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Kunst als Mittel gegen autoritäre Regime

in Allgemein/KULTUR von

Shahrzad Nazarpour ist eine junge, aus dem Iran stammende Künstlerin. Gemeinsam mit einem Schauspielkollegen führte sie letzten Donnerstag das Stück „Lemniskate“ im Rahmen des spleen*Graz auf. Wir sprachen mit ihr über den Weg nach Österreich und den Wert von Kunst als „Tool of Empowerment“.

Im gedämpften Licht des Theater am Lend werden die Blicke gebannt auf die Bühne gerichtet, wo die Performer:innen in Erwartung verharren. Als das Licht schließlich erlischt, durchdringt die Stimme von Shahrzad die Stille und schließt den ersten Akt mit den markanten Worten: „But if I can’t dance – I don’t want to be part of your revolution.“ Dieses Zitat der US-amerikanischen Aktivistin Emma Goldman markiert den Auftakt zu einer tiefgründigen Reflexion über die Verbindung zwischen Kunst und Veränderung.

Die Worte „Einschränkung“ und „Leidenschaft“ scheinen auf den ersten Blick unvereinbar zu sein, doch für die junge Shahrzad waren sie wie zwei Seiten derselben Medaille. Mit zehn Jahren betrat sie die Bühne eines Theaterfestivals für Kinder und Jugendliche in ihrem Heimatland und spürte sofort den Funken, der ihre Leidenschaft entfachte. Von diesem Moment an war ihr Weg vorgezeichnet: Shahrzad wollte die Welt des Theaters erkunden, durch Regie und Schauspiel ihre Stimme finden und vielen Geschichten Leben einhauchen. Doch der Weg, den Shahrzad einschlug, war nicht ohne Hindernisse.

 

Künstlerische Freiheit im Nahen Osten?

In einem Land, dessen kulturelle und religiöse Sitten oft mit den künstlerischen Ambitionen kollidieren, stand sie vor zahlreichen Herausforderungen. Das Kunststudium in Teheran, das sie nach ihrer Schulzeit in Hamadan begann, war nicht nur von begrenzten Studienplätzen geprägt, sondern auch von der mangelnden finanziellen Unterstützung seitens staatlicher Förderungen und Fonds. Für viele junge Künstler:innen war dies ein schier unüberwindbares Hindernis.
Besonders für Frauen waren die Barrieren noch höher. In einer Gesellschaft, in der Frauen oft mit Restriktionen konfrontiert sind, wenn es darum geht, ihrer Leidenschaft nachzugehen, kämpfen viele gegen Vorurteile und Stereotypen an. Trotzdem lassen sich viele nicht davon abhalten, ihre Träume zu verwirklichen.

Dass diese Situation Risiken mit sich bringt, ist offensichtlich. „Engagierte Leute wie Hamid Pourazari wurden sogar inhaftiert“, erklärt Shahrzad. Doch der Wille der jungen Studierenden war unerschütterlich. Für Shahrzad und ihre Mitstreiter:innen war Kunst nicht nur ein Hobby, sondern eine Lebensweise, der sie bereit waren, trotz aller Widrigkeiten nachzugehen.

Szene 4 thematisiert „Body in Revolution“ – Foto: Marija Sabanovic

 

Der Kontrast zu Österreich

Im Jahr 2020 überwand Shahrzad zahlreiche Herausforderungen im Zusammenhang mit den bürokratischen Hürden und erlangte schließlich durch ein Studierendenvisum Zugang nach Österreich. Hier begann sie ihr Studium der transmedialen Kunst in Wien. Die Vielfalt der Möglichkeiten und die Freiheiten, die sie dort genießt, empfindet sie als äußerst bereichernd. Trotz der Erwartung, dass Universitäten ein sicherer Raum sein sollten, sieht sie sich dennoch mit Vorurteilen konfrontiert. „Es ist fast so, als hätte ich ein Label mit ‚Iran‘ auf meiner Stirn“, reflektiert sie.

