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Die „Maria“ vom Andräviertel

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Das Büro der Nachbarschaften (BdN) in der Kernstockgasse ist seit 2011 nach einer gemeinsamen Initiative von Pfarrer Hermann Glettler (Pfarre St. Andrä) und Gunda Bachan ein wichtiges Vernetzungszentrum für den Stadtteil rund um die St. Andrä Kirche. Seit einem Jahr arbeitet das Büro als eingetragener Verein. Es wird von Beginn an von Gunda Bachan geleitet und ist Veranstalter des jährlichen Nachbarschaftsfrühstücks. Die Annenpost verbrachte einen Nachmittag mit der Vereinsobfrau.

Auf dem großen Schaufenster kleben Fotos, Plakate und Informationen auf Ungarisch und Slowakisch zur Müllvermeidung am Andrä Platz. Beim Betreten des Raumes fällt eines sofort auf: Ein richtiges Büro ist das nicht. „Ideenwerkstatt“ würde es eher treffen. Und es ist niemand da. Also zuerst mal auf der gemütlichen roten Couch warten, wo es einen aber nicht lange hält. Zwischen Regalen, gefüllt mit Büchern, Kunstkatalogen und Projektunterlagen gibt es einfach viel zu viel zu entdecken. Selbst der Boden wirkt untypisch – mal hier ein Teppich, dort ein Podest und dann wieder Holzbretter, die unter den Schuhen knarren. Dann geht die Tür auf. Gunda Bachan kommt herein. Zehn Minuten später als geplant, aber dafür mit umso mehr Energie.

Hier entstehen Ideen für die Nachbarschaft.

Hier entstehen Ideen für die Nachbarschaft.

„Der Andräplatz ist wunderschön, viele haben das einfach vergessen“

Schon bevor die erste Frage gestellt ist, sprudeln die Geschichten aus Gunda Bachan heraus. Das Büro der Nachbarschaften möchte den Austausch zwischen den Menschen, die im Andräviertel leben, fördern. Das sind Leute mit den verschiedensten Hintergründen. Einerseits gibt es hier die ruhigen Wohnungen rund um die Pfarre St. Andrä, andererseits das Vinzinest, eine Notschlafstelle für Männer mit Migrationshintergrund. Daneben befindet sich das kurdische „Café Graz“ und in der Dominikanergasse nebenan der Vinzischutz, eine Notschlafstelle für Frauen mit Migrationshintergrund. Mittendrin liegt das Büro der Nachbarschaften. „Viele denken beim Andräviertel an einen problematischen Ort, wo es viele Polizeieinsätze gibt. Das hat sich aber wesentlich gebessert. Wenn es Probleme gibt, versuche ich Lösungsansätze zu finden. Und das vielleicht in einer unerwarteten Art und Weise. Der Andräplatz ist schließlich ein wunderschöner Ort, viele haben das aber einfach vergessen“, so Bachan.

„Ich bin eine Vernetzerin. Das ist wichtig für die Arbeit im Stadtteilzentrum“ – Gunda Bachan

„Ich bin eine Vernetzerin. Das ist wichtig für die Arbeit im Stadtteilzentrum“ – Gunda Bachan

Austausch führt zu Nachbarschaft

Zuvor arbeitete Gunda Bachan sieben Jahre lang bei der Caritas als Flüchtlingsbetreuerin. „Flüchtlingshäuser hatten immer dieses Image einer abgeschotteten Parallelwelt. Meine Vision war es immer, hier anzusetzen und den Austausch zwischen den Menschen zu fördern“, beschreibt sie die damalige Situation. Im Rahmen des Kulturhauptstadtjahres Graz 2003 beteiligte sie sich mit Flüchtlingskindern an dem Projekt „Grieskochkultur“, das Pfarrer Hermann Glettler von der St. Andrä Kirche mitveranstaltete. 2008 beendete Gunda Bachan ihre Arbeit bei der Caritas und begann für die Pfarre St. Andrä im „Jugendkeller“ zu arbeiten. Drei Jahre später gründeten sie und Pfarrer Hermann Glettler das Büro der Nachbarschaften, dem sie als Vereinsobfrau vorsteht. „Büro der Nachbarschaften eben deswegen, weil es zum damaligen Zeitpunkt nur viele einzelne Nachbarschaften gab, keine gemeinsame. Das wollte ich verändern“, erklärt sie. Seit die Form des Vereins angenommen wurde, arbeitet Gunda Bachan jedoch unabhängig von der Kirche.

