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Grazer Gastarbeiter: Heimat, fremde Heimat

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Ein Mangel an österreichischen Arbeitern, wirtschaftliche Schwierigkeiten in der Türkei und das Anwerbeabkommen zwischen den beiden Ländern führten dazu, dass junge GastarbeiterInnen Mitte der 60er-Jahre aus der Türkei nach Österreich gekommen sind. Wie deren Ankunft und Leben in Graz aussah, machten Ali Özbas und Joachim Hainzl beim ersten Stadtrundgang im Rahmen der Ausstellung „Avusturya! Österreich!“ erlebbar.

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Joachim Hainzl beschreibt die Situation der Gastarbeiter.

Als Mahmut Alban am 30. Mai 1973 aus Istanbul hier ankam, fragte er sich, in welcher Provinz er wohl gelandet sei. Hier, das ist der Grazer Hauptbahnhof, und der Mann, der Albans Geschichte gerade den Teilnehmern eines Stadtrungangs erzählt, ist der Sozialhistoriker Joachim Hainzl. Gemeinsam mit Ali Özbas vom Verein Jukus hat er die derzeit im Grazer Stadtmuseum laufende Ausstellung „Avusturya! Österreich!“ zu 50 Jahren Gastarbeit in Österreich kuratiert. Alban, erzählt Hainzl weiter, kam mit dem Ziel nach Graz, während ein paar Jahren harter Arbeit in Österreich genug Geld zu verdienen, um sich dann in der Türkei eine Existenz aufbauen zu können. Dementsprechend hoch waren seine Erwartungen an das Gastland. Doch am Ende kam alles anders, für Alban wie für viele seiner Landsleute.

Heimatgefühl am Bahnhof
Der Hauptbahnhof blieb für die Gastarbeiter der ersten Generation ein zentrales Symbol für Heimat. Hier kam man an, von hier würde man auch wieder zurück nach Hause fahren, so der Plan. Der Bahnhof war aber auch wichtiger Treffpunkt für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Die Unternehmen holten billige Arbeitskräfte dort ab und brachten sie an ihre Arbeitsstätte. Und noch eine Funktion erfüllte der Ort. Da die deutsche Sprache kein Kriterium war, um in Österreich Arbeit zu bekommen, hatten GastarbeiterInnen in der Regel enorme Verständigungsprobleme mit den GrazerInnen. Einzige Möglichkeit, um soziale Kontakte zu pflegen, war es, am Hauptbahnhof Menschen aus der Heimat zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. So wurde der Hauptverkehrsknoten auch zum Hauptfreizeittreff.

Hoffnung am Arbeitsamt
Zweite Station des Stadtrundgangs: das Arbeitsamt in der Babenbergerstraße. Dort angekommen erläutert Hainzl, wie die Behörden mit den Migranten umgingen, und erzählt vom Arbeiterstrich, den es damals dort gab. Die Bewerber mussten, um Arbeit zu bekommen, strenge Kriterien erfüllen. Jeder Ankommende musste Blut- und Urinproben abgeben, durfte außerdem nicht älter als 35 Jahre alt sein oder mehr als sechs Kinder haben. Zusätzlich wurde auf das Äußere wert gelegt. Hatte man zum Beispiel kaputte Zähne, war man chancenlos. Man wollte nur „die Besten“, sagt der Sozialhistoriker.

Von Baracken in Wohnungen
Gewohnt haben die ersten Gastarbeiter meist in verfallenen Baracken am jeweiligen Firmengelände. Diese Zustände wurden von den Bewohnern akzeptiert, da sie die Hoffnung hegten, in ein paar Jahren genug Geld zu haben, um zurückzukehren, erzählt Ali Özbas auf dem Weg zur nächsten Station, der Arbeiterkammer. Doch die Realität war oft eine andere. „In der Theorie war es vorgesehen, einen gewissen Wechsel bei den Arbeitnehmern, sozusagen einen Arbeitertourismus, zu haben“, erklärt Joachim Hainzl. Aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Lage in der Heimat wollten die Arbeiter ihre Arbeit allerdings nicht aufgeben. Außerdem wurden die befristeten Arbeitsverhältnisse immer wieder verlängert, Verwandte zogen aus der Türkei nach und fanden ebenfalls Beschäftigung. So konnten sich die Migranten ein soziales Netz aufbauen. Durch die Ölkrise in den 1970ern kam es zum ersten Bruch, der Bedarf an billigen Arbeitskräften ging drastisch zurück, es folgten massenhaft Kündigungen. „So konnten die Arbeiter nicht mehr zwischen ihrer Familie in der Türkei und der Arbeitsstelle in Österreich pendeln“, beschreibt Hainzl die Situation. Die Folge war, dass die Gastarbeiter, die noch Arbeit hatten, mit ihrer Familie in Österreich sesshaft wurden.

Credits: Schmid Daniela
Vor der Arbeiterkammer erklärt Ali Özbas die damalige Wohnsituation

Kommunikation nach Hause
Den Kontakt mit der Heimat hielt man in Pre-Skype-Zeiten – das zur Erinnerung für Spätergeborene – über Briefe aufrecht, oft wurden Fotografien mitgeschickt. Ein kurzes Gespräch aus der Telefonzelle war schon das Höchste der Gefühle. Vor einem Call Shop in der Annenstraße, dem letzten Stopp des Rundgangs, erzählen Özbas und Hainzl, dass es in einer Telefonzelle am Griesplatz durch ein technisches Problem für kurze Zeit möglich war, kostenlos zu telefonieren. „Ein Fünf-Minuten-Gespräch kostete damals 100 Schilling, die Schlange, die sich vor dieser Telefonzelle bildete, ist damit leicht erklärbar“, sagt Hainzl.

Was aus Mahmut Alban wurde? Auch er ist geblieben, zuerst als Bauarbeiter angestellt, machte er sich schließlich als Textilhändler selbstständig. Seit seiner Pensionierung führen seine Kinder das Unternehmen weiter.

Die Veranstaltungen rund um die Ausstellung „Avusturya! Österreich!“ soll eine chronologische Aufarbeitung der Geschichte der Gastarbeit in Österreich sein. Der Stadtrundgang durch das Annenviertel wird durch die Geschichten einzelner Gastarbeiter, die in den letzten 50 Jahren nach Österreich gekommen sind, zu einer kleinen Zeitreise und spiegelt den gesellschaftlichen Umgang mit diesem Thema damals sowie heute wieder.

[box]„AVUSTURYA! ÖSTERREICH!“
03.12.2014 bis 22.12.2014
GrazMuseum, Sackstraße 18, 8010 Graz

 2. Stadtrundgang
Sonntag, 14.Dezember 2014
14:00 Uhr. Verein JUKUS, Annenstraße 39, 8020 Graz [/box]

Jahrgangsvertreterin, sturm12- , Kenne deine Rechte- und Annenpost-Redakteurin: Unser Organisationstalent Daniela Schmid schießt nicht nur beim Fußball scharf, sondern auch mit ihrer Nikon D3200. Ihre multimedialen Kenntnisse und ihr politisches Interesse will sie später in der PR-Branche einsetzen.

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