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Gemeinsam feiern: Weihnachtszauber für alle

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Im Annenviertel leben Menschen verschiedenster Konfessionen und unterschiedlichster Herkunft. Wir haben uns in der Altkatholischen Kirche, im Verein Chiala und im ukrainischen Kulturverein Ridna Domivka umgehört. 

„Licht ist stark mit Weihnachten verbunden. Heute würde man sich Gott auch eher als Energie vorstellen, als Licht“, erklärt Franz Handler, Pfarrer der Altkatholischen Kirche in der Kernstockgasse 3 (ab 1.2.2024 Maria-Stromberger-Gasse). So wird jeden Adventsonntag eine Kerze am Adventkranz entzündet. Dabei stammt die Tradition des Adventkranzes und des Christbaumes eigentlich aus der evangelischen Kirche.

Auch Kamdem Mou Poh À Hom hat in manchen Jahren einen Adventkranz zu Hause. Er ist Geschäftsführer des Chiala Vereins in Gries und ursprünglich aus Kamerun, er lebt aber schon seit vielen Jahren in Österreich. Obwohl er nicht dem christlichen Glauben angehört, lässt er sich gerne von Freunden und seinen Kindern mitnehmen, die besonders in der Schule mit dem Fest in Berührung kommen. Er und seine Familie besuchen hin und wieder einen Weihnachtsmarkt und stellen, wenn sie zu Weihnachten zu Hause sind, manchmal auch einen Baum auf. Aber eigentlich ist die Familie an Weihnachten gerne weg. Im Ausland, erzählt er, besuchen sie Freunde und hoffen, auch viel über unterschiedliche Weihnachtstraditionen zu lernen.

Ukrainische Weihnachten

Auch in der Ukraine wird Weihnachten gefeiert. Heute ist es so populär wie noch nie, erklärt Maria Mitic vom Ukrainischen Kulturverband in der Annenstraße. Weihnachten wurde in der Ukraine früher erst am 6. oder 7. Januar gefeiert– wegen der vielen Ukrainer, die der orthodoxen Kirche angehören. Der 25. Dezember wurde erst 2017 zu einem offiziellen Feiertag erklärt, früher wurden die religiösen Feste nach dem Julianischen Kalender gefeiert. Jetzt kam man aber zu der Einigung, auf den Gregorianischen Kalender umzusteigen.

Maria Mitic feiert also am 24. und am 25. Dezember. Das hat sie auch schon als Kind so gemacht. Als sie als kleines Mädchen noch in der Ukraine lebte, war es aber gar nicht so einfach, Weihnachten zu feiern. Besonders in den großen Städten wie Kiew war es verpönt, in die Kirche zu gehen, und wurde von der Regierung nicht gerne gesehen. Wollte man einen guten Job, war man Mitglied der Kommunistischen Partei, und wenn man Mitglied der Partei war, konnte man sowieso nur heimlich in die Kirche gehen.

Heute darf in der Ukraine aber wieder das Weihnachtsfest gefeiert werden. Es gibt viele verschiedene Traditionen, die oft aus vorchristlicher Zeit stammen. So zum Beispiel die tiefe spirituelle Verbindung zu den Ahnen. Eine Tradition ist ähnlich zu den Sternsingern. Eine Gruppe aus Menschen zieht um die Häuser, musiziert und spielt Theater. „Die Volkslieder muss man sehr laut und offen singen. „Die Ahnen hören dich und helfen dir dann“, erklärt Maria Mitic.

Das Weihnachtsessen an Heiligabend nimmt auch eine wichtige Stellung des Festes ein. Es müssen zwölf unterschiedliche Gerichte auf den Tisch kommen, wobei einige spezielle Gerichte wichtiger als andere sind und jedes Jahr zubereitet werden. So sind am Weihnachtsabend Uzvar und Kutia nicht wegzudenken. „Uzvar“ ist ein süßes, dickflüssiges Getränk, das aus verschiedenen Früchten gewonnen wird, und „Kutia“ ist ein Getreidegericht, ähnlich dem Porridge. Der ukrainische Lebkuchen „Panyanka“ darf beim Festmahl auch nicht fehlen. Er wird traditionell etwa als Huhn, Reiter oder Stiefel ausgestochen und mit roter Bete bestrichen, was ihm seine rote Farbe verleiht.

Maria Mitic im ukrainischen Kulturverein Ridna Domivka – Foto: Alisa Schwarz

Handgemachte Traditionen

Am ersten Adventsonntag wurden in der Altkatholischen Kirche die Adventkränze der Kirchengänger gesegnet. Im Gemeinschaftsraum der Kirche sind am Tag unseres Besuchs die Tische schön geschmückt. Viele der Dekorstücke haben die Kinder selbst gebastelt, erklärt der Pfarrer. Auch in der Ukraine legt man bei der Weihnachtsdeko selbst Hand an. In vielen Haushalten findet man geometrische Geflechte aus Stroh, die „Spinnen“. Sie werden an Weihnachten von der Decke aufgehängt. Durch kleine Windstöße schwingen sie sanft umher – das Berühren soll Glück im nächsten Jahr bringen. Die Fenster sind oft geschmückt mit „Vytynanky“ – dabei wird eine besondere Art des Scherenschnittes angewendet, bei der unterschiedliche Motive zum Vorschein kommen.

Weihnachten für Alle

Weihnachten ist das Fest, an dem die Geburt Jesu gefeiert wird. Heute wird es vor allem auch als Fest der Liebe und Familie gefeiert. Das Zusammenkommen ist ein wichtiger Faktor. Auch in Senegal, einem muslimisch geprägten Land, werde Weihnachten gemeinsam und interreligiös gefeiert, erzählt Kamdem Mou Poh À Hom. Die Christen laden befreundete muslimische Familien ein, und es wird gemeinsam gefeiert – an muslimischen Feiertagen passiert es genau umgekehrt.

Pfarrer Franz Handler in der Altkatholischen Kirche – Foto: Alisa Schwarz

Auch Franz Handler sieht Weihnachten als Fest der Liebe und Familie. „Dieses Fest mögen alle Menschen feiern und erleben“, auch unabhängig von der Religion. Denn in die Altkatholische Kirche, die von Rom unabhängig ist, darf jeder kommen. „Alle dürfen an der Eucharistiefeier teilnehmen, und alle dürfen zur Kommunion gehen, auch wenn man keiner Kirche angehört. Das ist der altkatholische Weg“, sagt Franz Handler. Er definiert Gott als die Liebe und das Leben, der uns ständig begleitet. So bewege er uns dazu „das Leben zu lieben und die Liebe zu leben“. Wenn das eintritt, meint er, ist es das Fest der Weihnacht.

 

Titelbild: Weihnachtsbaum – Foto: Alisa Schwarz

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