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Mit dem Schwalbennest wieder fliegen lernen

in SOZIALES von

Die Zahl der an psychischen Erkrankungen leidenden Frauen ist laut dem Frauengesundheitsbericht aus dem Jahr 2022 seit Jahren stark steigend. Viele Frauen sind in dieser schweren Phase oft alleine und haben keine Unterstützung. Das Haus „die Schwalbe“ im Bezirk Lend und seine Leiterin Angelika Vanek engagieren sich genau für diese Menschen. 

Hinter dem vielen Gebüsch und Sträuchern versteckt steht in der Bunsengasse im Bezirk Lend eine alte weiße Villa aus den 1970er-Jahren, die unter Denkmalschutz steht. Einst war sie das Zuhause einer siebenköpfigen Familie, heute bietet sie Schutz und Sicherheit für psychisch erkrankte Frauen. Vereinsgründerin und Geschäftsführerin Angelika Vanek öffnet mit einem Lächeln die Tür und bittet hinein. Man hat sofort das Gefühl, als befinde man sich in einem normalen privaten Wohnumfeld, nicht etwa in einer Einrichtung für Menschen mit psychischen Krankheiten. „Das unterscheidet uns auch von anderen Wohneinrichtungen“, erklärt sie.

 

Der erste Flügelschlag

Angelika Vanek-Enyinnaya ist eigentlich ausgebildete Übersetzerin und Dolmetscherin für Italienisch. Gleichzeitig war sie halbtags als Sekretärin in einem Architekturbüro angestellt und alleinerziehende Mutter ihres Sohnes. Diese Mehrfachbelastung wurde ihr irgendwann zu viel, weshalb sie im Jahr 2008 selbst Patientin in einer Psychiatrie war. „Ich habe mich mit Panikattacken und psychogenem Schwindel einfach überhaupt nicht mehr ausgesehen“, erklärt sie.

Während ihres Aufenthalts traf sie auf sehr viele Frauen, die Bedenken vor der Entlassung aus der Psychiatrie hatten. „Viele Frauen hatten Angst vor der Einsamkeit und wussten einfach nicht, wie sie alleine zurechtkommen sollen“, sagt Vanek. So fasste sie noch während ihres Aufenthalts den Entschluss, ein Haus für Frauen zu gründen. Für Frauen, die nach ihrem Aufenthalt kein Zuhause haben und Unterstützung im Alltag brauchen.

 

Hilfe von Betroffenen für Betroffene

Im Jahr 2009 eröffnete sie gemeinsam mit einem Mitpatienten, den sie in der Psychiatrie kennenlernte, das Wohnhaus „die Schwalbe“. Das Konzept basiert dabei auf Peer-Arbeit. Das heißt, man bietet Hilfe von Betroffenen für Betroffene an. Insgesamt gibt es drei Betreuerinnen, die von Montag bis Freitag tagsüber vor Ort sind. Das Haus wird von acht Bewohnerinnen mit unterschiedlichsten Herkünften, Alter und Hintergründen sowie zwei Katzen bewohnt. Die Frauen dürfen maximal drei Jahre im Schwalbennest wohnen und kommen laut Angelika Vanek meist direkt von ihrem Aufenthalt in der Psychiatrie zu ihnen. Dabei arbeiten sie neben den Grazer Kliniken auch mit Reha- und psychiatrischen Kliniken in anderen Bundesländern wie Tirol zusammen.

Der Name ist dabei auch nicht zufällig gewählt. Die Schwalbe ist nämlich ein Zugvogel. Sie lässt sich für eine bestimmte Zeit irgendwo nieder und zieht dann weiter. „Genauso lassen sich unsere Bewohnerinnen hier nieder und ziehen irgendwann weiter“, sagt Vanek. Zudem ist die Schwalbe ein Symbol für das Licht, für Wagemut und Zuversicht, was laut der Vereinsgründerin das Haus recht gut beschreibt.

