Viele Menschen nutzen am Lendplatz den öffentlichen Raum.
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Ein Stück Normalität bis 21 Uhr

in SOZIALES von

Öffentlicher Raum ist für Menschen in Städten ein zentrales Gut. Er ist Ort der Erholung und Begegnung. In Zeiten der Pandemie gehört er zudem für viele zum Alltag – jedoch nicht ganz uneingeschränkt.

Der Geruch von Bier, Tabak und orientalischem Essen mischt sich. Für die Ohren gibt es Techno, Rap und Xylophontöne. Die Stimmung ist ausgelassen. Es wird gelacht, gefeiert und getrunken. Vom kleinen Kind bis zum durstigen Erwachsenen trifft sich an diesem Freitagnachmittag alles am Grazer Lendplatz. Geeint wird die Menge bloß durch das kollektive Tragen einer Sonnenbrille und den Wunsch, ein Stück Normalität zu leben. Auch Mavie und Nora haben diesen Wunsch. Mavie ist 19 und steht kurz vor ihrer Matura, Nora ist 20 und studiert Kunstgeschichte. Sie treffen sich mittlerweile regelmäßig mit ihren Freund*innen am Lendplatz. „An fünf von sieben Tagen sind wir hier oder im Volksgarten“, lacht Mavie. Sie treffen sich zum Rollschuhfahren oder einfach nur, um zu tratschen. „Wir wollen dem Alltag entkommen, man hälts einfach nicht mehr aus, nur daheim zu sein“, sagt Nora.

Anderer Ort, gleiches Bild, ähnliche Gefühle

Mavie und Nora sind mit ihren Gefühlen nicht allein. Egal ob Stadtpark, Volksgarten oder Kaiser-Josef-Platz, auch an den anderen öffentlichen Plätzen der Stadt zeichnet sich ein ähnliches Bild. Die Menschen treffen sich mit ihren Freund*innen und sitzen ausgelassen in Gruppen zusammen – bis auf den Babyelefanten haben alle Platz. „Die Einschränkungen unserer sozialen Kontakte haben schwerwiegende Einschnitte in unsere Lebenswelten bedeutet. Uns fehlen unbeschwerte und ungeplante Begegnungen”, versucht Karin Scaria-Braunstein, Universitätsassistentin am Institut für Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz, das Verhalten der Menschen zu erklären. Klar für die Soziologin ist aber auch, dass dieses Verhalten in der Dichte wieder abnehmen wird. „Sobald die Gastronomie wieder geöffnet hat, und semi-öffentliche Räume wieder genutzt werden können, wird sich eine Verlagerung zeigen. Dennoch behalten öffentliche Plätze zweifelsfrei eine wichtige Bedeutung für Menschen in Städten, und möglicherweise hat sich diese Bedeutung auch nachhaltig verstärkt.“

Auch die „Passamtswiese“ im Stadtpark wurde zu einem beliebten Treffpunkt. – Foto: Markus Lösel

Bruchlinie zwischen Menschen

„Wir waren auch vor Corona schon oft zum Chillen hier“, verrät Mavie. Dass sie in den letzten Wochen am Lendplatz fast keinen Platz mehr zum Rollschuhfahren findet, stört sie nicht. „Den anderen geht es ja gleich wie uns, die wollen auch einfach nur raus”, sagt sie. Mit „den anderen“ meint die 19-Jährige vor allem Schüler*innen und Studierende. „Ich selbst bin gerade im Maturajahr und ich muss ehrlich sagen: Man scheißt auf uns. 2021 waren wir beide öfter am Lendplatz als in der Schule bzw. in der Uni.“ Auf die Corona-Abstands- und Ausgangsbeschränkungen angesprochen, erzählt Nora, dass sie und ihre Freund*innen sich regelmäßig testen lassen. „Wer behauptet, hier draußen an der freien Luft würden die Ansteckungen stattfinden, hat nichts verstanden. Wir wünschen uns von der Regierung mehr Vertrauen.“

Für die Soziologin Scaria-Braunstein gilt es, solange die Pandemie noch nicht überwunden ist, eine Balance zu finden, die gesamtgesellschaftlich tragbar ist. „Wir sehen eine Bruchlinie zwischen den Menschen, die sich an die Maßnahmen halten, und jene, die das nicht tun. Wobei es auch hier eine Verschiebung mit der zunehmenden Dauer der Pandemie gibt, da es für viele Menschen schwieriger wird, die Maßnahmen tagtäglich umzusetzen.“

Mavie und Nora posieren für ein Foto.
Mavie und Nora treffen sich regelmäßig mit ihren Freunden – stets aber getestet. – Foto: Markus Lösel

„Öffentlicher Raum ist Lebensraum – in all seinen Facetten“

Öffentliche Plätze gewinnen aber nicht erst seit der Pandemie an Bedeutung. Die Ausdehnung von Städten, die Versiegelung von Grünflächen und der gleichzeitig immer enger werdende Wohnraum sorgen schon seit längerem dafür, dass Menschen öffentlichen Raum vermehrt brauchen und auch nutzen. „Öffentlicher Raum ist Lebensraum – in all seinen Facetten“, sagt Scaria-Braunstein. In den letzten Jahren konnte die Soziologin beobachten, wie aus der Bevölkerung heraus der Ruf kam, sich an Planungen öffentlicher Räume zu beteiligen. „Es ist nicht genug, öffentlichen Raum vorzufinden. Er muss so gestaltet sein, dass er für und durch die Menschen genutzt werden kann.“

Eine partizipative Gestaltung zielt darauf ab, Stadtbewohner*innen mit Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten auszustatten, die mit Verantwortlichkeiten verbunden sind und Verbindlichkeiten schaffen. Über die Mitwirkung entstehen wiederum neue Interaktionsmöglichkeiten in der Bevölkerung – auch wenn hier laut der Soziologin stets zu fragen bleibt, wer in die Prozesse eingebunden wird und wer keine Möglichkeit hat, sich aktiv zu beteiligen. „Oft entstehen nur eingeschränkte Mitwirkungsoptionen, da politische Ziele bereits im Vorfeld in der Planung zentral gesetzt sind“, erzählt Scaria-Braunstein. Nichts zum Mitwirken hatten in den letzten Wochen Skater und Skaterinnen. Nach einer amtlichen Beschwerde eines Anrainers vom Kaiser-Josef-Platz und Protesten der Grazer FPÖ wurde von der Stadtregierung kurzerhand das Skaten an innerstädtischen Plätzen verboten.

Umkreist von der Polizei

Die Musik am Lendplatz wird lauter und die Menschen werden mehr. Auch die Polizei beginnt mit ihrem Einsatzwagen Runden um die Menge zu drehen. Die Stimmung bleibt aber unverändert ausgelassen. „Es ist nichts Neues, dass uns die Polizei irgendwann zu umkreisen beginnt“, sagen Nora und Mavie. „Hin und wieder steigen sie aus und sagen uns, wir sollen den Mindestabstand einhalten. Ab spätestens 21 Uhr wird sowieso alles aufgelöst, egal ob Abstand oder nicht.“ Angst vor einer Strafe oder Anzeige scheint niemand zu haben. „Etwas unwohl fühle ich mich aber trotzdem. Ich mein, wir haben nichts verbrochen, oder?“, fragt Nora. Schließlich kommen zwei weitere Freunde von Nora und Mavie zum Lendplatz. Es wird weiter gelacht, gefeiert und getrunken – zumindest bis 21 Uhr.

 

Titelbild: Markus Lösel

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