„Arbeit ist das Phänomen, das unser System aufrechterhält“

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Genau einen Tag vor dem 1. Mai, dem Tag der Arbeit, wird jedes Jahr der Tag der Arbeitslosen begangen. Kein Grund zum Feiern. Trotzdem – oder gerade deshalb – wollte man vergangenen Dienstag mit einer offenen Diskussionsrunde am Mariahilferplatz Bewusstsein für diese Problematik schaffen und verschiedene Aspekte des gesellschaftlichen Phänomens Arbeit kritisch beleuchten.

Auf einer grünen Couch inmitten des Mariahilferplatzes nehmen am Dienstagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein verschiedene Gäste Platz, um ein gar nicht so heiteres Thema zu diskutieren: Arbeitslosigkeit. Anlässlich des Tages der Arbeitslosen führen Pia Hierzegger, bekannt aus dem Theater im Bahnhof und der Talkshow Demokratie – die Show auf Puls 4, und Beatrix Brunschko, ebenfalls Schauspielerin, Interviews zum Thema „Wer braucht welche Arbeit?“ Dazwischen kommen immer wieder Gäste aus dem Publikum zu Wort.

Die AMSEL (Arbeitslose Menschen Suchen Effektive Lösungen), eine Interessenvertretung der steirischen Arbeitslosen, fordert seit der Gründung 2006 ein stärkeres Mitspracherecht und verbesserte Rechtsstellung für Arbeitslose und die Schaffung einer unabhängigen Arbeitslosenanwaltschaft. „Wir wollen, dass Arbeitslose selbst bestimmen können. Davon sind wir zurzeit Lichtjahre entfernt“, so Wolfgang Schmidt, Mitbegründer der AMSEL. Arbeitslose dürften, wenn sie finanzielle Unterstützung beanspruchen wollen, nicht entscheiden, welche Arbeit sie annehmen oder was sie beim Bewerbungsgespräch sagen, so Schmidt. Das müsse sich ändern.

Der nächste Gast bei Pia Hierzegger ist Gerd Kronheim, Geschäftsführer des sozialökonomischen Beschäftigungsprojekts Bicycle. Arbeitslose, vor allem Jugendliche, bekämen dort eine Chance auf Ausbildung und sozialpädagogische Beratung, erklärt Kronheim. An drei Standorten bietet Bicycle seit nunmehr fast 25 Jahren Transitarbeitsplätze an und ist somit eine wichtige Institution in der Jugendbeschäftigung in Graz geworden.

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v.l.: Pia Hierzegger, Gerd Kronheim, Beatrix Brunschko

Kulturwissenschaftlerin Silvia Weißengruber hat sich im Rahmen ihrer Diplomarbeit „Transformation des Arbeitsethos“ vor allem mit der Rolle der Arbeit und der Gesinnung ihr gegenüber in unserer Gesellschaft beschäftigt. „Unser Sozialsystem ist darauf aufgebaut, dass es Arbeit gibt“, sagt Weißengruber. Im Zuge des Aufbaus des Sozialstaates sei schließlich der Begriff Arbeitslosigkeit eingeführt worden, und somit der gesellschaftliche Druck, dass zur Erhaltung des Systems möglichst viele Menschen einer Lohnvertragsarbeit nachgehen sollten. So sei auch die allgemeine Auffassung entstanden, dass jemand, der dies nicht tut, als arbeitslos gilt. „Was ja nicht immer stimmen muss. Denn das heißt ja nicht, dass man inaktiv ist“, so die Kulturwissenschaftlerin. Arbeit sei jedoch ein wesentlicher Faktor im Leben der meisten Menschen und habe eine starke identitätsstiftende Funktion. „Arbeit ist das Phänomen, das unser System so aufrechterhält, wie es ist.“

Ähnlich sieht das Karl-Heinz Snobe, Geschäftsführer des AMS Steiermark: „Geht‘s der Wirtschaft gut, geht‘s auch den Menschen gut.“ Für strittig hält er jedoch die Doppelfunktion des AMS, einerseits als Dienstleistungsorganisation zu agieren und andererseits eine rechtsexekutierende Rolle einzunehmen. Das berge Konfliktpotential und werde in anderen Ländern wie Deutschland schon wesentlich besser gelöst, wo dieses Zweifeldsystem getrennt wird. Trotzdem glaubt Snobe, der Ruf des AMS in der Bevölkerung sei „im Großen und Ganzen recht gut“. Einige anwesende Gäste sehen das anders. Immer wieder werden Stimmen aus dem Publikum laut, die die Sanktionsmechanismen des AMS oder den Umgang mit Arbeitssuchenden stark kritisieren. „Wir sind wirklich bemüht, uns an den Bedürfnissen und Wünschen unserer Kundschaft zu orientieren. Aber da, wo Menschen arbeiten, da passieren Fehler“, so Snobe.

Landtagsabgeordnete und Klubobfrau der KPÖ Steiermark Claudia Klimt-Weithaler setzt sich als aktives Mitglied der Plattform 25 gegen Kürzungen im Sozialbereich ein. In diesem Bereich habe es aufgrund von Kürzungsmaßnahmen der Landesregierung im Zuge einer Budgetsanierung 1050 Kündigungen gegeben. Die genauen Kündigungszahlen im Kunst- und Kulturbereich seien nicht bekannt. „Schlimm finde ich die Tatsache, dass gerade in diesem Bereich von Seiten der Landesregierung die Ehrenamtlichkeit in den Vordergrund gestellt wird“, sagt Klimt-Weithaler, „das ist eine eine ganz falsche Entwicklung. Kulturschaffende arbeiten genauso und müssen dafür auch bezahlt werden, und zwar gerecht.“

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Nach der etwa zweistündigen Diskussionsrunde gibt es für alle Besucher eine vegane Festtafel im Café Erde bei musikalischer Begleitung der Grazer Band „Niederspannungsrock“.

Übrigens erklärte die Wirtschaftskammer den 30. April nun auch zum Tag der Arbeitgeber. Zufall? Wenn es einer ist, dann entbehrt er jedenfalls nicht einer gewissen Ironie.

 

* 31.O7.1993 // originaltirolerin // wahlgrazerin // journalismus & pr // fh joanneum // sprachaffin // liebt reisen // journalistin des jahres 2O27 // mein blog: http://wbw.fh-joanneum.at/angerv/

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