 

Eine Wohneinrichtung wie keine andere

Die Vereinsgründerin erklärt, was die Schwalbe gegenüber anderen Wohneinrichtungen so besonders macht: “Wir sind keine standardisierte Einrichtung, sondern eine private Initiative.” Der Vorteil dabei liege laut Vanek darin, dass sie an keine Standards gebunden seien und ein sehr individuelles Programm anbieten können. Von gemeinsamen Kochen über Gedächtnistraining bis hin zu Yoga und Kreativ-Workshops oder Gartenarbeit im Sommer. Ziel dabei ist es, die Frauen zu motivieren, in den Tag zu starten und etwas Schönes zu unternehmen.

Eine private Initiative zu sein hat aber auch Nachteile, vor allem was den finanziellen Aspekt angeht. „Jedes Jahr im Oktober ist es so, dass ich nicht weiß, wie ich im Dezember die Gehälter zahlen werde“ erklärt die Geschäftsführerin. Die Schwalbe erhält Förderungen und nimmt auch durch die Mieten der Bewohnerinnen Geld ein. Diese Einnahmequellen sind aber zu wenig und man ist stark auf Spenden angewiesen.

Das Haus der Schwalbe strahlt Wohlbefinden und Gemütlichkeit aus. – Foto: Georg Mausser

 

Psychische Erkrankungen als Volkskrankheit

„In Österreich sind für 15% der Krankheitslast bei Frauen psychische Krankheiten verantwortlich. Bei Mädchen und jungen Frauen sind psychische Erkrankungen mit 27% sogar die häufigste Ursache für jene Lebensjahre, die mit Krankheit und Beeinträchtigung verbracht werden”. Das geht aus dem Frauengesundheitsbericht des Sozialministeriums aus dem Jahr 2022 hervor. Psychische Krankheiten betreffen immer mehr Menschen und das spürt auch die Schwalbe. Seit August 2022 ist sie durchgehend ausgebucht. Vor allem in den letzten zwei Jahren ist stark bemerkbar, dass es immer mehr Anfragen gibt, häufig auch von jüngeren Frauen.

Die Vereinsgründerin erklärt, dass obwohl sie und ihre Mitarbeiterinnen keine therapeutische Arbeit in der Schwalbe betreiben, sie dennoch sehen, wie wichtig es ist, einfach für die Bewohnerinnen da zu sein. „Viele Menschen, die bei uns wohnen, kennen das nicht, wenn jemand bedingungslos zu ihnen steht“, sagt Vanek. Dieser Beistand sorgt für eine starke Bindung zwischen Bewohnerinnen und Betreuerinnen. Angelika Vanek hat mit sehr vielen ihrer ehemaligen Schwalben noch Kontakt und viele besuchen auch ihr einstiges Nest regelmäßig. Auch die aktuellen Bewohnerinnen profitieren laut Vanek vom Austausch mit den ehemaligen Schwalben. „Dass motiviert die Bewohnerinnen natürlich auch. Zu sehen, dass man es schaffen kann, mit der Erkrankung zu leben“.

 

Info-Box
Das Haus „die Schwalbe” erreichen Sie telefonisch unter +43 699 106 255 17 oder per E-Mail.

Wenn Sie jemanden kennen, der unter einer psychischen Krankheit leidet, oder Sie selbst betroffen sind, melden Sie sich bei einer der folgenden Helplines:

Rat auf Draht: 147

Telefonseelsorge: 142

Berufsverband Österreichischer Psycholog:innen: 01 504 8000

Frauen-Helpline: 0800 222 555

PsyNot: 0800 44 99 33

 

Titelbild: Für Vereinsgründerin Angelika Vanek ist die Schwalbe wie ihr zweites Zuhause. – Foto: Lena Mittermayr

Geborener Südburgenländer, Baujahr 2004. Meine Matura schloss ich 2022 ab. Nach meinem Zivildienst habe ich sogleich mein Studium an der FH Joanneum begonnen. Neben meiner ehrenamtlichen Arbeit beim Roten Kreuz verbringe ich sehr gerne Zeit mit Freunden und Familie.

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