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Man(n) tötet nicht aus Liebe! – F*Streik gegen Patriarchat und Gewalt

in SOZIALES von

In Österreich wurden in diesem Jahr bereits neun Frauen getötet, zwei davon in Graz. Die feministische Gruppe „F*Streik“ geht gegen diese patriarchale Gewalt auf die Straße. Die Mitglieder fordern Frauen* auf, ihre Stimme zu erheben, damit ein grundsätzlicher gesellschaftlicher Wandel entsteht.

Donnerstag, 17:30 Uhr. Die Sonne scheint über dem Griesplatz, es ist warm und trotzdem liegen Trauer und Wut in der Luft. Es ist schon wieder geschehen! Am 24. April wurde in Tirol eine Frau getötet, vermutlich von ihrem Mann, der ebenfalls tot aufgefunden wurde. Die Polizei geht von einem Mord und Selbstmord des Tatverdächtigen aus. Die Statistik der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser (AÖF) zählt diesen Fall als neunten Femizid dieses Jahres. Rund 30 Menschen haben sich heute versammelt, um mit bunten Schildern und starken Parolen gegen jedwede Gewalt an Frauen* zu protestieren. „Wir wollen leben!“, steht auf einem der in die Höhe gehaltenen Schilder.

„Nehmt ihr uns eine*, antworten wir alle!“

Die aktivistische Gruppe „F*Streik“ erkennt eine Männerherrschaft in der Gesellschaft und steht gegen dieses Patriarchat auf. Sie gründete sich vor zweieinhalb Jahren, da einige Aktivist*innen ein dezidiert feministisches Protestprojekt aufziehen wollten. „Bei dem ersten Treffen gab es ungefähr 30 Leute. Übrig geblieben ist dann eine Kerngruppe von zehn bis 15 Menschen, die sich zweimal im Monat treffen“, erzählt eines der Mitglieder, das anonym bleiben möchte.

In den ersten Jahren standen hauptsächlich Femizide auf der Agenda und im Sommer 2020 wurde erstmals dagegen mit dem Slogan „Nehmt ihr uns eine*, antworten wir alle!“ demonstriert. Die Gruppenmitglieder sahen das Thema medial als nicht genügend präsent an. Das habe sich seitdem merklich verändert. „Wir sehen das nicht unbedingt als unseren Erfolg, aber schon als Erfolg der feministischen Bewegung, dass sich jetzt die Berichterstattung verändert hat“, so die Demonstrantin. Es sei aber sehr anstrengend, sich ständig mit der extremen Form der Gewalt auseinandersetzen und laufend darauf zu reagieren. Es habe die Gruppe viele Ressourcen gekostet, nach jedem Frauenmord eine Spontandemo zu organisieren. Deshalb geht die Gruppe seit diesem Jahr nun an jedem letzten Donnerstag im Monat gegen patriarchale Gewalt auf die Straße.

„F*Streik“ ist kein Verein, sondern versteht sich als ein Kollektiv aus Einzelpersonen. „Wir haben keine einheitliche politische Meinung, jede* von uns hat ihre eigene Einstellungen und wir einigen uns auf Themen, mit denen wir uns beschäftigen wollen“, erklärt die Aktivistin. Als FLINTA* Gruppe können sich alle Frauen, Lesben, intersexuelle, nicht-binäre, trans und agender Personen aktiv einbringen. Cis-Männer können hilfreich wirken, dürfen aber keine aktiven Entscheidungen treffen und sind nicht bei der Planung der Demonstrationen involviert. Sie unterstützen die Demonstrant*innen nur punktuell, zum Beispiel bei der Kinderbetreuung während Veranstaltungen.

Der Protestzug führt vom Griesplatz über den Joanneumring bis zum Hauptplatz. – Foto: Nicole Ivanova

„Küche, Ehe, Vaterland? Unsere Antwort: Widerstand!“

„F*Streik“ bekommt Aufmerksamkeit. Viele Augenpaare richten sich an diesem Tag auf die Protestierenden, als der Demonstrationszug in Begleitung einiger Polizist*innen vom Griesplatz zum Hauptplatz zieht. „Küche, Ehe, Vaterland? Unsere Antwort: Widerstand!“, schallt es durch die Stadt. Die Reaktionen von Menschen auf der Straße unterscheiden sich stark. Die Feminist*innen hatten bereits mit Anfeindungen und Zwischenrufen zu kämpfen. Es gibt aber nicht nur negative Kommentare. Die meisten Menschen beobachten die Demo mit Interesse. „Größtenteils sind sie, glaube ich, eher dankbar, dass da Feminismus auf der Straße von engagierten Menschen getragen wird“, so die Demonstrierende.

Am Ende der Demonstration versammeln sich die Protestierenden am Hauptplatz und erinnern an die in diesem Jahr bereits getöteten Frauen. Es werden neun Banner auf die Straße gelegt – eines für jedes Opfer. „Es gibt schon wieder mehr Banner als bei der vorherigen Demo, das macht mich unglaublich traurig“, sagt die Leiterin der Demonstration. Es folgt eine Minute der Stille – nicht nur zum Trauern, sondern auch zum Nachdenken darüber, was als Gesellschaft geändert werden kann.

Neun Femizide, neun Banner. – Foto: Nicole Ivanova

„Wenn wir das nicht mehr machen würden, würde es gar keiner machen“

Die Gruppe lebt von der freiwilligen Beteiligung und dem Engagement seiner Mitglieder. „Wenn sich niemand was schert, passiert nichts und wenn sich viele was scheren, passiert viel“, so die Aktivistin. Das Interesse an der Gruppe sei insgesamt groß, weshalb monatlich ein „Newbie Day“ stattfindet, bei dem die Mitglieder „F*Streik“ vorstellen. Es gibt einen sanften Einstieg für alle FLINTA*-Personen, die sich engagieren möchten. „Man muss nicht gleich ganz viele Aufgaben übernehmen. Wir versuchen da so gut wir können auf Menschen zuzugehen und auch für Menschen offen zu sein, die sich bis jetzt noch nie politisch engagiert haben und sich in „F*Streik“ dann mal ausprobieren möchten“, heißt es von der Feministin.

Die F*Streik-Mitglieder geben sich aber nicht zufrieden und möchten die Bekanntheit des Projekts weiter ausbauen. Sie planen Infostände und möchten sich österreichweit mit feministischen Gruppen zusammenfinden, damit dadurch mehr Kooperationen entstehen. Mit den Demos werde die Gruppe vermutlich weitermachen, erklärt die Aktivistin. „Wenn wir das nicht mehr machen würden, würde es gar keiner machen.“

 

Titelbild: Die Demonstrierenden zeigen am Donnerstag ihre Schilder. – Foto: L Gailhofer

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