Iberoamerikanische Kultur trifft auf handwerkliches Geschick: Im Rahmen des 50-jährigen Jubiläums des Iberoamerica Instituts Graz dürfen Besucher:innen in der Stadtbibliothek Zanklhof zusammen kreativ werden und in die Welt von Autorin Isabel Allende eintauchen.
Autorin: Elisa Lerch
Mit ihrer angenehmen Stimme beginnt Martha Fromm die ersten Zeilen des Buches „Das Siegel der Tage“ von Isabel Allende auf Spanisch vorzulesen. Obwohl nur die Hälfte der Besucher:innen Spanisch versteht, hören die anderen trotzdem aufmerksam zu. Der Raum wird still. Lediglich Marthas Stimme und das leise Klirren der Strick- und Häkelnadeln sind zu hören. Es riecht nach alten Buchseiten. Im Raum breitet sich ein Gefühl der Gemeinschaft aus. Auf den alten Tischen liegt Bocadillo – eine traditionelle kolumbianische Süßigkeit aus Guave. Nachdem Martha fertig ist, übernimmt Julia Stobel das Wort. Sie liest das gleiche Kapitel noch einmal auf Deutsch. Während des Vorlesens schmunzeln die Besucher:innen kurz, diese Stelle halten sie für besonders lustig.
Am 19. Mai fand in der Stadtbibliothek Zanklhof das Event „Wolle und Wort Spezial: Lana y Palabra“ statt. Das Veranstaltungsformat „Wolle und Wort“ wird von Julia Stobel und Laura Laubichler bereits seit letztem Sommer organisiert. Aufgrund des 50-jährigen Jubiläums des Iberoamerica Instituts in Graz widmeten die beiden eines ihrer monatlichen Events dem Institut. Zusammen mit Martha Fromm, gebürtige Honduranerin und Mitarbeiterin in der Stadtbibliothek Andritz, lasen die drei Frauen zwei unterschiedliche Bücher der aus Chile stammenden Autorin Isabel Allende – eine der meistverkauften Autorinnen der Welt – vor. Sie gilt als eine der wichtigsten feministischen Stimmen Lateinamerikas und hat in ihrer mehr als 40 Jahre langen Karriere über 51 Millionen Bücher verkauft.

„Ich bin für das Wort und sie ist für die Wolle zuständig.“
„Der Flow, in den du kommst, wenn du deine Hände beschäftigst und gleichzeitig zuhörst, ist einzigartig“, erzählen Julia und Laura in einem Vorgespräch mit der Annenpost. Sie arbeiten für das Event-Team LABUKA und organisieren regelmäßig Events für Kinder und Erwachsene. Die Idee für „Wolle und Wort“ hatte Laura: „Ich handarbeite sehr gerne, hauptsächlich häkeln und stricken, also habe ich damals überlegt, einen Strick- oder Häkelabend für Erwachsene zu veranstalten.“ Julia bot daraufhin ihre Hilfe an und hatte die Idee, währenddessen vorzulesen.
„Ich bin für das Wort und sie ist für die Wolle zuständig“, scherzte Julia im Gespräch. Ihnen ist es dabei wichtig, dass bei den Events ein ruhiger Ort der Gemeinschaft geschaffen wird: „Die Kombination aus handwerklichen Arbeiten und dem Zuhören beim Vorlesen funktioniert hervorragend. Man muss sich keine Gedanken machen, was man noch auf die Einkaufsliste schreiben muss oder wann man seinen Termin mit dem Arzt ausmacht.“
Bei jedem Event wählen die beiden ein neues Buch. „Wir nehmen ausschließlich Bücher, die wir mögen und bereits selbst gelesen haben. Wir versuchen auch immer, an einem Punkt aufzuhören, an dem die Geschichte besonders spannend ist“, erzählen sie. Wer danach wissen will, wie es weitergeht, kann sich das Buch direkt danach zum Fertiglesen ausborgen. „Es ist einfach wertschätzend und richtig schön. Es ist immer cool zu sehen, welche verschiedenen Projekte die Besucher:innen mitnehmen.“ Rund um das Event hat sich in diesem halben Jahr eine eigene kleine Community aufgebaut. Mit Stammgästen, die fast jedes Event besuchen: „Letztes Jahr haben wir von einer Besucherin für das ganze Team Socken gestrickt bekommen. Für uns ist Wolle und Wort inzwischen ein richtiges Herzensding geworden.“

„Graz soll die bunte, multikulturelle Stadt bleiben, die sie ist.“
1976 gründeten Professoren der Romanistik an der Universität Graz das Lateinamerika-Institut-Graz. „Es dient als Anlaufstelle für Menschen aus Lateinamerika, die nach Graz gezogen sind und noch kein Deutsch können, um sie bei Terminen und Bürokratie zu unterstützen“, erzählt Christine Trauner, Projektmanagerin am Institut. Erst 2018 wurde der Name von „Lateinamerika-Institut“ auf „Iboamerika-Institut“ geändert, um auch Spanier:innen und Portugies:innen zu inkludieren.
Der Ausgangspunkt der Kooperation zwischen der Stadtbibliothek und dem Verein war das jährliche Kulturfestival „Tribuna“. „Wir wollen die Beziehung zwischen Graz und den Ländern Iberoamerikas feiern. Daher entschieden wir uns dazu, alle möglichen Vereine, die etwas zur Kultur beitragen, zu inkludieren. Wir wollen das Jubiläum nicht nur feiern, wir wollen den Menschen im Kulturbereich eine Plattform bieten“, erzählt Christine. Daraufhin erstellte das Institut einen Veranstaltungskalender mit allen Aktivitäten, die rund um das Thema in Graz stattfinden. „Die Veranstaltungen sollen nicht nur Menschen ansprechen, die aus den Ländern kommen und die Sprache sprechen, sondern auch Menschen, die sich für diese Kulturräume interessieren oder davor noch nichts davon gehört haben“, sagt Christine im Gespräch.
So kam es dazu, dass sich auch Laura und Julia bereiterklärten, eine Veranstaltung zu diesem Thema zu organisieren. „Ich glaube, das gemeinsame Handarbeiten und das Einlassen auf eine neue Kultur fördern die Gemeinschaft. Vielleicht entdeckt man auf diesem Weg Sachen, die man sonst nie entdeckt hätte“, erklärt Christine.
Titelbild: Julia Stobel, Martha Fromm und Laura Laubichler stellen den Besucher:innen Bücher der Autorin Isabel Allende vor. – Foto: Elisa Lerch
