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Wie grün ist das Grazer Kunsthaus?

in KULTUR/SOZIALES von

Das Thema Nachhaltigkeit war für die ehemalige Leiterin des Kunsthauses Barbara Steiner ein Herzensanliegen. Was bleibt von den letzten fünf Jahren? Wie sieht die neue Agenda aus? Ein Gespräch mit Katrin Bucher Trantow, der Chefkuratorin und interimistischen Direktorin des Kunsthauses.

Von Sophie Handl und Nicole Ivanova

Donnerstagabend im Kunsthaus. Eine Gruppe junger Frauen lernt, wie man mithilfe von Zwiebel- und Avocadoschalen Stoffe färben kann und versucht sich daran, aus den Stoffen bunte Haargummis zu nähen. Dieser Workshop gehört zur Reihe „KoOgle“. Einen Donnerstag pro Monat finden Veranstaltungen im Kunsthaus statt, die aktuelle Themen und Interessen junger Leute aufgreifen. An diesem Abend spricht die junge Designerin Carmen Kaiser über faire Kleidung, bald werden die „FoodFighters“ auf die Bühne kommen, um über nachhaltigen Umgang mit Lebensmitteln aufzuklären.

Wie „grün“ ist das Kunsthaus?

In den letzten Jahren rückten im Kunsthaus, das 2003 eröffnete, Fragen der Nachhaltigkeit immer stärker in den Mittelpunkt. 2021 setzte sich die Steiermarkschau im Kunsthaus mit Fragen rund um die Klimakrise und die Verteilung von Ressourcen und Raum auseinander. 2023 wird im Rahmen der nächsten Landesausstellung das Thema Biodiversität behandelt. Das Kunsthaus wird keiner der Schauplätze sein, aber es werde an anderen „grünen“ Projekten gearbeitet, sagt Katrin Bucher Trantow, seit 2003 Chefkuratorin des Kunsthauses. Seit September 2021 ist sie auch dessen interimistische Direktorin, nachdem Barbara Steiner, Direktorin seit 2016, überraschend ins ostdeutsche Dessau zur Stiftung Bauhaus gewechselt war.

Eines dieser „grünen” Projekte spielt sich hinter der Medienfassade des Kunsthaus ab. „Jeden Abend macht sie die Stadt lebendig, kommuniziert mit der Stadt und ist ein Kunstraum”, beschreibt Bucher Trantow die BIX-Fassade. Im Rahmen des Projekts Sunscriber hinterfragte Onur Sönmez im Vorjahr kritisch den Energieverbrauch für die nächtlichen Lichtspiele. Sönmez entwickelte für das Kunsthaus ein Konzept, um Energie selbst zu produzieren. Auf dem Dach ließ er Sonnenkollektoren installieren und die erzeugte Energie wird für die BIX-Fassade genutzt. „Es wird wirklich nur so lange mit dem Licht gearbeitet, wie es auch Energie gibt”, betont Bucher Trantow. Aktuell spielt die Fassade zirka eine Stunde, und nicht mehr wie bisher zwischen 17 und 23 Uhr.

Die BIX-Medienfassade – die Außenhaut des Kunsthaus Graz – Foto: Flavio Vallenari

„Wir haben uns ausgehend von solchen Projekten angefangen zu fragen: Inwiefern können wir auch als Institution nachhaltiger werden?“, erzählt Bucher Trantow beim Treffen mit unseren Redakteurinnen direkt im Kunsthaus. Das beginne bei der Heizung, und das sei nicht so leicht, wie es scheine. Denn die Temperatur muss aufgrund der strengen restauratorischen Vorgaben bei Leihgaben das ganze Jahr über konstant gehalten werden.

