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Jodeln, Jazz, Brettljause

Bei der „Anni-Wirtin“ im Babenbergerhof wird gegeigt, getanzt und gejodelt. Zu Gast in einer „musikantenfreundlichen Gaststätte“.

Von Katrin Nussmayr

 

Anna Maria Zimmermann, Wirtin im Babenbergerhof, sitzt an einem knallorangen Bügelbrett und bügelt Tischtücher. In wenigen Minuten beginnt der allmonatliche Jodelstammtisch. Im Hintergrund spielt leise steirische Volksmusik, die Urkunde „musikantenfreundliche Gaststätte“ schmückt die Wand, über einem Durchgang prangt die Inschrift „Klöpfer-Stüberl“.

Eingang zum BabenbergerhofDer Eingang zum Babenbergerhof

 

„Jodeln ist ein Lebensgefühl“

Herbert Krienzer vom steirischen Volksliedwerk hat den Jodelstammtisch vor elf Jahren gegründet und leitet ihn heute zum 113. Mal. An die dreißig Leute, vom Jugendlichen bis zum Pensionisten, treffen sich einmal im Monat im Babenbergerhof zum gemeinsamen Jodeln. Die Gestaltung des Abends ist frei; jeder kann sich einbringen und Jodler vorschlagen. „Meine Führung wird nur sichtbar, wenn es nicht so läuft, oder wenn ich etwas ausbessern muss.“, erzählt Krienzer. In seinem Repertoire hat er etwa hundert Jodler, genau gezählt hat er sie aber nie. Warum er jodelt? „Es ist ein Lebensgefühl. Es geht in Fleisch und Blut. Es ist einfach eine Dimension mehr als das Singen“

Am großen Tisch hat sich mittlerweile eine bunte Runde eingefunden. Man unterhält sich, erzählt Geschichten, scherzt miteinander. Immer wieder stimmt einer aus der Runde einen Jodler an. Wer ihn kennt, singt mit. Dreistimmige Klänge erfüllen das ganze Lokal. Die „Anni-Wirtin“, wie sie von ihren Gästen genannt wird, bügelt derweil weiter. Sie singt nicht mit, wiegt aber den Kopf im Takt der Musik. Und hilft aus, wenn den Stammtischbesuchern der Text nicht einfallen will.

Der Jodelstammtisch ist eine offene Runde, jeder kann sich dazugesellen. Dass die meisten Teilnehmer bereits erfahrene Jodler sind und die Kunst des Überschlagens zwischen Brust- und Kopfstimme beherrschen, sollte Neulinge nicht abschrecken, meint Stammtischleiter Krienzer. Mit Anfängern macht er leichte Übungen oder ganz einfache Jodler. Taktgefühl sei beim Jodeln übrigens nicht zwingend notwendig, da die Interpretation eines Jodlers sehr frei ist. Einzig die richtigen Töne sollte man treffen können.

 

Von Evergreens, Lyrik und Schilcher

Seit 34 Jahren führt Anni Zimmermann den Babenbergerhof. Der Jodelstammtisch ist eine von mehreren Veranstaltungen, zu denen sie regelmäßig in ihr Lokal lädt. Volksmusik und Evergreens, aber auch Jazzabende mit Livemusik gehören hier zum Programm. Das Publikum ist divers, Studenten wie auch Senioren feiern oft bis spät in die Nacht. Das Besondere an den Konzerten hier sei das Naheverhältnis zum Musiker, meint Anni Zimmermann. Auch wenn ihre Stammmusiker wo anders auftreten, sei die Stimmung bei weitem nicht so gut wie bei der „Anni-Wirtin“.

Ihren eigenen Zugang zur Musik findet die Lokalbesitzerin über die Lyrik. Zu später Stunde trägt sie gerne eigene oder Gedichte des steirischen Heimatdichters Hans Klöpfer vor. Seine Nähe zum NS-Gedankengut ist für sie dabei kein Thema: „Ich hab ja damals nicht gelebt, Nazi-freundliche Gedichte interessieren mich auch nicht. Was ich so gern mag, sind seine Gedichte über das Leben, die Menschen und die Liebe.“

Der Weg zu den Toiletten ist gespickt mit Fotos von Veranstaltungen, Grußkarten, Zeitungsartikeln und Malereien befreundeter Künstler.

 

Auf dem Gang zu den Toiletten findet sich eine Chronik vergangener Veranstaltungen: Fotos erinnern an heitere Nächte, in Grußkarten und der Wirtin gewidmeten Gedichten haben Gäste ihre Spuren hinterlassen. Hier kommen auch Annis Vorliebe zum Schilcher und die damit verbundenen Nachwirkungen zum Ausdruck. „Wenn ich getrunken hab, bin ich oft auf der Bank gelegen“, gesteht sie lachend. Ihre Gäste schätzen sie trotzdem – oder gerade deswegen: „A Wirtin, die net trinkt, ist wie a Misthaufen, der net stinkt“, steht auf einer der Karten.

Die "Anni-Wirtin"Anna Maria Zimmermann, Wirtin im Babenbergerhof

 

Als im Lokal das Telefon läutet, ist Anni Zimmermann gerade damit beschäftigt, eine Brettljause zu servieren, also hebt einfach ein Gast ab. „Da geh ich gern hin, weil die Gastfreundschaft stimmt. Wenn da grantige Leute wären, da geht ja kein Musikant hin“, erklärt ein Ehepaar, das zum dritten Mal an einem Stammtisch teilnimmt. Ans Aufhören denkt die Wirtin noch lange nicht: „Ich werd halt so lange „ummiwurschteln“, so lange es geht. Die Musiker sagen immer, ich darf nicht aufhören – darauf sag ich: Hab ich ja auch nicht vor!“

 

Babenbergerhof
Babenbergerstraße 39, 8020 Graz
geöffnet Mo-Fr ab 17.00 Uhr
Der Jodelstammtisch findet jeden letzten Freitag im Monat statt. An jedem ersten Dienstag im Monat wiederholt sich der Evergreens-Abend „Musik die gefällt“, jeden dritten Montag gibt es Volksmusik, jeden Mittwoch ist Jazznacht.

 

Über den Autor

Katrin Nussmayr
Katrin Nussmayr
Katrin Nussmayr: Wohl eine der wenigen angehenden Journalistinnen die nicht der branchenüblichen Kaffeesucht verfallen ist. Die junge JPR Studentin mit persischen Wurzeln ist aufgeweckt, neugierig und fröhlich. Katrin ist stolze Annenviertlerin und genießt die Kulturenvielfalt. Eine große Leidenschaft ist die Musik – Wochenends trällert sie sanfte Jazztöne aus ihrem Saxophon.
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3 Kommentare zu "Jodeln, Jazz, Brettljause"

  1. Thomas Wolkinger Thomas Wolkinger | 20. Januar 2012 um 14:25 | Antworten

    sehr elegant, bravo!

  2. Boris Böttger | 26. Januar 2012 um 12:56 | Antworten

    Da würde man sich über eine kurze „Tonkostprobe“ freuen – hullareidulliöh!

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