Jeremy Chavez beim Slam 8020
Lesezeit: 3 Minuten, 13 Sekunden

Poetry-Slam „straight outta 8020“

in KULTUR/VIERTEL(ER)LEBEN von

Am 15. Mai 2024 fand erstmals der „Slam 8020“ im Grazer Orpheum statt. Das Event ist speziell für Slammer mit Migrationshintergrund gedacht. Mit dabei waren die drei prominenten Poet:innen Yasmin Hafedh aus Wien, Miedyah Mahmod aus Bochum und Jeremy Chavez aus Basel, fünf Newcomer und jede Menge Emotionen und Ehrlichkeit. Die Annenpost war dabei.

Die Hände des Poeten zittern leicht, als er die Zettel langsam auffaltet. Kein Wunder, denn er steht zum ersten Mal auf der Bühne. Alle Scheinwerfer und Augen sind auf ihn gerichtet. Es ist totenstill, nur die Worte des Poetry-Slammers und hin und wieder ein leises Fingerschnipsen, das Zustimmung ausdrücken soll, klingen durch den Saal. Eine gebannte Spannung liegt in der Luft, als er mit fester Stimme zu lesen beginnt.

Ein Sprachrohr für 8020

Poetry-Slam erfreut sich in den letzten Jahren immer größerer Beliebtheit. Längst ist die Szene auch in Graz angekommen. Seit 2020 veranstaltet das Slam Kollektiv regelmäßig Veranstaltungen im Schauspielhaus und Next Liberty. Sie bieten all jenen eine Bühne, die sich mit Worten batteln wollen. Doch Poetry-Slam ist mehr als nur ein lyrischer Wettkampf: Es soll ein Sprachrohr für weniger Privilegierte sein, erzählt der Mitbegründer des Slam Kollektivs Yannick Steinkellner der Annenpost in einem Gespräch im März.

Das ist auch der Hintergedanke des neuen Veranstaltungsformats „Slam 8020“, das am 15. Mai im Orpheum erstmals stattfand. Neben den drei prominenten Fixstarter:innen nahmen fünf  Newcomer teil. Ihre Wurzeln liegen in den verschiedensten Regionen der Welt, doch was sie vereint, sind ihre Erfahrungen, die sie durch ihre Migrationsgeschichten erlebt haben.

Regeln und Freiheiten des Poetry Slam

Durch den Abend führt Moderator Muhammed Dumanli, der „straight outta 8020“ ist, wie es auf dem Instagram Profil des Slam Kollektivs heißt. Auch er ist in der Poetry-Slam-Szene prominent, 2023 durfte er sich österreichischer U20-Meister im Poetry-Slam nennen.

Nachdem Muhammed sein kurdisches Lieblingslied vorgespielt hat, erzählt er dem Publikum, was der Hintergedanke des Abends ist: „Heute machen wir es so wie das AMS, nur umgekehrt. Wir geben den Leuten mit Migrationsgeschichte Vorrang“. Gelächter, zustimmende Rufe und Applaus folgen, dann erklärt Muhi, wie ihn seine Freunde nennen, noch die Regeln: „Die Texte müssen selbst verfasst sein. Alle, die heute auf der Bühne sind, haben ihre Texte selbst geschrieben. Haben sie geschworen! Ich so „schwör?“, sie so „schwör!“ – Das ist die beste Garantie“, verspricht Muhammed. Außerdem dürfen die Poet:innen keine Requisiten mitnehmen, jeder soll so auf die Bühne kommen, wie er oder sie ist. Singen ist nur zu 25,9 Prozent der Zeit erlaubt.

Muhammed Dumanli und die Slam-Poet:Innen
Die Poet:Innen und Moderator Muhammed Dumanli warten gespannt auf die Abstimmung des Publikums. – Foto: Karoline Pilich

Vielfältige Menschen – Vielfältige Themen

Die erste Wortkünstlerin ist Valeria. Was folgt, ist ein humorvoller Text über ein ernstes Thema – nicht der letzte an diesem Abend. Vali erzählt von ihrem Alltag als gebürtige Bulgarin in Österreich. „Ja, meine Haut ist weiß, sehr sogar. Es scheint alles in Ordnung zu sein, bis ich meinen Mund aufmache und ein “R” rolle.“ In den nächsten zweieinhalb Stunden geht es um Menschen, die vieles geopfert haben, die EU, Liebeskummer, Rückschläge, Homophobie und vieles mehr.

Da es sich bei Poetry-Slams um Wettkämpfe handelt, muss auch eine Gewinnerin oder ein Gewinner bestimmt werden. Es gibt drei Runden, in denen je zwei bis drei Dichter:innen gegeneinander antreten. Die Entscheidung liegt diesmal beim Publikum und wird anhand des Applauses gemessen. Die Skala geht von eins („Warum machst du diesen Scheiß?“) bis zehn („Alles Schlechte im Leben wird vergessen“).

Der Abend wechselt zwischen Betroffenheit und Gelächter, Ruhe und tosendem Applaus. Alles läuft glatt, nur einmal ist bei der Entscheidung ein Teilnehmer verschwunden – allerdings war er nur kurz eine Zigarette rauchen – Menschen haben halt Bedürfnisse.

Am Ende kann der Schweizer Jeremy Chavez das Publikum mit seinem Humor von sich überzeugen. Er slammt über seine ecuadorianische Oma und den Schweizer Starfußballer Granit Xhaka, die eines gemeinsam haben: Selbstbewusstsein in einem Land, das dieses nicht von ihnen erwartet. Und er spricht darüber, wie es ist, mit zwei Kulturen aufzuwachsen und sich trotzdem überall fremd zu fühlen.

Die Teilnehmer:Innen des ersten Slam 8020 im Orpheum
Der Gewinner Jeremy Chavez zählt zu den besten Slam-Poeten der Schweiz. – Foto: Karoline Pilich

Schließlich neigt sich gegen 22:30 Uhr ein gelungener Abend dem Ende zu. Die Slam-Poet:innen haben zum Nachdenken angeregt. Poetry-Slammerin Miedya Mahmod äußert noch ein Anliegen: ”Bald ist Europawahl, bitte geht hin! Ich werde nicht dafür bezahlt, das zu sagen, aber wir bezahlen sonst mit unserem Leben.”

Info-Box

Wer selbst Lust auf Poetry-Slam bekommen hat, kann sich vom 17. – 20. Oktober den “Ö-Slam”, die österreichischen Poetry Slam Meisterschaften im Schauspielhaus und Next Liberty in Graz anschauen.

Titelbild: Jeremy Chavez slammt sich mit einem humorvollen Text beim ersten „Slam 8020“ zum Sieg. – Foto: Karoline Pilich

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