Schwester Elisabeth bei der Jausenausgabe
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25 Jahre Marienstüberl: „Liebe steht über dem Gesetz“

in Allgemein/SOZIALES von

Das Marienstüberl, die von der Caritas eingerichtete Essensausgabe- und Begegnungsstätte für Bedürftige, feiert im Dezember seinen 25. Geburtstag. Die Jubiläumsfeier fällt Corona-bedingt aus, doch gerade jetzt in Pandemiezeiten ist die Einrichtung wichtiger denn je.

Es ist kurz nach 15 Uhr. In der Küche des Marienstüberls vermischt sich Geschirrklappern mit Stimmengewirr: „Heute die Mandarinen oder nicht?“ – „Sind die Brote schon hergerichtet?“ – „Wo sind die Servietten hin?“ Drei Zivildiener treffen gerade die letzten Vorbereitungen für die nachmittägliche Essensausgabe. Wenig später steht alles bereit. Hinter einer Glasscheibe begeben sich die jungen Männer an die Theke, die Boxen vor ihnen sind gefüllt mit belegten Broten, Bananen und Mandarinen: „Jausenzeit!“

Versorgung für Leib und Seele

Auf der anderen Seite der Glasscheibe, im Speisesaal, machen sich die Gäste bereit für die Essensausgabe. An 365 Tagen im Jahr finden sich in diesem Raum Menschen ein, die am Rande der Gesellschaft stehen. Sie sind in vielen Fällen obdachlos oder arbeitslos oder stecken aus anderen Gründen in einer schwierigen finanziellen und sozialen Lage, erklärt Philipp Friesenbichler. Nach seinem Theologiestudium war Friesenbichler als Pastoralassistent tätig, wobei für den Vater zweier Kinder hier die Vereinbarkeit mit dem Familienleben teils schwierig gewesen sei. Seit zwei Jahren leitet er nun das Marienstüberl gemeinsam mit Schwester Elisabeth.

Neben der Verpflegung erfüllt die Einrichtung der Caritas noch einen weiteren Zweck, wie Schwester Elisabeth schildert: „Das Marienstüberl ist auch eine Begegnungsstätte und ein Ort, an dem Menschen ein bisschen so etwas wie eine Ersatzfamilie haben.“ Viele Personen, die hierher kommen, würden einander kennen, füreinander da sein und einander helfen. Das sei ihr persönlich besonders wichtig, denn: „Es hilft nichts, wenn die Menschen das Brot für den Leib haben, aber nicht für die Seele.“ Schließlich sei die Caritas ein Werk der Nächstenliebe. Auch an Feiertagen wie dem Weihnachtsfest sind Mitarbeiter*innen des Marienstüberls deshalb für die Bedürftigen da.

Eingang zum Marianum, in dem sich u.a. das Marienstüberl befindet
Im Marienstüberl finden sich Tag für Tag Menschen zur Essensausgabe ein – Foto: Sophie Aster

Betrieb in Pandemiezeiten

Mit Dezember gibt es das Marienstüberl seit einem Vierteljahrhundert. Ein Jubiläum, das unter normalen Umständen gefeiert würde. Aufgrund der Pandemie verzichtet man heuer jedoch auf Festivitäten. Dennoch: Auch jetzt, in Zeiten, in denen Abstandhalten und Maskentragen Gebot der Stunde sind, hält die Institution ihre Türen offen. Denn diejenigen, die hierher kommen, sind laut Friesenbichler auf die Einrichtung angewiesen. Schwester Elisabeth: „Wir können die Menschen nicht draußen erfrieren und verhungern lassen. Man muss abwägen: Gesetz oder Liebe? Und die Liebe steht über dem Gesetz.“

Natürlich werde aber darauf geachtet, dass beides – Gesetz und Liebe – miteinander vereint wird. „Wir können den Abstand halten, wir können die Maske nehmen, wir können lüften“, versichert die Leiterin. Neben den Verhaltensregeln wurden auch die Räumlichkeiten an die Situation angepasst: Im Speisesaal, wo Tische und Sessel normalerweise dicht an dicht stehen, hat man die Plätze ausgedünnt. Statt 80 Personen darf sich pro Mahlzeit nur noch etwa die Hälfte in dem Raum aufhalten. Zusätzlich wurde ein überdachter Gastgarten eingerichtet, der dank der Heizpilze auch im Winter eine Alternative zu den Innenräumen darstellt.

Der normale Betrieb geht also weiter, Festivitäten wie der alljährliche Marienstüberlball müssen heuer jedoch entfallen gelassen werden. „Es ist ein bisschen ein Kompromiss“, meint Friesenbichler. Doch das Konzept funktioniert: Bisher ist in der Einrichtung noch kein Corona-Fall bekannt geworden.

