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Mit dem < rotor > der Wildnis auf der Spur

in KULTUR von

In der Ausstellung „Wilde Winkel. Sich einwalden in der städtischen Welt“ widmet sich der < rotor > der Wildnis in Graz.

Von: Sofia Müller Garcia, Eva Derler

Das begrünte Kunsthaus, der Europaplatz als Badeoase mit Schwimmteich und das „Insektenhotel Daniel” als Teil einer Wandzeichnung wecken das Interesse beim Betreten des < rotor >. Utopien, Visionen, aber auch reale Orte der wilden Natur eröffnen die aktuelle Ausstellung „Wilde Winkel. Sich einwalden in der städtischen Welt“ im < rotor >.

Ausgangspunkt für die Ausstellung war das übergeordnete Netzwerkprojekt „Das Grüne Band in Graz”. „Dieses grüne Band legt sich von Westen, vom Plabutsch, über die Mur bis zum Leechwald im Osten“, erklärt Margarethe Makovec, die Kuratorin der Ausstellung. Sie ist eine der Projektinitiator:innen des Grünen Bands. Dieses verbindet umliegende Kunst- und Kulturinstitutionen wie beispielsweise das Graz Museum und ist an keine strikten Grenzen gebunden. „Wir haben uns der Stadt aus einer mehr-als-menschlichen Perspektive genähert“, beschreibt Makovec das Netzwerkprojekt. Dabei werden sich die Fragen gestellt: Wer lebt außer uns Menschen sonst noch in der Stadt? Wie steht es um wilde Tiere? Wie geht es den Pflanzen? 

Ein Teil der Wandzeichnung „Das Grüne Band von Graz“ von Coline Robin – Bild: Eva Derler

Mit der Ausstellung „Wilde Winkel” greift der < rotor > verschiedene Perspektiven des Zusammenlebens von Natur und Mensch auf. Dabei reicht die Bandbreite von Bleistiftzeichnungen über Natur und Obdachlosigkeit bis zu aktivistischen Werken, bei denen auf potenzielle Grünflächen hingewiesen wird. „Im < rotor > beschäftigen uns immer Themen, die ganz nah am Menschen sind, die uns alle berühren, im wahrsten Sinne des Wortes“, erzählt Makovec. Ein wiederkehrendes Thema ist die Bodenversiegelung. Die Kuratorin meint dazu: „Wir müssen den Grünraum, den wir haben, schützen und erweitern. Total relevant finde ich auch, über Entsiegelung nachzudenken.“

Die Wildnis unter uns

Ein großer Teil des wilden Lebens in Graz ist in den Böden versteckt, wie „Mother Earth“ von Clara Oppel zeigt. „Die Pflanzenwelt und die Tierwelt leben in Beziehung zu uns und diese nehmen wir zu wenig wahr. Ich habe akustische und visuelle Beobachtungen, also das was unter dem Boden, knapp darüber und drumherum passiert, gesammelt, bearbeitet und mache sie in dieser Installation erfahrbar“, klärt die in Graz lebende Künstlerin über ihr Werk auf. Für diese hat sie Geräusche aus dem Boden der Klostergärten der Lazaristen und Minoriten mit speziellen Mikrofonen aufgenommen. Dazu erscheinen in der Ausstellung leuchtende Umrisse von Pflanzen an der Wand. Als Vorlage dienten dafür Pflanzen, die sich entlang von Mauerfugen oder Wegrändern ihren Weg ins Freie bahnen. Clara Oppel erzählt: „Ich musste nicht lange suchen. Man macht die Tür auf und findet diese Gewächse in jedem Winkel , nur dass man sie nicht wirklich beachtet.“ 

< rotor >, Mother Earth von Clara Oppel, 2024 – Bild: Thomas Raggam

Natur gegen Beton

Dass Bodenversiegelung eine Gefahr für die städtische Wildnis ist, zeigt das Werk „Uprooted“ der Wienerin Isa Klee. Im Mittelpunkt steht dabei die Rettungsaktion des green.LAB. Hierbei handelte es sich um ein Zwischennutzungsprojekt zu grüner Infrastruktur in der Smart City. Nachdem der Holzbau und der umliegende Garten dem Bau einer Mittelschule weichen mussten, rettete Isa Klee mit Freund:innen einige Lebewesen vor den Baggern. „Wir haben einfach Pflanzen ausgegraben und die Erde in Kübel gefüllt. Da die Erde so gut war, befanden sich viele Regenwürmer darin“, erzählt sie. Vor der Stahl-Eberhardt-Halle wurde nun ein kleiner Garten angelegt und die alte Industriehalle selbst ist das letzte Refugium für die streng geschützte Mauereidechse in der Smart City. „Das Absurde ist, dass genau diese Halle jetzt wahrscheinlich der wertvollste Ort in dem Stadtteil ist“, sagt Isa Klee.

< rotor >, Uprooted – Von Advocacy, Ecological Grief und Stadt als Multi-Species-Gefüge von Isa Klee, 2024 – Bild: Thomas Raggam

Mit ihrem Beitrag zur Ausstellung möchte Isa Klee auf jene Lebewesen aufmerksam machen, die in der Stadtentwicklung immer mehr verdrängt und vergessen werden. „Global gesehen, ist Stadtentwicklung eine der größten Treiber für den Verlust von Biodiversität“, erläutert Isa Klee. Das Zusammenspiel von Stadtentwicklung und Naturschutz sieht sie als Herausforderung, aber es sei viel Potenzial vorhanden, da sich die Bevölkerung in der Stadt Natur wünscht. Das neu beschlossene EU-Renaturierungsgesetz sieht sie dabei als Schritt in die richtige Richtung. Doch es brauche bereits jetzt Entscheidungen, wie sich die Stadt in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Ganz Graz als Ausstellungsort

Die Ausstellung ist aber nicht auf die vier Wände des < rotor > beschränkt. Rundgänge und Workshops  zu „Wilden Winkeln” sind über den Sommer geplant. Auch interaktive Werke bringen die Ausstellung ins Freie. Beispielsweise will Anita Fuchs mit „Sät Glück” auf die bedrohte Fledermausart der „Großen Hufeisennase” mit ihrem Lebensraum im Schloss Eggenberg aufmerksam machen. Pflanzensamen zur Anlegung von Wildwiesen, speziell für die Fledermäuse abgestimmt, stehen dazu in der Ausstellung bereit. 

Wilde Winkel. Sich einwalden in der städtischen Welt

Ausstellungsdauer:

7. Juni bis 3. August 2024 und 26. August bis 19. Oktober 2024 im < rotor >

Workshops und Rundgänge in nächster Zeit:

NADEL-MEDITATION – Eine gemeinsam entstehende Leinwand des Zusammenseins, Workshop mit Francesca Aldegani
3. Juli 2024, 18-20 Uhr

Uprooted – Smart City Walk aus der Sicht von Sperlingen, Mauereidechsen, Weinstöcken und Huflattich, mit Isa Klee
6. Juli 2024, 15-17 Uhr
Treffpunkt: Wasserturm Waagner-Biro-Straße

Titelbild: Kuratorin Margarethe Makovec vor der Wandzeichnung im < rotor > – Bild: Eva Derler

2023 die Matura an der HLW Schrödinger absolviert, tauchte ich im darauffolgenden Herbst in die Medienwelt an der FH JOANNEUM ein. Gemeinsam mit 47 anderen Jungjournalist:innen aus JPR23 wird seitdem das Annenviertel unsicher gemacht – immer auf der Suche nach einer guten G’schicht für die Annenpost.

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