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Heimspiel ─ Fußball für Kinder im Annenviertel

in SOZIALES von

Gemeinsam mit dem Amt für Jugend und Familie Graz entwickelte das SOS-Kinderdorf 2019 das Fußball-Projekt HEIMSPIEL. Im Juni startete die zweite Saison der von der Stadt finanzierten Initiative, die es mittlerweile in acht Wohngebieten in Graz gibt. Eines davon befindet sich im Annenviertel. Bis September verwandeln sich Siedlungsinnenhöfe wöchentlich in Fußballstadien für Kinder zwischen vier und zehn Jahren. 

Fußball vor der Haustüre

Dienstag, 16 Uhr in der Waagner-Biro-Straße: Zwei E-Bikes mit Transportanhängern, beladen mit Sportmaterial und Trikots, rollen im Hof der Siedlung ein. Sozialpädagoge Niko Reinberg vom SOS-Kinderdorf gehört zum insgesamt sechsköpfigen HEIMSPIEL-Team. In kurzer Zeit konstruieren die TrainerInnen mobile Fußballarenen mit 6 x 10 Metern. Speziell entworfene Holzbänke mit Netzen bilden Tore, Plastikhütchen markieren die Feldlinien. Der Innenhof füllt sich währenddessen mit Kindern. „Im Durchschnitt beteiligen sich hier bis zu sechzig Mädchen und Buben im Laufe des Nachmittags. Das sind etwa doppelt so viele wie im letzten Jahr“, erzählt Reinberg.

Durch Corona-Richtlinien startete das Projekt heuer anders als geplant.  Die ersten Trainings fanden mit streng begrenzter Teilnehmerzahl, körperlich distanziert und kontaktlos statt. Not machte erfinderisch: Gemeinsam mit den Kindern überlegte sich das Team Wurfspiele mit Wasserbällen und erstellte Hindernis-Parcours. Am 1. Juli lockerten sich die Regeln für Outdoor-Aktivitäten. Die aufgestellten Regeln, beispielsweise regelmäßiges Händedesinfizieren und kein Körperkontakt während Matches, behielt man bei. Spiele finden auf drei Feldern zu je 20 TeilnehmerInnen statt, aufgeteilt in Altersgruppen. Dass Abstandhalten mit Kindern eine Challenge sein kann, erklärt Trainer Reinberg: „Prinzipiell funktioniert das Distanzieren, man muss sich als Trainer allerdings immer neu daran erinnern. Es ist schwer, wenn Kinder einen umarmen wollen und man einen Schritt zurück machen muss.“

Corona-Maßnahmen, SOS-Kinderdorf Spiele mit Kindern
Kreatives Distanzieren in der Corona-Zeit. Foto: Roland Maurer-Aldrian

Zusammen Raum erobern

In der Waagner-Biro-Straße arbeitet das HEIMSPIEL-Team eng mit der Hausverwaltung der ENW zusammen. Gute Absprache ist in diesem Bereich allerdings nicht selbstverständlich: Ballspiel in Innenhöfen verstößt häufig gegen die Regeln vieler Siedlungsgemeinschaften. Neue Wohnblöcke bieten Familien zwar ein Zuhause, den Jüngsten jedoch wenig Orte, an denen sie sich aufhalten können. „Wenn Kindern keine Fläche geboten wird, auf der sie sich austoben dürfen, führt das häufig zu Problemen“, erklärt der Sozialpädagoge. „Je mehr Langeweile aufkommt, desto mehr Unfug fällt einem ein. Jugendliche können sich in größerem Radius bewegen, aber für Kleinere gibt es oft nur Schaukel und Sandkasten vor der Haustüre. Für Drei- bis Zehnjährige entsteht dadurch ein Gap, den wir schließen wollen.“

Neben Ballsport etabliert sich auch etwas Tieferes in den Innenhöfen: Gemeinschaft. Dadurch, dass viele der teilnehmenden Siedlungen neu erbaut wurden, kennen sich die BewohnerInnen untereinander nicht. „Es wird immer selbstverständlicher, die eigenen Nachbarn nicht zu kennen. Dadurch, dass die Kinder wieder zum Spielen im Hof animiert werden, kommen auch Erwachsene, Eltern miteinander ins Gespräch. Es belebt die Siedlungen und verbindet!“, erzählt Reinberg.

SOS-Kinderdorf Team, Heimspiel Fußball-Projekt
Jeden Dienstag ist das HEIMSPIEL-Team in der Waagner-Biro-Straße anzutreffen. Foto: Nina Gyger

Mütter feuern Töchter an

Dass es bei dem Fußball-Projekt keinen Platz für Geschlechter-Klischees gibt, zeigt bereits das SOS-Kinderdorf-Team. Die Gruppe legt Wert darauf, dass auch immer Sozialpädagoginnen dabei sind. Zudem erhalten die BetreuerInnen Unterstützung durch Jugendliche über den Kooperationspartner Heidenspass. In dem Partner-Projekt HeidenspassMATCH arbeiten junge Frauen und Männer als Co-TrainerInnen mit und bekommen einen Stundenlohn. Sie helfen dem Team beim Auf- und Abbauen und können im Laufe der Arbeitserprobung eine Schiedsrichterausbildung machen. „Ziel ist, Jugendliche, die aus dem System gefallen sind, zu motivieren, etwas aus ihrem Leben zu machen – über Sport. Gerade jetzt, nach Corona, sind solche Projekte wichtig. Viele verloren den Arbeitsplatz“, erklärt Reinberg. Ehemalige Geflüchtete und junge Menschen, die durch lange Asylverfahren den Bildungsanschluss verpassten, gehören ebenfalls zur Zielgruppe.

Einer der größten Erfolge des Projekts ist, dass es nicht nur Burschen anspricht. „Letztes Jahr kamen die meisten Mädchen mit Flip-Flops und trauten sich nicht mitzuspielen. Mittlerweile gibt es Siedlungen, in denen die Kickerinnen in der Mehrzahl sind!“, sagt Niko Reinberg. „Es gibt auch Tage, da sitzen Mütter auf den Zuschauerbänken und feuern ihre Töchter an!“ Für die zehnjährige Lina ist HEIMSPIEL wie ein Feriencamp vor der Haustüre: „Ich war bereits letztes Jahr dabei. Wir Mädels erobern immer mehr Fußballplätze!“

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