Porträt Yaşar Genç
Lesezeit: 4 Minuten, 41 Sekunden

Ein Mann, der Perspektiven schafft

in Allgemein/SOZIALES von

Yaşar Genç ist Herz und Seele der „interkulturellen Jugendarbeit“ bei ISOP. Dass es besonders als Flüchtling nicht einfach ist, in Österreich Fuß zu fassen, hat Genç vor genau 30 Jahren am eigenen Leib erfahren.

Von: Melanie Schönwetter, Magdalena Münzer

„Wenn man den nötigen Mut und Willen hat und sich stets sein Ziel vor Augen hält, kann man alles schaffen.“ Davon ist Yaşar Genç überzeugt. Der Sozialarbeiter setzt sich mit aller Kraft für junge Menschen ein, die keinen Arbeitsplatz in Österreich finden, egal ob sie hier geboren wurden oder nicht. Wie es sich anfühlt, ganz auf sich selbst gestellt zu sein, weiß Genç genau. Vor 30 Jahren musste der gebürtige Türke selbst alles aufgeben und aus seinem Heimatland fliehen. In Österreich fand er sein neues Zuhause. Und eine Arbeit, die ihm heute die Möglichkeit gibt, junge Menschen an die Hand zu nehmen, die vor denselben Abgründen stehen, die er selbst einst überwinden musste.

Ein weiter Weg in ein besseres Leben

Oft sind es Jugendliche, die unbegleitet, also ohne ihre Eltern, nach Österreich gekommen sind, die Genç und sein Team unterstützen. Denn auch wenn sie sich in Österreich in Sicherheit gebracht haben, haben sie in Wirklichkeit erst die halbe Reise hinter sich. Ohne Sprachkenntnisse und oft auch ohne ausreichende Ausbildung finden sie keine Arbeit. Diese Situation kann Jugendliche auch psychisch schwer belasten. Yaşar Genç und sein Team suchen Ausbildungsplätze für die jungen Menschen, begleiten sie zu Vorstellungsgesprächen, bieten Sprachkurse an und beraten ihre Schützlinge auch psychosozial über Jahre hinweg. „Wir sind ihre Begleiter. Wir zeigen den Jugendlichen, wie sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können.“ Besonders in der derzeitigen Situation verlieren viele der Klient*innen die Hoffnung, da ihnen schlichtweg die technischen Mittel fehlen, um den Kontakt mit ISOP zu halten. 

„Wir sind ihre Begleiter. Wir zeigen den Jugendlichen, wie sie ihr Leben in die eigenen Hände nehmen können.“ – Yaşar Genç

Noch vor knapp zwei Jahren war es für ihn und sein Team um einiges leichter, Arbeitsplätze zu finden. Denn bis 2018 durften Flüchtlinge auch ohne Asylbescheid eine Lehrausbildung in Mangelberufen machen. Stolz berichtet Yaşar Genç von einem jungen Mann, der ohne Schulbildung und dank der Hilfe von ISOP heuer sein drittes Lehrjahr antreten konnte. „Die Voraussetzungen für Erfolg sind nicht nur eine Ausbildung und Sprachkenntnisse, sondern auch einen Willen und Motivation zu haben”, ist Genç überzeugt. Doch leider reicht das nicht immer. Trotz hoher Arbeitsbereitschaft erfahren viele der Jugendlichen immer wieder Abfuhren.

In seinem Berufsalltag ist Genç täglich mit den Schicksalen dieser jungen Menschen konfrontiert. Dass ihm jedes einzelne davon nahe geht, merkt man ihm an, wenn er von ihnen erzählt. Er berichtet von Arbeitgeber*innen, die plötzlich keine freie Stelle mehr haben, sobald sie erfahren, dass es sich um Bewerber*innen mit Migrationshintergrund handelt. Von jungen Menschen, die eine Lehrstelle finden, gute Fortschritte machen und dann – aus heiterem Himmel – doch noch abgeschoben werden. Einige tauchen dann ab, doch den Kontakt mit Yaşar Genç halten viele von ihnen über Jahre hinweg. Genç versteht seine Klient*innen, denn vor 30 Jahren stand er selbst vor denselben Herausforderungen. 

Wie Genç nach Österreich kam

Yaşar Genç wusste schon immer, dass er mit Menschen arbeiten will. Daher studierte er von 1986 bis 1990 Soziale Arbeit in Ankara. Zu dieser Zeit spitzte sich auch der türkisch-kurdische Konflikt im Land immer mehr zu. Als Genç nach Abschluss seines Studiums an die Front befohlen wurde, traf er eine schwere Entscheidung. Für den damals 20-jährigen kam die Einberufung einem Todesurteil gleich, er entschloss sich, aus der Türkei zu fliehen. 

