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Eine Hausverwaltung spielt Theater

in VIERTEL(ER)LEBEN von
Gries und Lend – die Einwanderungsviertel schlechthin. Wer da eine Liegenschaft verwaltet, muss damit rechnen, dass ein Großteil der Mieter einen Migrationshintergrund hat. Wie reagiert die Hausverwaltung darauf?
Aufführung des Theaters "Full House"
Aufführung des Theaters „Full House“ (© Georg Kotzmuth)

„Ein Miethaus ohne Mieter ist nur ein Haus.“, so Georg Kotzmuth. Gemeinsam mit seiner Frau Dagmar verwaltet er Liegenschaften in Graz, vor allem im Annenviertel. Rund 50 % der MieterInnen sind keine österreichischen StaatsbürgerInnen. Von den restlichen haben wiederum 50 % einen Migrationshintergrund. Seit mehreren Jahren arbeitet das Ehepaar Kotzmuth bereits mit Menschen mit Migrationshintergund bzw. Menschen, die Hilfe benötigen. Um sich intensiver für ein gutes Zusammenleben einsetzen zu können, haben sie nun vor ca. einem halben Jahre die Arge do it to do do gegründet.

Mit Kleinstmaßnahmen helfen
Damit das Zusammenleben in einem Miethaus überhaupt funktionieren kann, achten Georg und Dagmar Kotzmuth darauf, dass eine gewisse Ausgeglichenheit besteht. Bei rund 17 Nationalitäten in den 60 Wohnungen sollte keine Nationalität zu stark vertreten sein. Auch zu viele Familien mit Kindern auf engem Raum erleichtern das Zusammenleben meist nicht. Hier liegt die Aufgabe der Hausverwaltung darin, den Mittelweg zu finden. Es gehört auch einmal dazu, nein zu sagen, wenn ein Mieter seine Wohnung gleich intern an den Cousin weitergeben will. Denn das ist bei manchen gang und gäbe.

Einer speziellen Herausforderung stellte sich Dagmar Kotzmuth. Oft musste sie den MieterInnen klarmachen, dass es auch eine Chefin gibt. Vor allem bei Kurdinnen und Kurden war das anfangs nicht so leicht. Denn bei ihnen herrscht meist eine klare Hierarchie – die Frauen kümmern sich um den Haushalt und die Männer erledigen den Rest.

Dagmar und Georg Kotzmuth
Dagmar und Georg Kotzmuth

Das Ehepaar Kotzmuth unterstützt auch ihre MieterInnen bei Behördengängen. Viele der auszufüllenden Formulare sind so kompliziert geschrieben, dass auch jemand mit Deutsch als Muttersprache sie zweimal lesen muss, um den Inhalt zu verstehen. Hilft die Hausverwaltung den MieterInnen, bekommen diese ihre angesuchten Beihilfen und können somit auch die Miete zahlen.

Des Weiteren organisierte die Arge do it to do do auch Deutschkurse. Drei PensionistInnen haben sich bereit erklärt, den derzeit sieben jungen Syrern beim Deutschlernen zu helfen. Einen von ihnen konnten die Kotzmuths auch an der Ortweinschule -vorerst als außerordentlichen Schüler- anmelden, ein weiterer ist an der TU Graz als außerordentlicher Studierender eingeschrieben.

Dass es nie Probleme mit MieterInnen gab, wäre gelogen. Von Anrufen der Polizei über ein Fernsehteam von „24 Stunden – die Polizei im Einsatz“ von ATV – manchmal ist die „arge do it to do do“ machtlos. Viele der jungen MigrantInnen sind nicht mehr berechtigt, in die Schule zu gehen. Auch arbeiten dürfen sie nicht. Manche kippen in die Drogenszene oder werden kriminell. Georg Koztmuth:

„Probleme gibt es, ja. Die haben aber nicht unbedingt etwas mit der Nation zu tun.“

Full House – Theater im urbanen Raum
Die Geschichte der Arge do it to do do begann mit dem „The 59th Street Bridge Song“ von Simon & Garfunkel. Denn der war der Namensgeber für die Arge. Die Interpretation des Ehepaares Kotzmuth lautet: „Tu es einfach, ob es etwas bringt oder nicht. Tu es, weil du es willst“. Heute opfert das Ehepaar Kotzmuth für ihre Arge einen Großteil ihrer Freizeit.

Vor rund fünf Monaten startete die Arge do it to do do mit dem Projekt „Full House – Theater im urbanen Raum“. Gemeinsam mit der Gruppe von SchauspielerInnen Electro 28 entwickelte sie ein flexibles Stück, welches die Probleme und Bedürfnisse des Zusammenlebens im urbanen Raum thematisiert. Insbesondere in kleinen Lebensräumen wie Mehrparteienhäuser . Das bedeutet, dass sich die Inhalte je nach Bedürfnissen und Lebensräumen ändern.

Die Aufführung des Theaters
Die Aufführung des Theaters (© Georg Kotzmuth)

Die Arge möchte das Theater auf jeden Fall weiterhin organisieren. Das Ziel ist, das ganze Projekt auszuweiten. Allerdings sind nicht nur die zeitlichen Ressourcen knapp. Die Blöcke und Stifte für die Deutschlernenden, die SchauspielerInnen für das Theater – all das finanziert das Ehepaar Kotzmuth aus eigener Tasche. Derzeit bezieht die Arge noch keine Fördermittel, was sie jedoch in Zukunft ändern will. Gewährt der Staat zusätzliche finanzielle Untersützung, will die Arge auch das Potential von MigrantInnen nutzen und diese einstellen.

Die Arbeit von Georg und Dagmar Kotzmuth geht weit über jene einer normalen Hausverwaltung hinaus. Denn sie sind der Meinung: „Wohnhäuser funktionieren nur dann gut, wenn es auch den Mietern gut geht.“

 

 

Interessiert an fast allem und stets offen für Neues liebt Angela es, die Welt zu erkunden. Ob ihr weiterer Lebensweg sie ins Ausland führt oder nicht, steht derzeit noch in den Sternen.

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