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Gemeinsam gartln statt sich zu pflanzen

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Erntedank im Annenviertel: Was heuer an Gemüse und guter Nachbarschaft in den Gemeinschaftsgärten geerntet wurde. Wir haben drei Projekte im Viertel besucht und uns ein Bild gemacht.

von: Lena Battyan, Larissa Buchriegler und Daniel Babunek

Am nördlichen Rand des Volksgartens, gleich neben dem schon etwas devastierten Kick- und Basketballplatz, wuchern Zucchini-Pflanzen aus zwei Hochbeeten. Eine riesige Sonnenblume tut so, als wäre sie ein Baum und wächst hoch über die kleine Grünidylle hinaus. Regentonne, Komposthaufen und Bankerl inklusive. 

Erstmals hat hier heuer der von Maria Reiner gegründete Verein Stadtteilprojekt Annenviertel ein Gemeinschaftsgärtchen angelegt. Insgesamt bilden fünf begeisterte Gärtner:innen das Kernteam, eine von ihnen Ursula Rottenbacher. Laut Maria kennt niemand den Garten besser als sie: „Die Ursula ist das Herz dieses Gartens.“ Die gebürtige Deutsche wohnt gleich am Volksgarten. Beruflich pflegt sie Menschen, in ihrer Freizeit Pflanzen. Sie hatte schon immer eine Leidenschaft fürs Gärtnern und hat den Garten auf Anhieb direkt ins Herz geschlossen. Seitdem steckt sie viel Energie in das Projekt und hat nebenher auch gleich ein Dach für die Tomaten gebaut, weil die keinen direkten Regen vertragen.

Wer hier anbauen und ernten darf, ist ganz simpel geregelt. „Wir sind total undogmatisch. Jeder darf eigentlich alles machen, was er will”, verrät Maria stolz.  Auf die Frage, ob sie mit Vandalismus zu kämpfen hätten, meint sie entschlossen, dass der Volksgarten hier seinem negativen Ruf gar nicht gerecht werden würde. „Jeder freut sich so über diesen Garten!“ Im Vordergrund stehen die Gesellschaft und der Austausch – und das für Menschen aus unterschiedlichsten Lebenssituationen, Kulturen und sozialen Schichten. 

Beim gemeinsamen Picknick oder – ja, tatsächlich – einem Tätowier-Workshop für Gemüse fällt es den Menschen aus der Nachbarschaft leichter, ihre Sorgen und Probleme für einen Moment zu vergessen und sich ganz auf das gemeinsame Schaffen zu konzentrieren. Auch die Gemüseernte kann sich sehen lassen: Geerntet wurden heuer Paradeiser, Kräuter, Erdbeeren oder eben Zucchini.

Paul G. Nitsche präsentiert die reifen Paprika im Pfarrgarten hinter der evangelischen Kreuzkirche. – Foto: Lena Battyan

Maria, Ursula und ihre Volksgartler:innen sind mit ihrem Projekt nicht allein. Seit gut 15 Jahren boomt urbanes Gärtnern auch in Graz. Die Karte des Forums Urbanes Gärtnern verzeichnet aktuell 28 Projekte, darunter im Viertel den “Gottesacker” vor der Andrä-Kirche oder den Garten an der FH Joanneum. Auch im Pfarrhof der evangelischen Kreuzkirche, keine 100 Meter Luftlinie von Marias und Ursulas Hochbeeten, ist heuer Gutes gediehen. 

Pfarrer Paul G. Nitsche schwärmt von der Linde, die dort wächst und die er als Zentrum des Gemeinschaftsgartens der Pfarre sieht. „Diese Linde schafft sozusagen eine Integration, eine Atmosphäre, ein Miteinander,“ erzählt er begeistert. Wenige Schritte entfernt stehen die beiden Hochbeete, einige Beerensträucher und seit heuer sogar ein Feigenbaum. Dass diese Initiative wertvoll ist, wurde spätestens bei der Ernte von Tomaten, Auberginen und Kräutern klar. Somit herrscht nicht nur bei Taufen oder Hochzeiten ein reges Treiben im Pfarrhof, sondern auch beim generationsübergreifenden Werkeln von Gemeindemitgliedern und Nachbarn im Garten. „Das heißt, so ein Hochbeet ist auch wirklich ein kultureller Treffpunkt“, erzählt Paul Nitsche.

Ein paar Sonnenstrahlen zeigen sich im Innenhof der Smart City. – Foto: Larissa Buchriegler

Grünoase im Innenhof

Viel Erfahrung mit gemeinschaftlich genutzten Gärten hat Gartenpädagogin Erika Saria. Sie hat mit ihrer Naturschwärmerei bereits in der Vergangenheit unter anderem die nachhaltige Gestaltung der Grünflächen in den Jugendzentren in Weiz und Gratwein sowie die Infokampagne Die Steiermark blüht auf” betreut. Im Frühjahr 2022 rief sie hier, im Hof der Siedlung der Wohnbaugruppe in der Wagner-Biro Straße 63-65, das Projekt „ökologisch Gärtnern im Wohnbau“ ins Leben. Insgesamt bauen hier um die 30 Bewohner:innen, viele von ihnen aus Bangladesh oder der Türkei, traditionelles Gemüse ihrer Heimat an, das man in heimischen Supermärkten nur vereinzelt finden kann. Diese Saison lag der Fokus auf dem Pflanzen von Sträuchern. Vor allem Kinder erfreuen sich an der Naschecke, wo sie sich den Tag mit frischen Beeren versüßen.

Das Engagement von Erika und ihren Gärtner:innen erfuhr zuletzt auch über die Siedlung hinaus Anerkennung. Auch weil hier ökologisch und unter Verzicht auf Chemie und Torf gegartelt wird. Dafür wurde das Projekt im September als erster steirischer Garten mit der „Natur im Garten“-Plakette ausgezeichnet. Für die Zukunft wünscht sich  Erika noch mehr Grün in der Stadt: “Irgendwann sollte im Idealfall dieses gemeinsame Gärtnern in Wohnanlagen oder auch auf öffentlichen Flächen Standard werden.”

 

Titelbild: Maria Reiner und Ursula Rottenbacher sitzen stolz in ihrem kleinen Gemeinschaftsgarten im Volksgarten. – Foto: Larissa Buchriegler

 

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