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„Orange“ radelt in pink

in Allgemein/VIERTEL(ER)LEBEN von

Die Sonne brennt auf den Asphalt. Baustellen, wohin das Auge reicht. Die meisten Studenten liegen unter solchen Umständen im Freibad oder gehen ihrer Ferialarbeit in einem kühlen Büro nach. Florian Freund, auch bekannt als „Orange“, radelt  stattdessen den ganzen Tag durch Graz – er arbeitet bei PinkPedals in der Griesgasse als Fahrradkurier. Wir trafen den Geografiestudenten in der PinkPedals-Zentrale und erfuhren, warum er von Veloblitz zu PinkPedals wechselte, was das Fahren im Sommer schwierig macht und wieso er Graz so mag. 

Flo, du wirst „Orange“ genannt. Warum?

Das ist mein Botenname. Bei Veloblitz, dem anderen Fahrradkurierdienst, hat jeder seinen eigenen Funknamen – einfach weil Namen eben öfter vorkommen. Vorher hab ich dort gearbeitet und da gab es ungefähr zehn Flos. Den Namen „Orange“ habe ich behalten.

Warum bist du zu PinkPedals gewechselt?

Weil hier das Arbeiten angenehmer ist. Wir haben ein anderes Geschäftsmodell und das ist bedeutend antikapitalistischer. Bei Veloblitz wird der Bote für seine Fahrten bezahlt. Der, der schneller ist, bekommt mehr. Wir legen alles in einen Topf und dividieren es dann nach den Stunden.

Gibt es zwischen den beiden Botendiensten einen Konkurrenzkampf?

Wir Boten verstehen uns untereinander super.

Muss man ein Fahrrad-Freak sein, um den Job zu machen?

Es hilft natürlich, ein Freak zu sein. Es gibt aber auch viele, die das einfach als Nebenjob machen. Den einen gefällt’s, den anderen nicht – die einen bleiben dabei, lecken Blut und die anderen gehen halt nach einem Sommer wieder.

Wie ist das Ausliefern im Sommer?

Heiß und schwitzig.

Wie kommt ihr mit den vielen Baustellen zurecht?

Ich weiß nicht, ob ich für alle Boten spreche, aber wir schlängeln uns durch. Es ist jedenfalls supernervig – jeden Sommer.

Flo "Orange"Flo in der PinkPedals-Zentrale

Als Bote muss man sich in der Stadt doch ziemlich gut auskennen, oder?

Man kennt die Hauptkunden. Es gibt auch immer wieder Laufkundschaft. Wenn man was nicht kennt, muss man eben auf der Karte nachschauen. Als ich angefangen habe, war ich gerade mal vier Monate in Graz. Ich komme nämlich aus Bayern. Graz ist aber nicht so groß, da lernt man die Routen ziemlich schnell kennen. Wenn man anfangs viel fährt, hat man sofort die meisten Kunden im Gedächtnis.

Ist der Botendienst dein Nebenjob?

Ja, ich bin eigentlich Geografie-Student. Während des Semesters fahre ich meistens nur einen Tag in der Woche als Bote, im Sommer öfter. Zurzeit bin ich jeden Tag unterwegs, weil auch ein paar Leute nach Lausanne zur Botenweltmeisterschaft gefahren sind und deshalb nicht die ganze Belegschaft da ist.

Wie sieht denn eine Botenweltmeisterschaft aus?

Weiß ich nicht. Ich lasse mich überraschen, ich fahre nämlich dieses Wochenende auch hin. Die anderen sind von Paris aus mit dem Rad runtergefahren. Die haben sich die letzte Etappe der Tour de France angesehen.

Seid ihr denn Radsport-Fans?

Nicht so, dass wir alles live auf Leinwand verfolgen. Ich schaue mir die Tour de France sowieso nicht an. Lauter Epo-Maschinen beim Fahren zuzuschauen ist jetzt nicht so toll. Die Zeiten, welche die fahren sind ziemlich astronomisch.

Hast du Radfahren als Sport ausgeübt, bevor du Kurier wurdest?

Ich bin erst in Graz reingerutscht. Beim Radpolo hat das angefangen. Dort habe ich die Leute getroffen und dann eben mit meinem Hobby Geld verdient.

Spielst du noch Radpolo?

Wir müssen mal wieder ein paar Leute zusammentrommeln. Momentan sind die meisten irgendwo unterwegs. Wir sind eben kein Club, sondern eine lose Organisation. Wir haben uns einfach zusammengeredet und ein paar Kisten hingestellt. Ein paar Turniere haben wir auch schon gespielt.

