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Theater Zephier: Die „Höllenangst“ im 21. Jahrhundert

in Allgemein/KULTUR von

Am 13. Juni feierte die Laientheatergruppe “Zephier” im Kristallwerk Graz die Premiere ihrer modernen Version der Kriminalkomödie “Höllenangst” von Johann Nestroy. Die Gegenwart ist durchzogen von Krisen und politischen Spannungen. Um eine kritische Reflexion der heutigen Politiklandschaft auszulösen, nutzt der Theaterverein Nestroys klassisches Werk.

Die “Höllenangst” von Johann Nestroy aus dem Jahre 1849 war geprägt von politischen und gesellschaftlichen Problematiken dieser Zeit. Doch auch 175 Jahre später sind Themen wie Korruption, Krieg und Armut immer noch hochaktuell. Für die Inszenierung des Theaters Zephier hat Regisseur Alois Gallé das Stück an die heutige Zeit angepasst. Darsteller Benjamin Daniczek erklärt, dass das “ganze Netzwerk, das sich unter der Regierung Sebastian Kurz, zwischen Kurz selbst, mancher seiner Minister und Leuten aus dem Finanzbereich gebildet hat” beleuchtet wird.

Nestroy à la Gallé

Gallé gießt die Originalversion des Stücks in eine neue Form. Der Bösewicht Stromberg heißt beispielsweise Benkowitsch. Das spielt auf den größten Insolvenzfall Österreichs der Signa Gruppe an. Außerdem kreiert er einen neuen Charakter, den Oberrichter, der für Ordnung Sorgen möchte. Solche Menschen wünscht er sich auch in der Realität. “Das ist eine schöne Metapher für die heutige Zeit, dass es jemanden gibt, der versucht, Ordnung herzustellen”, so Gallé. Er betont die Pluralität der einzigartigen Charaktere und ihre persönlichen Schieflagen. Gallé stellt klar, dass seine Interpretation stark von der Originalversion abweicht. Für sein eigenes Theaterstück strich er unnötige Figuren und verdichtete die Handlung. 

Die ursprüngliche Botschaft des Stücks bleibt erhalten. Nestroy forderte mit dem Stück schon zur Entstehungszeit zum Widerstand gegen ungerechte Autoritäten auf. Kritisches Denken und Verantwortung zu übernehmen ist immer noch wichtig. Trotz der ernsten Botschaften lässt die Theatergruppe den Humor nicht zu kurz kommen: Die hauptsächlich in Mundart vorgetragenen Szenen bringen einen schnell mal zum Schmunzeln. 

Gut und Böse stehen sich gegenüber – Foto: Magdalena Roschitz

Regisseur Alois Gallé erzählt, dass er das Stück vor 30 Jahren in einem Theater in Deutschland gesehen hat. Das hat einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen. Aber auch Geld spielt eine Rolle: „Die Suche nach einem Stück beginnt immer mit einem, das kein Tantiemen kostet.“ Aber auch die komplexe Handlung von Nestroys Werk faszinierte ihn. „Nestroy reagierte zu seiner Zeit auf die damalige Politik, und ich habe das für unser Stück übernommen“, berichtet der Regisseur. 

Einblicke hinter die Kulissen

Für Darsteller Daniczek ist die Aufführung von “Höllenangst” bereits die vierte Zusammenarbeit mit dem Theater Zephier. Er verkörpert die Rolle des Richters Thurming. Gerade die Arbeit des Regisseurs bewundert er sehr. Dieser hat einen ganz besonderen Regie-Stil. “Es geht ein bisschen ins Entfremdete, Absurde hinein – diesen Stil mag ich extrem gern.” Für die Premiere übt die Theatergruppe fleißig im Probenhaus der Freien Theater. Die Stadt Graz gibt hier freien Theater-, Tanz- und Performance-Schaffenden die Möglichkeit, zu proben – und das kostenlos. 

“Höllenangst” beschreibt Daniczek als “eine ans Absurde grenzende Kriminalkomödie über eine Welt, die aus den Fugen geraten ist, mit sehr viel Wortwitz”. Er findet, dass die aktuelle politische Thematik gut anhand des Stücks interpretiert werden kann. Sein Charakter verkörpert die Idealisten, “die gegenüber der Versuchung von Macht und Geld immun sind.” Die Theatergruppe selbst ist sich bei den politischen Themen, auf die das Stück anspielt, relativ einig. Diskussionen gab es keine, dafür solidarisches Gelächter. Daniczek stellt treffend fest: “Es ist wichtig zu erkennen, welche Strukturen und welche Personen an dem Leid in der Welt tatsächlich schuld sind.”

Charaktere Vater Pfriem (Christian Somweber), Reichthal (Dagmar Krentschker), Wendelin (Felix Scheuer), Eva Pfriem (Brigitte Perner-Marchesan)(von links nach rechts) – Foto: Magdalena Roschitz

Mit Vorfreude in die Premiere

Benjamin Daniczek erwartet von der Premiere ein intensives Erlebnis für das Publikum. „Mir persönlich wäre am liebsten ein deprimiertes Gelächter“, sagt Daniczek schmunzelnd. Er sieht in dem Stück eine kraftvolle Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. Diese werden durch die Charaktere und ihre verzweifelten Kämpfe gegen Macht und Korruption eindrucksvoll dargestellt. Die moderne Version von „Höllenangst“ soll die Besucherschaft zum Nachdenken anregen. Gleichzeitig wird eine humorvolle, aber ernste Reflexion über die politische Situation der letzten Jahre dargestellt.

Einblick in die Schlussszene – Foto: Magdalena Roschitz
Infobox

„Höllenangst“ des Theater Zephier

Das Theater Zephier wurde 2017 von Alois Gallé gegründet. Gallé studierte Bühnenbild an der Akademie der Bildenden Künste in Wien. Das Ensemble besteht aus 45 Darsteller:innen. Die Ensembles der Theaterinszenierungen wechseln immer wieder.

Die Premiere von Höllenangst findet am 13. Juni im Kristallwerk statt. Weitere Aufführungen werden am 14., 15., 17., 20., 21. und 22. Juni stattfinden und beginnen jeweils um 20 Uhr. Interessierte können Tickets beim Kartenservice erwerben (office@theater-zephier.at) und sich auf einen Abend voller absurden Humors und politischer Reflexion freuen.

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Titelbild: Protagonist Benkowitsch (Lukas Deutsch) und seine Gestalten (Verena Jöbstl, Elena Trantow, Paola Hauer) – Foto: Magdalena Roschitz

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