Philipp Friesenbichler im neu eingerichteten Gastgarten
Der heuer neu eingerichtet Gastgarten schafft mehr Raum zum Abstandhalten – Foto: Sophie Aster

Auch neue Leute betroffen

Während sich die Verhaltensregeln bei der Ausspeisung also Corona-bedingt verändert haben, sind die Klient*innen während der Pandemie überwiegend dieselben geblieben wie davor. Denn laut Friesenbichler würden hauptsächlich Leute, die schon länger arm sind, die Einrichtung aufsuchen: „Das Marienstüberl ist eine Art letzte Instanz für viele.“ Aus diesem Grund bekomme man eine Krise hier immer erst zeitversetzt zu spüren.

Anders ist die diesbezügliche Situation bei der Lebensmittelausgabe, die die Institution anbietet. Viermal pro Woche vergeben Mitarbeiter*innen dabei Produkte an Familien. In dem Raum, der erst kürzlich dafür eingerichtet wurde, stapeln sich Kisten gefüllt mit Obst, Gemüse oder Milchprodukten – alles von Supermärkten oder Privatpersonen gespendete Lebensmittel, die sonst im Müll landen würden. „Hierher kommen häufig Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen beschäftigt sind oder schwarzarbeiten“, schildert Friesenbichler. Bei einigen seien diese Jobs heuer aufgrund der Krise weggefallen, wodurch sie nun auf Orte wie das Marienstüberl angewiesen sind. Deshalb bemerke man jetzt, dass mehr und vor allem auch andere Leute kommen.

Ehrenamt als Rückgrat

Um all die Aufgaben im Marienstüberl bewältigen zu können, packen viele Personen mit an. Neben fünf regulär bezahlten Beschäftigten, helfen drei Zivildiener sowie über 100 Freiwillige mit, die täglich bis zu 280 Gäste zu versorgen. Den Ehrenamtlichen kommt eine tragende Rolle zu, stellt Friesenbichler klar: „Ohne sie würde es hier in dieser Form nicht funktionieren.“ Die Gründe, warum sie sich engagieren, sind bei vielen ähnlich. Jakob, einer der drei Zivildiener, meint: „Was ich so gerne mag an dem Ganzen: Du kommst am Abend heim, hast deine Sachen gemacht und weißt, du hast etwas Gutes getan.“ Viele der Freiwilligen engagieren sich schon seit Jahren im Marienstüberl, erklärt Friesenbichler: „Wir haben eine relativ geringe Fluktuation.“

Zivildiener Jakob schiebt einen Wagen mit Lasagne vor sich her
Zivildiener Jakob ist einer der Helfer*innen im Marienstüberl – Foto: Sophie Aster

So lange und intensiv wie Schwester Elisabeth ist allerdings sonst niemand dabei. „Schwester Elisabeth ist Herz und Seele des Marienstüberls“, schildert Friesenbichler. Seit knapp 20 Jahren sei sie sieben Tage in der Woche von früh bis spät da. „Es ist ihre große Berufung, sie lebt für das Ganze.“

Geburtstagswunsch für das Marienstüberl

Obwohl heuer keine Feier anlässlich des Jubiläums zustande kommen wird, verrät Schwester Elisabeth trotzdem einen Wunsch für die nächsten 25 Jahre: Sie hoffe, dass sich die Zusammenarbeit der vielen unterschiedlichen Hilfseinrichtungen der Stadt – auch wenn das Zusammenwirken bereits sehr gut funktioniere – in Zukunft noch mehr verstärkt, „damit wir ganzheitlich helfen können.“ Und noch einen Wunsch hat sie: „Ich wünsche mir, dass die Menschen zur Ruhe kommen, und in der Seele Heilung finden. Denn das ist letztlich das große Um und Auf.“

 

Titelbild: Sophie Aster

Infobox

Das Marienstüberl wurde 1995 gegründet. Getragen wird die Institution von der Caritas der Diözese Graz-Seckau, dem Sozialamt der Stadt Graz, den Grazer Pfarren, der Gemeinschaft der Barmherzigen Schwestern und von freiwilligen Helfer*innen.

In den vergangenen 25 Jahren hatte das Marienstüberl verschiedene Standorte, seit 2013 befindet es sich gemeinsam mit weiteren Einrichtungen der Caritas im Sozialzentrum Marianum. Mit diesen arbeitet das Marienstüberl zum Teil zusammen. Die Marienambulanz etwa bietet medizinische Erst- und Grundversorgung von Menschen, die keine Krankenversicherung haben oder aus anderen Gründen das öffentliche Gesundheitssystem nicht nutzen können. Zudem gibt es im Marianum diverse andere soziale Dienste wie die Beratungsstelle zur Existenzsicherung oder eine Flüchtlingsbetreuung.

Südtirolstämmiges Salzburger Sandwichkind mit perfektionistischer Ader und Sprachenliebe. Faible für's Reisen, Reden und Radeln.

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