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Das Voyeur gibt sich exhibitionistisch

in KULTUR von

Angeregte Stimmung zu Musik und Trunk im Café Mitte. Das Künstlerkollektiv Das Voyeur, bestehend aus Georg Dinstl, Thomas Pokorn, Mischa Mendlik und Gernot Passath, zeigt in einer kleinen Ausstellung gemeinsam mit Yeahndl einige ihrer Werke. Über die vier kreativen Köpfe, ohne die der Lend heute anders aussehen würde, und immer wieder über die Gentrifizierungs-Falle.

„Das mit dem offiziellen Teil haben wir weggelassen“, lacht Journey, draußen auf der Straße vor dem Café Mitte. „Die Ansprache gibt’s jetzt“, scherzt er. Journey, dessen richtiger Name eigentlich Gernot Passath ist, stellt ein Viertel des Kollektivs mit Hang zum analogen Arbeiten dar. Drinnen ist das Café voll mit gut gelaunten Menschen, es herrscht Feierlaune. Der Anlass: Das im Lend beheimatete Künstlerkollektiv „Das Voyeur“ präsentiert zusammen mit dem Künstler Yeahndl einige ihrer Werke in der Mitte.

In der Mitte wird’s kuschlig - am Samstag lockte das Voyeur viele Interessierte ins Café Mitte.
In der Mitte wird’s kuschelig – am Samstag lockte das Voyeur viele Interessierte ins Café Mitte.

Ein Pärchen betrachtet fasziniert das Gemälde eines Reiters und beginnt sich daraufhin angeregt darüber zu unterhalten. Im vorderen Teil des Cafés gliedern sich die Arbeiten der vier noch etwas zurückhaltend ins Gesamtbild ein. Dennoch ziehen sie Aufmerksamkeit auf sich.

Etwas weiter hinten in der Mitte gibt es dafür Voyeur pur. Unter einem Schild mit der Aufschrift „Handmade Screenprints“ findet man sich in einem eigenen Verkaufsbereich mit Wohnzimmeratmosphäre wieder. Beim Schmökern durch die Mappe mit diversen Plakatdrucken fällt einem schnell auf, klar orientierte Einheit in der Arbeitstechnik gibt es hier nicht. Siebdruckarbeiten bis pedantisch ins kleinste Detail ausgearbeitete Grafiken findet man hier – die Spannweite des Angebots, mit dem das Voyeur aufwartet, ist groß. Wie haben sich jedoch vier Menschen mit doch unterschiedlichen künstlerischen Zugängen gefunden? „Die Basis ist Freundschaft“, erzählt Journey einige Tage zuvor beim Interview mit ihm und Georg Dinstl in den Räumlichkeiten des Voyeur: „Man tut sich bei den verschiedenen Projekten, die man macht, halt so zusammen, wie es für das eine Projekt gerade Sinn macht.“

„Wenn du merkst, dass jemand happy ist, mit dem was du machst, ist das oft mehr wert als Bezahlung.“
„Wenn du merkst, dass jemand mit deiner Arbeit happy ist, ist das oft mehr wert als Bezahlung.“

Gestaltung, die vereint
Mit angezogenen Knien sitzt Journey auf einem gemütlich aussehenden, etwas abgewetzten Sessel in der hellen Auslage des Voyeurs, das im selben Gebäude am Lendplatz untergebracht ist, in dem auch die Agentur En garde residiert. Am Schreibtisch daneben Georg, beide mit einem Rotweinglas in der einen, einer Zigarette in der anderen Hand. Die Szenerie umgibt eine entspannte Atmosphäre. Dieselbe wie samstags im gut besuchten Café Mitte. Tische werden zusammengerückt, es wird angeregt miteinander gesprochen. Man merkt, hier kennt man einander. Kein Wunder, die Jungs vom Voyeur scheinen auf ihre Umwelt anziehend zu wirken. Auch an ihrem Arbeitsplatz gehen Freunde und Bekannte ein und aus. „Wir sind schon fast ein halbes Kaffeehaus, wo immer Leute kommen und abhängen“, schmunzelt Journey.

Warum funktioniert das Voyeur? Eines haben ihre Arbeiten alle gemeinsam – sie liegen am Puls der Zeit. An diesem Abend im Café Mitte kommt das besonders gut zum Ausdruck. Der Altersdurchschnitt der Besucher liegt wohl irgendwo zwischen 25 und 35. Die Arbeiten des Voyeur fangen den heutigen Zeitgeist und dessen verschiedene Facetten ein. Im Lend, einem jungen und lebendigen Viertel, haben die vier als Kollektiv oder auch als Einzelpersonen deutlich ihren Fingerabdruck hinterlassen.  Dennoch, nichts hält für ewig. „Ich glaube wir haben am Anfang viel mitverändert und jetzt, wo alles teurer wird, sollten wir lieber wo anders hingehen und dort etwas ändern“, meint Georg auf die Frage nach ihrem Einfluss auf den Lend. „Wir sind im Moment gerade dabei, die Augen offen zu halten, ob wir eine Location finden, die preislich und größentechnisch besser passt, da es doch etwas eng wird mittlerweile“, wie Journey erklärt.

Genügend „Voyeur“ zum mit-nach-Hause-nehmen gab’s im eigenen Pop-up-Store.
Genügend Voyeur zum mit-nach-Hause-nehmen gab’s im eigenen Pop-up-Store.

Nicht zuletzt durch ihr Mitwirken an Festen wie dem Lendwirbel oder die Veranstaltung und Organisation der „Asphaltoasen“ zur Belebung der Annenstraße haben sie sich als Teil im Lendnetzwerk etabliert. Ob letztere Veranstaltung wieder stattfinden wird, ist noch fraglich. „Wollen würden, glaube ich, viele“, meint Georg, sich an den Zuspruch des letzten Jahres erinnernd. Doch die Organisation eines solchen Events gestaltet sich sehr zeit- und ressourcenaufwendig, wie die beiden anmerken.

Auch wenn die vier ihr Büro nicht mehr im Lend haben sollten, wird man sie dennoch immer darin wiederfinden. Sei es nun in der Gestaltung diverser Lokale, wie dem Steirer, oder in einem ihrer Street Art Projekte, wie Yoga John, der mit neugierigen Augen den Lendplatz überblickt, und mit etwas zusätzlicher Unterstützung werden die Asphaltoasen die Annenstraße heuer ja vielleicht  doch wieder verzaubern.

 

 

Stefanie Burger, stadtverliebte Stainzerin, hat bereits Berufserfahrung als Marketing- und PR Assistentin, sieht sich aber im Journalismus. Sie ist sehr reisefreudig und am liebsten nur mit Rucksack unterwegs.

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