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Marienambulanz: Zwischen Hoffnung und Realität

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Eine E-Card und genügend Geld für Medikamente? – Nicht für alle selbstverständlich. Die Marienambulanz bietet seit zwanzig Jahren kostenlose Gesundheitsversorgung für Menschen abseits des österreichischen Sozialsystems. Jetzt erweitert sie ihr Angebot um eine Zahnarztpraxis. Ein Blick an den Rand der Gesellschaft.

Von: Julia Schuster und Verena Schinnerl

Freitag, 12.30 Uhr in der Marienambulanz in der Kleiststraße. Reges Treiben im Wartezimmer. Ein junger Mann hustet, eine Mutter versucht ihr schreiendes Kind zu beruhigen. Rumänisch, Somali und Arabisch hallen durch den Raum. Die Warteschlange reicht bis zur Tür. Kurzzeitig kehrt unter den etwa 15 Wartenden Stille ein, als es wieder lautet: „Der Nächste, bitte!“

Eingliederung als Ziel

„Es ist ein Ziel der Marienambulanz, die Patientinnen und Patienten ins österreichische Gesundheits- und Sozialsystem zu integrieren beziehungsweise zu reintegrieren“, sagt die organisatorische Leiterin Eva Czermak. Die Hauptgründe, warum Menschen die Marienambulanz aufsuchen, sind eine fehlende Versicherung oder zu wenig Geld für eine medizinische Behandlung. Im Vorjahr haben 2.069 Menschen das kostenlose Angebot der Marienambulanz in Anspruch genommen, zirka 370 davon waren Kinder. Rund zwei Drittel der PatientInnen sind versichert. Zirka neunzig Prozent der Menschen, die hierherkommen, haben Migrationshintergrund. Die meisten von ihnen kommen aus Afghanistan und Rumänien. Auch Nationen wie der Irak und Österreich selbst sind stark vertreten. Im Laufe der letzten Jahre waren vor allem der Rückgang an TschetschenInnen und die Zunahme an SyrerInnen und AfghanInnen auffällig. Grund dafür war die Flüchtlingskrise 2015.

„Behandelt wird hier jeder!“

Nun ist Hawo an der Reihe. Heute ist sie nicht selbst Patientin, sondern vermittelt  für ihre somalischen Freundinnen. Prinzipiell übernehmen ehrenamtliche DolmetscherInnen diese Aufgabe. Sprachbarrieren überwinden gehört nämlich zum Alltag der Caritas-Einrichtung weil sie von vielen MigrantInnen besucht wird. Das kostenlose Angebot der Marienambulanz wird aber auch von ÖsterreicherInnen in Anspruch genommen. Dies betrifft vor allem jene, die sich gegen die Strukturen des österreichischen Sozialsystems auflehnen. Die Frage, ob Hawos Freundinnen versichert sind, verneint die junge Somalierin. „Es ist zwar leichter, Menschen zu behandeln, wenn sie versichert sind, behandelt wird hier aber jeder“, so die Krankenschwester Esther Hofmann-Pölzl. Hawo selbst ist bereits ins österreichische Sozialsystem integriert. Die 24-jährige Somalierin ist vor knapp vier Jahren nach Österreich geflüchtet. Mittlerweile hat sie eine eigene Wohnung sowie einen Arbeitsplatz gefunden und ist versichert.

Krankenschwester Esther Hofmann-Pölzl bei der Aufnahme der PatientInnen in der Marienambulanz – Foto: Julia Schuster

Die Marienambulanz in der Kleiststraße hat montags bis freitags jeweils zwei Stunden Ordination. „Wir sind eigentlich wie eine Hausarztpraxis und kümmern uns um die Basisversorgung“, so Eva Czermak. Sie leitet die Einrichtung seit sieben Jahren. Wegen der Grundversorgung  sind auch Hawos Freundinnen hier. Die eine klagt über Bauchschmerzen, die andere hat Verdacht auf einen Ausschlag. Am häufigsten leiden PatientInnen an akuten Infekten, chronischen Schmerzen oder Erkrankungen wie Diabetes. Einmal wöchentlich findet eine Frauensprechstunde  zur Beratung und Behandlung statt. Einmal im Monat empfangen ehrenamtliche Fachärzte wie z.B. ein Orthopäde oder ein Hautarzt die PatientInnen vor Ort. In Spezialfällen leitet die Marienambulanz sie an externe Praxen weiter.

Zahnarztpraxis für die Marienambulanz

Trotz des vielfältigen Angebots entwickelt sich die Marienambulanz ständig weiter. Demnächst wird nämlich das neue Zahnarztzimmer fertiggestellt. Ab Dezember können sich Hawo und ihre Freundinnen also auch mit Zahnproblemen an die Marienambulanz wenden. Schon seit längerer Zeit sehen die ÄrztInnen hier nämlich Nachholbedarf. Angeboten wird eine Basis-Versorgung bestehend aus Wurzelbehandlungen, Plomben und Zahnziehen. Die Zahnarztpraxis wird einmal wöchentlich öffnen. „Wir freuen uns, dass wir jetzt auch PatientInnen mit Zahnproblemen weiterhelfen können“, so Czermak.

Organisatorische Leiterin und Ärztin der Marienambulanz Eva Czermak – Foto: Julia Schuster

Kostenloses Angebot als Grundsatz

Die Marienambulanz finanziert sich größtenteils aus öffentlichen Verträgen und Subventionen des Landes Steiermark, der Stadt Graz und des Gesundheitsministeriums. Auch Spenden und Sponsorenverträge tragen dazu bei, dass den PatientInnen kein Selbstbehalt bleibt. Unter anderem aus diesem Grund hat Hawo ihren Bekannten die Marienambulanz weiterempfohlen. Außerdem verfügt die Marienambulanz über ein Medikamentenlager. Dieses besteht aus teils gespendeten Präparaten. Prinzipiell kann jeder Arzneimittel abgeben, die noch originalverpackt und nicht abgelaufen sind. Vorausgesetzt, die Medikamente werden benötigt.

Zwischen Hoffnung und Realität

„Mir persönlich fällt es schwer, wenn die Leute große Hoffnung haben und man schon sieht, wie schwer es in der Realität für sie wird“, sagt Czermak. Eine von ihnen ist Hawo. Die Somalierin gibt die Hoffnung nicht auf, ihren Kindern bei ihr in Österreich ein gutes Leben zu ermöglichen. Seit Jahren spart sie darauf, diese aus ihrer Heimat hierher zu holen. Das Ziel ist ein Neustart in Österreich. Ob sie das Angebot der Marienambulanz in Zukunft auch mit ihren Kindern annimmt, wird sich zeigen.

(Fast) immer fröhliche Optimistin, die Entscheidungen meidet, wo immer es geht. Mag ihre Kater, Kaffee und ihr geordnetes Chaos. Neigt zum Perfektionismus und hat gerne das letzte Wort.

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