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Die Ruhe nach dem Lendwirbel

Der Lendwirbel ist vorbei. Von 2. bis 7. Mai hat er für Leben im Annenviertel gesorgt und mit Konzerten, Workshops und Gemeinschaftsaktionen die Nachbarschaft zum „Wirbeln“ gebracht.

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Der Lendwirbel fand seinen Höhepunkt Freitag und Samstag bei Live-Musik, guter Gesprächskultur und starkem Miteinander. Foto: Roman Wagner

Das Nachbarschaftsfest im Annenviertel, der Lendwirbel, ist gestern zum zehnten und möglicherweise letzten Mal zu Ende gegangen. Ein vielleicht letztes Mal wurde der Bezirk „zum Wohnzimmer gemacht“. Im Vergleich zum Vorjahr war das Programm heuer unter dem Motto „offlend“ etwas abgespeckt, an mehreren Tagen funkte auch der Regen dazwischen; in den sechs Tagen des Wirbels, der auf die traditionelle Eröffnung vom Schlagergarten Gloria folgte, gab es trotzdem zahlreiche Highlights zu entdecken.

Poeten und Kapitäne

Montagmorgen in Lend. Nur wenige Leute sind in den Gassen anzutreffen. Vor dem Blendend ist keine Menschenseele zu sehen. Nichts lässt vermuten, dass in den vergangenen Tagen das Gegenteil der Fall war. Ein paar vereinzelt herumliegende, leere Bierdosen erinnern noch an das Nachbarschaftsfest. Wo eine Woche lang getanzt, gesungen und gelacht wurde, ist wieder Stille eingekehrt. 

Erst am Freitag traten die Dichter Yannick Steinkellner und Christoph Steiner, die man unter dem Namen Pauken & Poeten kennt, im Innenhof des Lokals auf. Beim Poetry Slam waren sie noch zu zweit unterwegs, tags darauf ernannten sie sich zu „Kapitänen” und moderierten unter dem Motto „Schiff Ahoi!” den Kombüsen Slam, bei dem gleich acht wortgewandte Steirer auftraten. Fünf Minuten hatten sie Zeit, mit ihren teils erst in der Straßenbahn gedichteten Werken, die Gunst des Publikums für sich zu gewinnen. Dabei reichte das Themenspektrum von Erinnerungen an den letzten Exfreund, bis hin zu politischen Texten.

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„Pauken und Poeten”: Christoph Steiner (li.) und Yannick Steinkellner. Foto: Samira Frauwallner

Trommelklänge und Haarschneiderei

Der Hier-ist-Platz-Platz, nicht weit davon entfernt, ist ebenfalls kaum wiederzuerkennen. Die Girlanden des Festes sind verschwunden, die abgesessenen Sofas der Vortage kehrten in ihre Wohnzimmer zurück. Noch vor kurzem standen hier zahlreiche Feiernde und Musik auf dem Programm.

Wie aus dem Nichts tauchten am Donnerstagnachmittag ganz in weiß gekleidete Trommler auf. Ihre Klänge füllten binnen weniger Minuten den gesamten Platz mit hunderten Schaulustigen. Kinder und Erwachsene tanzten zum Rhythmus der Musik.

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Trommelwirbel beim Hier-ist-Platz-Platz. Foto: Roman Wagner

Auf demselben Platz ist auch die Haarschneiderei angesiedelt. Der Friseurladen, der heuer sein zehnjähriges Jubiläum feiert, ist der „Geburtsort” des Lendwirbels. Mit Seifenblasen und Glitzerschminkstand trug ihr heuriges Projekt „die Glitzerei” zum Lendwirbel bei. „Die Leute sollen ein Zeichen setzen, dass man uns nicht alles verbieten kann. Es gehört viel mehr Spaß verbreitet”, sagt die Besitzerin der Haarschneiderei, Nicole „Nikki” Pollinger.

Scherbenklänge und Flohmarkt-Treiben

In der Scherbe in der Stockergasse ist es finster. Die Fensterläden sind geschlossen, keine Musik dröhnt aus der Auslage. Im Hinterhof, dem sogenannten Scherbengarten, sind die Flohmarktstände verschwunden, alles wirkt wie ausgestorben.

Im Zuge des Lendwirbels traten mehrmals Grazer Musikgruppen im Scherbenkeller auf. Der Wahlgrazer Georg Neureiter mit seiner Akustikgitarre und die beiden Musikpädagogen Sanja und Alex gaben hier ihre Klänge zum Besten. Im Hinterhofflohmarkt, der nicht nur im Scherbengarten, sondern im gesamten Bezirk stattfand, sahen manche sogar einen Ersatz für den kürzlich abgesagten Annenstraßen-Flohmarkt. „Es ist gut, dass die Leute den Mut behalten und trotzdem irgendetwas im Viertel passiert”, sagt die Second-Hand-Liebhaberin Beatrix, die gemeinsam mit ihrer Tochter Laura einen Stand am Flohmarkt hatte.

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Georg Neureiter sorgte im Scherbenkeller für Gänsehautmomente. Foto: Ramona Arzberger

Tod und Wiederauferstehung

Der Lendwirbel 2017 war anders, als in den vergangenen Jahren. Verregnete Tage, die so manche Aktion ins Wasser fallen ließen und die Organisation unter dem Motto „offlend” sorgten dafür, dass das Wirbeln teilweise chaotisch verlief. Dennoch war auch die heurige Wirbelei etwas Besonderes, ließ die Nachbarschaft im Annenviertel zusammenrücken. „Schön ist, wie viele Projekte und Ideen eigenverantwortlich, mit viel Engagement und in Kooperation untereinander umgesetzt und verwirklicht wurden”, sagt das Lendwirbel-Kollektiv.

Ob das heuer der letzte Lendwirbel war? „Das wird sich zeigen. Wir würden uns natürlich freuen, wenn es nächstes Jahr wieder ein Nachbarschaftsfest gibt! Aber dafür braucht es die Unterstützung von vielen Seiten”, sagt das Kollektiv. Der Lendwirbel 2017 ist vorbei. Im Bezirk ist wieder Ruhe eingekehrt. Für wie lange ist ungewiss, vielleicht feiert er schon in 365 Tagen seine Auferstehung.


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Über den Autor

Markus Röck
Ein Ennstaler Unikat auf Grazer Boden - das ist Markus. In seiner Freizeit findet man ihn entweder auf einem der heimischen Berggipfel, im Kino oder bei einem Städtetrip in eine von Europas Metropolen. Sein neuestes Hobby: Graz erkunden.
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