Das Zittern an den Grenzen

Für viel Geld erklärte sich ein Schlepper bereit, ihn mit einem Reisebus nach Österreich zu bringen. Mitnehmen konnte Genç nur das, was er bei sich hatte: ein wenig Geld für Essen und die Kleidung, die er gerade trug. An den Grenzübergängen mussten Polizisten geschmiert werden, an der Grenze zum damaligen Jugoslawien versteckten sich die Flüchtenden – auf engstem Raum zusammengepfercht – für fast eine Stunde in einem Rohr unter den Sitzen. „Wir waren elf Personen auf engstem Raum. Ich dachte, ich ersticke”, erinnert sich Genç schaudernd. Am 4. Jänner 1991 kam der Bus endlich in Graz an. Auf einem verlassenen Parkplatz setzte der Schlepper die Männer einfach in der Kälte aus. Erst nach vielen Stunden endlosen Wartens, holten Bekannte Genç dort ab.

„Wir waren elf Personen auf engstem Raum. Ich dachte, ich ersticke.” – Yaşar Genç

Als Dolmetscher für die Polizei erlebt Genç, dass der Weg über die Grenze nicht immer so reibungslos abläuft wie 1991 für ihn. Nicht selten wird er mitten in der Nacht zu Grenzeinsätzen gerufen. Traurig erinnert er sich an eine Winternacht, in der er für eine ältere Dame übersetzen musste, die mit ihren Enkelkindern einreisen wollte, aber nicht über die Grenze gelassen wurde. Es war eiskalt, die Frau flehte ihn um Hilfe an. Aber Genç ist in solchen Situationen machtlos. Dieses Gefühl der Ohnmacht macht Yaşar Genç jedes Mal aufs Neue zu schaffen. 

Weg zum Traumberuf

Im Jänner 1991 endlich in Österreich angekommen musste Genç feststellen, dass sein Studium nicht anerkannt wird und er seinen Beruf nicht ausüben darf. Zehn Jahre lang arbeitete er als Hilfsarbeiter. Erst später bekam er beim Landesschulrat Steiermark eine Anstellung als Kurdisch-, Türkisch- und Integrationslehrer. 2011 gab es für Yaşar Genç dann nach 20 Jahren in Österreich doch noch eine Chance, sich in seinem ursprünglichen Beruf zu verwirklichen. Er durfte an der FH Linz wenige fehlende Prüfungen nachholen und konnte innerhalb von zwei Semestern seinen Bachelor in Soziale Arbeit mit sehr gutem Erfolg abschließen.

In der Folge arbeitete er bei Jugend am Werk und bei der Therapeutischen Gemeinschaft Steiermark. Seine Zeit bei Jugend am Werk sieht Genç als Sprungbrett. „Es war eine große Herausforderung. Aber dadurch konnte ich wichtige und wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Menschen sammeln.” Durch Zufall stieß er dann auf eine Jobanzeige von ISOP: Ein Mitarbeiter mit Migrationshintergrund wurde gesucht. Seit Yaşar Genç kurz nach seiner Ankunft in Österreich einen Deutschkurs bei ISOP gemacht hat, träumte er von einer Anstellung bei dieser Organisation. Tatsächlich bekam er die Stelle und leitet nun seit vier Jahren mit einer Kollegin gemeinsam das Projekt “Interkulturelle und offene Jugendarbeit”. 

Bei ISOP hat Genç eine Arbeit gefunden, die ihn erfüllt. Er ist Sozialarbeiter mit Herz und hält den Kontakt zu seinen Klient*innen auch noch Jahre nachdem sie bei ISOP Hilfe gefunden haben. „All meine positive Energie gewinne ich aus der Freude meiner Klient*innen, wenn es ihnen gut ergeht!“ Seine Liebe zu Menschen, sein Talent gut zuzuhören und Lösungen für Probleme zu finden, macht ihn zu einer ganz besonderen Bezugsperson für viele junge Menschen, die vor Herausforderungen stehen, wie sie auch Genç selbst einst meistern musste.

 

Titelbild: Yaşar Genç vor dem ISOP Gebäude – Foto: ISOP

Zeitreisende, zumindest in Gedanken. Trägt Socken einfach anders und ist glücklich, sobald Bücher in Reichweite sind.

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