Was macht dir Spaß daran?

Radlfahren natürlich und die Herausforderung. Es ist gar nicht so einfach, Rad und Ball zu beherrschen und gleichzeitig aufzupassen, wo die anderen Mitspieler sind. Außerdem trifft man da seine Freunde und kann danach gemütlich ein Bierchen trinken.

Was liefert ihr alles aus?

Wir fahren beispielsweise ziemlich viele Metallteile für eine Firma. Die ist in der Entwicklung tätig und wir bringen die Teile zum Lackierer und zum Schweißer. Dafür haben wir das Lastenrad, mit dem wir auch richtig große Sachen fahren können.

Den Kunden geht es also darum, etwas möglichst schnell irgendwo hin zu liefern?

Ja, und viele wollen auch das Firmenimage ein bisschen aufpolieren – so auf die Art: „Wir sind Öko – wir lassen alles mit dem Fahrrad transportieren“.

LastenradFür schwere Ladung: das pinke Lastenrad

Was für kuriose Sachen überliefert ihr denn?

Wir fahren ab und zu pathologische Proben – Tumore oder andere herausgeschnittene Sachen. Schön frisch. Das ist oft ziemlich interessant.

Muss man da dann vorsichtiger fahren, wenn man so etwas überbringt?

Wir sind grundsätzlich versichert. Aber man sollte sowieso schauen, dass man seine Ladung sicher an den Empfänger bringt.

Gibt’s auch oft Unfälle?

Es kommt schon hin und wieder vor. Meistens geht das aber glimpflich aus. Ich hatte auch mal einen. Mein Rad war kaputt, aber mir ist nichts passiert.

Müsst ihr eure eigenen Räder verwenden?

Ja, jeder Bote fährt sein eigenes. Wir sind alle selbstständig und für unsere Räder selbst verantwortlich.

Hast du gar keine spezielle Radhose an?

Doch, unter der normalen. Ist praktischer so – kleine Sachen steck ich einfach ein und die Radlerhose allein würde doch ein bisschen strange aussehen. Aber ganz ohne die geht’s halt nicht. Tut sonst weh.

Fährst du immer ohne Helm?

Nein, wir fahren hier alle mit Helm. Aber ich trage ihn nur beim Arbeiten. Wenn ich auf die Uni fahre, müsste ich ihn immer mitschleppen. Das wäre lästig, außerdem ist das Fahren in der Freizeit auch nicht so stressig.

Habt ihr einen internen Wettkampf laufen?

Sicher, aber nur aus Spaß. Wir haben Bestzeit-Listen, aber das hat eigentlich nichts zu sagen. Es geht darum, sich über Routen auszutauschen und herauszufinden, wo man zeitlich noch etwas rausholen kann.

Stört es dich, als Mann eine pinke Uniform zu tragen?

Nein, eigentlich nicht. Das ist unsere Firma und dafür machen wir Werbung. Es ist schön auffällig.

Pink PedalsNicht so auffällig wie die Uniform ist die Zentrale der PinkPedals in der Griesgasse

Habt ihr auch Frauen im Team?

Insgesamt sind wir 16 Leute. Drei davon sind Frauen.

Wie lang arbeitest du zurzeit pro Tag?

So 9 – 11 Stunden.

Ist man da nicht irgendwann komplett k.o.?

Es gibt immer wieder Ruhezeiten, da man ja nicht die ganze Zeit am Radl sitzt. An gewissen Tagen kann es aber auch richtig anstrengend sein.

Was haltest du vom Viertel hier?

Die Baustelle ist ziemlich nervig. Durch die Unterführung beim Eggenberger-Gürtel kommt fast gar nichts mehr durch. Als Radfahrer darf man da eigentlich gar nicht fahren. Letztens hat mich da ein Polizist aufgehalten.

Was machst du in deiner Freizeit, außer Radfahren?

Am Radl schrauben oder auf Konzerte gehen, ich mag hauptsächlich Punk. Vor kurzem war ich beim beim Leftover Crack Konzert und bei Punk Rock Holiday.

Dankeschön und schönen Sommer noch!

Das Interview führten Ines Abraham und Adrian Engel  

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PinkPedals 

www.pinkpedals.at

Griesgasse 24

Öffnungszeiten:

Mo -Fr, 7 – 18 Uhr

Sa, 7 – 14 Uhr

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FH JOANNEUM - Journalismus und PR / wohnt in Graz / 19 Jahre / schreibt und liest gern / liebt gute Geschichten und Schokolade / Tee - und Nagellackfreak/

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