden bereits seit längerer Zeit. Unter den Stammkunden befinden sich auch einige ÖsterreicherInnen, die gerne in den Laden einkaufen gehen. Nach einem interessanten Gespräch, dürfen wir zum Abschied noch einen der Kekse probieren, die es zur Zeit im Balkh Market zu kaufen gibt. Unsere Sorte wird mit Kichererbsenmehl gebacken und mit Zimt gewürzt – uns schmeckt’s.

Bienenwaben und Back-Tutorials

Auf dem Weg zu unserem nächsten Halt werden wir in Mitten der Annenstraße von einem heftigen Sturm erwischt und finden unter dem Vordach eines Elektrofachhandels Schutz. Während Sachen von den Dächern der Häuser stürzen, Stühle durch die Luft fliegen und der Regen vom Wind in Wirbeln über die Straße gefegt wird, unterhalten wir uns über die bisherigen Eindrücke. Als das schlimmste vorbei ist, setzen wir unseren Weg fort und kehren im neuen “Café Biene” in der Annenstraße 64 ein. Auch dieses Café gehört Tamim Basir, der nicht nur vor uns, sondern zu unserer Überraschung auch trocken, in seinem neuen Lokal angekommen ist. Wir werden herzlich von seinen beiden MitarbeiterInnen begrüßt. Eine davon ist Nadja, die erst seit kurzem bei ihm arbeitet und die eindrucksvollen Torten, die stolz in der Vitrine ausgestellt sind, selbst bäckt. Kaum zu glauben – aber das Backen hat sie mit Hilfe von Youtube Tutorials gelernt. Wir entscheiden uns dazu, hier eine kleine Pause einzulegen und probieren bei der Gelegenheit auch gleich die Torten – auch hier schmeckt’s uns.

Eingemietet in der ehemaligen Anne64, erstrahlt das Geschäftslokal in ganz neuem Glanz. Passend zum Namen, besticht die Einrichtung mit selbstgebauten Regalen in Bienenwaben-Optik. Tamim erzählt uns von seinen Plänen für das Lokal. In Zwei Wochen soll er die Genehmigung für einen kleinen Gastgarten bekommen. Außerdem überlegt er, neben Smoothies, Shakes, Tee, Kaffee und vielen anderen Köstlichkeiten, in Zukunft auch Eis zu verkaufen.

Köstlichkeiten bei Mustafa Aini im Verein – Foto: Julian Bernögger

Die letzte Station unseres Spaziergangs

Auch Mustafa hat damals in der Anne64 mit seinen ehrenamtlichen Deutschkursen angefangen. Inzwischen ist er damit in die Strauchergasse umgezogen – und das ist auch die nächste und letzte Station unseres Spaziergangs. Dort angekommen, werden wir besonders herzlich von seiner Mutter und seiner Freundin begrüßt: “Hallo, ich bin sehr geehrt.” In der Mitte des Raumes stehen einige Tische zu einem Konferenztisch zusammengeschoben, an der Wand hängt ein Whiteboard, auf dem einige der wichtigsten Grundlagen auf Deutsch geschrieben stehen. Daneben zwei Plakate mit den Multiplikationsregeln und den Grundrechnungsarten. In der Ecke steht ein Tisch voller afghanischer Spezialitäten, die Mustafas Mutter extra für uns zubereitet hat. Sie selbst dürfen nichts davon essen, da – wie wir ja inzwischen wissen, Ramadan ist.

In den Räumlichkeiten ist außerdem eine Bibliothek, in der es Bücher auf Farsi gibt. Neben etwa 50 Gedichtbänden, gibt es dort auch Geschichtsbücher, Kinderbücher und Romane. Während wir um die große Tafel versammelt sitzen, erzählt uns Mustafa noch ein wenig von sich und seiner, großteils ehrenamtlichen, Arbeit. Mit vollen Bäuchen verabschieden wir uns von Mustafa und seiner Familie. Unseren Spaziergang beenden wir um viele Erfahrungen reicher, die uns sonst vielleicht entgangen wären, aber jetzt niemand mehr nehmen kann. Es lohnt sich also, das Viertel mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Ramadan
Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime und der neunte Monat des islamischen Mondkalenders. Nach islamischer Auffassung wurde in ihm der Koran herabgesandt. Der Monat besteht in der Regel aus 29 Tagen, kann aber unter bestimmten Bedingungen auf 30 Tage verlängert werden. Wann genau der Fastenmonat beginnt, hängt vom Mond ab. Es gibt einen, in Saudi-Arabien praktizierten, islamischen Kalender, der die Monate des islamischen Kalenders auf Grundlage astronomischer Berechnung schon im Vorhinein berechnet, ohne die tatsächliche Sichtung der Mondsichel zu erwarten. Laut diesem Kalender dauerte der Ramadan im Jahr 2018 vom 16. Mai bis zum 14. Juni. Er wird allerdings nicht von allen Muslimen anerkannt. Während des Ramadans ist es Muslimen untersagt, in in den Stunden zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zu Essen, zu Trinken und zu Rauchen. Auch Geschlechtsverkehr ist in dieser Zeit nicht erlaubt. Neben diesen Verboten, gibt es auch moralische Regeln, an die sich Muslime besonders während des Ramadans halten müssen. Üble Nachrede ist ebenso untersagt wie das Lügen. Zum Fasten sind all jene Muslime verpflichtet, die im vollen Besitz ihrer Geistesfähigkeit, volljährig und körperlich dazu im Stande sind. In einigen islamischen Staaten, ist die Fastenpflicht von staatlicher Seite vorgeschrieben. Verstoße werden hier teilweise sogar mit Gefängnisstrafen geahndet. Besonders streng wird dagegen in Saudi-Arabien vorgegangen, hier werden sogar Nicht-Muslime bestraft, wenn sie tagsüber beim Essen oder Trinken erwischt werden. Am Ende des Monats wird mit “Eid mubarak” ein großes Fest, Eid al-Adha, eröffnet und das Fasten gebrochen.

Eigentlich eine (Schla-)Wienerin. Interessiert sich für spannende Geschichten und Persönlichkeiten. Bisschen socially awkward, aber privat eh ur nett.

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