Auch im Bereich der Ausstellungsaufbauten wurden nachhaltigere Lösungen gefunden. „Obwohl das Material sehr günstig ist und es von den Materialkosten nicht unbedingt notwendig wäre, haben wir uns kluge Archive geschaffen, aus denen wir uns selber bedienen“, sagt Bucher Trantow, die in Basel Kunstgeschichte studierte, bevor sie im Jahr 2003 nach Graz kam. Das betrifft zum Beispiel Wände und Podeste, die in den Untergeschossen organisiert sind. Auf diese Weise schafft sich das Kunsthaus ein Archiv der eigenen Ausstellungsarchitektur und macht die Institution nach dem Reuse-Prinzip nachhaltiger.

Die Bedeutung von Nachhaltigkeit für die Kunstwelt in der Zukunft

Das Kunsthaus Graz ist seit 2021 – als eines von zwölf Häusern in Österreich – auch mit dem Österreichischen Umweltzeichen zertifiziert. Somit ist ein erster Schritt in Richtung „Grünes Museum” gesetzt. „Wir haben uns mit diesem Zeichen schon auch einer bestimmten Verantwortung für die Zukunft hingegeben”, sagt Bucher Trantow. „Wir haben eine Gruppe im Haus, die sich ganz speziell mit Nachhaltigkeit und Zukunftsperspektiven auseinandersetzt”, erklärt sie. Diese Expert*innen begleiten das ganze Team, außerdem gibt es ein Budget für Schulungen.

Die Freiheit der Kunst geht dennoch vor. Man könne etwa Künstler*innen nicht verbieten, bestimmte Materialien einzusetzen, weil sie unnachhaltig sind. „Kunst ist ein Spiegel unserer Gesellschaft und solange unsere Gesellschaft nicht nachhaltig wird, wird die Kunst uns das immer wieder vorhalten müssen“, so Bucher Trantow. „Aber was wir durchaus versuchen, ist, unser eigenes Tun in Frage zu stellen und auch abzuwägen, was sinnvoll ist und was nicht”.

Die Lenkung hinter dem Weg zur Nachhaltigkeit

Wie es mit dem Kurs in Richtung Nachhaltigkeit weitergeht, ist derzeit noch offen. Für die Nachfolge Barbara Steiners haben sich im Dezember zehn Personen beworben – 2016 waren es noch 32 gewesen. Bucher Trantow, die das Kunsthaus von Beginn an kennt, sieht die Gründe dafür in einem Zusammenspiel vieler Faktoren, unter anderem ist das auch eine bestimmte Corona-Müdigkeit, die sich an vielen Orten auf eine verminderte Bereitschaft für Neues zeigt. Außerdem seien die Ansprüche der Ausschreibung recht hoch, gesucht werde nicht nur eine*n Geschäftsführer*in, sondern eben auch eine*n auf zeitgenössische Kunst spezialisierte*n Kurator*in. „Die neue Leitung muss das Haus durch das Formen einer eigenen Geschäftsführung innerhalb des gewachsenen Konstrukts des Universalmuseums Joanneum neu positionieren”, so Bucher Trantow. Sie selbst wollte der Annenpost nicht verraten, ob sie auch unter den 10 Bewerber*innen ist. Den Grund für wenig Bewerbungen aus der lokalen Szene sieht sie überdies darin, dass Barbara Steiners Tun „nicht gerade mit Handschuhen angefasst wurde”. Das Kunsthaus und sein Programm werde manches Mal auch für ganz andere – medial ausgetragene – politische Grabenkämpfe instrumentalisiert, was durchaus auch anstrengend sei. Das hat den Posten in der lokalen Szene, vermutlich nicht attraktiver gemacht. Nach dem Hearing Ende Februar dürfte Anfang März die Entscheidung über die Nachfolge als Direktor*in des Kunsthauses fallen. Die Entscheidung ist eine politische, vorbereitet wird sie von einer Jury, der unter anderem Stella Rollig, Generaldirektorin des Wiener Belvedere, angehört.

Titelbild: Katrin Bucher Trantow vor dem Kunsthaus – Foto: Nicole Ivanova

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