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Orientalisches Schlaraffenland

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Seit einem Monat betreibt Mehdi Heidari den Lebensmittelladen „Reza“ am Esperantoplatz. Die Konkurrenz ist hart, der Optimismus noch ungebrochen.

Nicht nur die große Auswahl des "Reza" lädt zum Probieren ein. Foto: Phillip Seiser
Nicht nur die große Auswahl des „Reza“ lädt zum Probieren ein. Foto: Phillip Seiser

„Trinken sie Tee?“ Freundlich begrüßt der Neo-Ladenbesitzer meinen Fotographen und mich. Er bittet uns auf zwei bequemen Stühlen Platz zu nehmen, während er in einem Nebenzimmer des Verkaufsraums eine Kanne Tee anrichtet. Er stellt das Tablett an der Theke ab und setzt sich auf einen Hocker zu uns hinter den Tresen. In unserer Mitte steht ein Heizstrahler. Es wird gemütlich. Inmitten der Köstlichkeiten lässt Mehdi Heidari die ersten Wochen revuepassieren. Das Geschäft läuft langsam an. „Mal kommen mehr, mal weniger. Aber auch Österreicher“, freut er sich. Nach 14 Jahren als Angestellter will er nun sein Glück in der Selbstständigkeit versuchen.

Zwischen Realität…
Den Standort an der Straßenbahnstation Esperantoplatz hat Heidari bewusst gewählt. Kurz überlegt er, ob ihm ein besserer Standpunkt in den Sinn kommt. „Nein, wegen der vielen Leute“, ist er sich sicher und deutet nach draußen auf die Straßenbahn. Finanzielle Unterstützung bekommt er keine. Das kleine Lokal kostet ihn kalt, exklusive Strom, satte 1800€ monatlich. Angesichts dieser Mietpreise und  der schleppenden Wiederbelebung der Annenstraße klingt es wie Selbstmord ausgerechnet hier ein Geschäft zu eröffnen. Er macht sich keine Illusionen. Leicht wird es  nicht. Die Straßenbahn fährt weiter und gibt den Blick auf die Konkurrenz genau gegenüber frei. Weiter Richtung Zentrum gibt es noch zwei weitere orientalische Lebensmittelgeschäfte. Jedes versucht den Preiskampf für sich zu entscheiden, erklärt Heidari: „Ich kaufe Tomaten um 1,20€ pro Kilo ein. Wir schlagen 15% drauf.“ Davon sind zehn Prozent Steuern und fünf Prozent bleiben als Gewinn. „Also dann 1,35€. Drüben verkauft er das Kilo um 1,20€.“

…und Hoffnung
Trotzdem verlässt Mehdi Heidari der Mut nicht. Auch, weil er in vielen anderen Städten Vorbilder sieht, denen die Annenstraße folgen könnte. Straßen, in denen sich unzählige Geschäfte wie das Reza aneinanderschmiegen. Die Annenstraße könne einmal eine solche Genussmeile werden, glaubt er: „Die Straße ist tot, aber wir versuchen es wenigstens.“ Jedes der Geschäfte versucht hier für sich zu überleben, und doch hört man keine Missgunst in seiner Stimme. Ein junger Mann kommt herein und fragt auf Arabisch nach Fleisch. Heidari verweist ihn an den türkischen Laden die Straße hinunter. Bei all dem Konkurrenzdruck sitzen die Ladenbesitzer in der Annenstraße trotzdem im selben Boot. Friedliche Koexistenz trotz Überlebenskampf. Man kennt sich und redet auch miteinander. Das „Reza“ führt eben kein Frischfleisch.

Ganz ohne Photoshop. Das Obst und Gemüse leuchtet in den tollsten Farben. Foto: Phillip Seiser
Ganz ohne Photoshop. Das Obst und Gemüse leuchtet in den tollsten Farben. Foto: Phillip Seiser

Alles was das Herz begehrt
Seine Produkte können sich dennoch sehen lassen. Die tief roten, glänzenden Äpfel importiert er, wie den Großteil seines Obst- und Gemüseangebots, aus Italien oder der Türkei. Über einen Verteiler in Wien kommt die Ware schließlich nach Graz, wo sie Mehdi Heidaris Kundschaft mit satten Farben und köstlichen Düften aus den Regalen entgegen lacht. Nach dem gleichen Prinzip finden unzählige getrocknete Kräuter und verschiedenste Gewürze ihren Weg in die Annenstraße. Der Großteil davon stammt aus dem Iran und Indien. Der Vertrieb dafür sitzt in Deutschland. Neben klassischem Chilipulver oder Kurkuma weiß das „Reza“ auch mit echten Raritäten zu punkten. Ganze getrocknete Limonen oder grüne Rosinen finden sich schon seltener in den Regalen von anderen Supermärkten. Auch ein ausgewähltes Sortiment an Wurstwaren und Tiefkühlprodukten, inklusive Halalfleisch, kann Heidaris Geschäft aufwarten. Passend dazu stehen verschiedene Arten von Kochtöpfen in den Verkaufsregalen. Zwischen den arabischen Schriftzügen blitzen auch bekannte Marken hervor. Die unheilige Dreifaltigkeit der Softdrinks. Cola, Fanta, Sprite. „Die Leute wollen auch das. Als Geschäft musst du das auch haben“, begründet Heidari.

Mehdi Heidari kennt seine Produkte ganz genau. Foto: Phillip Seiser
Mehdi Heidari kennt seine Produkte ganz genau. Foto: Phillip Seiser

Bitte zu Tisch
Was sich aus den zahllosen Leckereien alles zaubern lässt, weiß Mehdi Heidari ganz genau. Er kocht selbst nicht viel, verrät uns aber gerne eines seiner klassischen Rezepte für einen persischen Eintopf: „Das nennt man Abgusht (wörtlich: Wasserfleisch). Zuerst legst du Bohnen in Wasser ein. Damit sie weich werden. Zwei bis drei Stunden. Dann kochst du sie.“ Währenddessen wird gehacktes Lammfleisch mit Zwiebeln in Öl angebraten und mit Kurkuma gewürzt. „Das musst du im Schnellkocher machen“, betont er mehrfach und zeigt dabei immer wieder auf das Regal mit den Kochtöpfen. „Dann gibst du Wasser dazu. Aber nur halbvoll machen. Das Fleisch muss bedeckt sein.“ Das Ganze brodelt nun ein wenig dahin, ehe im nächsten Schritt Tomatensauce, Chilipulver und als besondere Feinheit getrocknete Limonen dazukommen. Im großen Finale werden die weichgekochten Bohnen untergemischt. „Jetzt verschließt du den Topf und es muss noch 30 Minuten kochen“, lautet die letzte Anweisung. Abgeschmeckt wird mit Zitronensaft. Als Alternative kann auch die Brühe alleine als Suppe angerichtet werden. Die restlichen Zutaten werden dann zu einem Brei zerstampft. Dazu reicht man traditionell Fladenbrot. Nushe jan! Guten Appetit!

Egal ob beim Wandern in der Natur oder in den Untiefen des Internets, Clemens ist immer weltoffen. Reisen in alle Winkel der Erde steht ganz oben auf seiner To-Do-Liste.

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