Anfangs wurde sie oft gefragt, wie sie ihre künstlerischen Aktivitäten mit den Vorstellungen ihrer Eltern und ihrem Glauben vereinbaren könne, statt über relevante künstlerische Themen zu sprechen. Für sie spielt jedoch die Meinung ihrer Eltern keine zentrale Rolle in ihren künstlerischen Ausdrucksformen.
Ihre Aktionen dienen einem höheren Zweck und behandeln Themen, die sowohl ihre Heimat als auch die globale Gemeinschaft betreffen. Sie möchte sich nicht auf ein eng definiertes Thema beschränken lassen, da sie eine kollektive Identität vertritt, die über nationale Grenzen hinausreicht.

 

Protest als Inspiration

In ihren individuellen Erfahrungen verankert, fand sie im Minimalismus eine künstlerische Ausdrucksform, die ihre Vision von Einfachheit und Bedeutung vermittelte. Inspiriert ist sie dabei auch von Jérôme Bel, einem französischen Tanzchoreographen, und der Kraft der Ironie in der Kunst, um gesellschaftliche Missstände zu reflektieren. Die anhaltenden Proteste im Iran, insbesondere in Belutschistan, beeinflussten ihre Auseinandersetzung mit der Gesellschaft stark. Sie integrierte Musik aus der Region in „Lemniskate“, um auf die Menschen dort aufmerksam zu machen. Als Zeichen des Widerstands gegen die Überwachung und Unterdrückung in der Gesellschaft ließ sie sich von den jungen Frauen inspirieren, die Überwachungskameras in U-Bahn-Stationen mit Binden überklebten. Tanz betrachtet sie nicht nur als künstlerische Ausdrucksform, sondern auch als ein Werkzeug zur Stärkung und Ermächtigung.

Erkennbar auf den Hosen: „We stand with — people“ – Foto: Marija Sabanovic

„… a time for rage and hope.“

Auf die Frage, ob die iranische Regierung auf ihre Aktivität reagieren könnte, erwiderte sie, dass das offen sei. Darauf könne kaum jemand eine klare Antwort geben, da alles und nichts passieren kann. Trotzdem entscheidet sie sich bewusst dafür, das Risiko einzugehen und an Demonstrationen und Protesten teilzunehmen. Ihre Motivation, sich einzubringen, beruht darauf, dass sie einfach fest daran glaubt, ihrer Kunst nachzugehen. Obwohl ihre Familie besorgt ist und ihr davon abrät, sich zu engagieren, entscheidet sie sich dennoch dafür. Sie ist sehr darum bemüht, nicht die Einschränkungen und Begrenzungen, die sie im Iran erlebt hat, mit sich zu tragen. „Die Angst ist aber berechtigt und ich glaube viele Leute haben dieses Gefühl.“

Die Geschichte von Shahrzad Nazarpour ist eine von Mut, Leidenschaft und Beharrlichkeit. Sie zeigt, dass selbst in den schwierigsten Zeiten die Flamme der Kreativität nicht erlischt, sondern im Gegenteil, umso heller brennt. Durch ihre Kunst hat sie nicht nur ihre eigene Stimme gefunden, sondern auch anderen Mut gemacht, ihren eigenen Weg zu gehen – egal, wie steinig er auch sein mag.

 

Grazer Theaterfestival - spleen*graz

Das spleen*Graz ist ein internationales Theaterfestival, das vor allem an ein junges Publikum gerichtet ist. Alle zwei Jahre gibt es ein umfangreiches Kunst- und Kulturprogramm. Das Festival dauert noch bis Mittwoch, dem 24. April an und bietet über viele Grazer Kulturhäuser ein vielfältiges Angebot.

Programm: https://spleen-graz.at/programm/
Lemniskate: https://spleen-graz.at/lemniskate/

Titelbild: Shahrzad Nazarpour und Morteza Mohammadi in Szene – Foto: Marija Sabanovic

2000 geboren und im wunderschönen Salzkammergut (OÖ) aufgewachsen. Seit Oktober 2023 studiere ich Journalismus und PR an der FH Joanneum Graz. Davor war ich fünf Jahre lang als Buchhändler tätig und bin somit gelernter Buch- & Medienwirtschafter.

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