Vor dem Büro der Nachbarschaften befand sich hier die Galerie "Next Andrä"

Vor dem Büro der Nachbarschaften befand sich hier die Galerie „Next Andrä“.

„Kein Problem, Maria“

Mit dem „Gottesacker“, einem Gemeinschaftsgarten vor der St. Andrä Kirche, kam das Büro der Nachbarschaften  Bachans Wunsch ein Stück näher. Um das Gelände nach der Restaurierung der Kirche nutzen zu können, entstand dieses Projekt, an dem sich jeder in der Nachbarschaft beteiligen kann. Zuerst hat alles klein angefangen, doch mittlerweile bringen sich  der Hort in der Dominikanergasse und die Bewohner im Andräviertel ein. „Um den Bewohnerinnen von Vinzischutz und den Bewohnern vom Vinzinest Vertrauen entgegenzubringen, habe ich sie immer wieder eingeladen, gelegentlich zum Gießen vorbeizukommen. Die Roma sagten dann immer nur ‚Kein Problem Maria‘ und machten mit, wenn sie Zeit hatten. Der Name ‚Gunda‘ war wohl etwas befremdlich und ungewohnt für sie. Ich war dann einfach die Maria, weil wir hier so nahe bei der Kirche sind. Das hat sich so eingebürgert“, erzählt Gunda Bachan.

Tee und Zigarettenstummel – ein eigener Diagonalefilm

„Maria“ kann aber auch anders. Im von Zigaretten verqualmten kurdischen „Café Graz“ gleich um die Ecke plaudert sie noch mit dem Lokalbesitzer bei Chai-Tee, im Hintergrund läuft ein Fußballspiel über den Flatscreen. Im nächsten Moment stellt sie den Männern vor dem Lokal einen Aschenbecher hin, nicht ohne dabei auf die herumliegenden Zigarettenstummel zu deuten und sie aufzufordern, den Müll wegzuräumen. Eine ältere Dame mit Chanel-Sonnenbrille beschwert sich kurz darauf über die besetzten Parkplätze und zieht sich dann verärgert in ihre Wohnung zurück. Und mittendrin wieder Gunda Bachan. „Jeder Tag hier ist ein kleiner Diagonalefilm. Es kann auch schon mal lauter zugehen. Das macht den Ort so besonders“, kommentiert sie das Geschehen.

Nachbarschaftlicher Austausch mit Lokalbesitzer Kemal Acar im Graz Café.

Nachbarschaftlicher Austausch mit Lokalbesitzer Kemal Acar im Café Graz.

Was ist schon ein Ziel?

Auf die Frage hin, was ihr Ziel sei, schweigt die sonst so gesprächige Frau – aber nur kurz. „Was ist schon ein Ziel?“, fragt sie dann. „Ich glaube, es ist vermessen zu sagen, dass das Büro der Nachbarschaften ein fixes Ziel verfolgt. Es soll eine neutrale Anlaufstelle sein und vernetzen. Als ich die Arbeit hier begonnen habe, sollte ein Ist-Zustand festgestellt werden um damit einen Dialog zu beginnen. Es musste eine Veränderung her. Und jetzt sind es einfach unbezahlbare Momente, wenn Projekte gelingen und sich die Menschen hier beteiligen. Der Austausch der Wurzeln unserer eigenen Kultur, die wir eigentlich ziemlich zugeschüttet haben, mit jenen der Migrantinnen und Migranten ist einfach wichtig.“ Wenn sie das so sagt, hoch oben im Turm der St. Andrä Kirche, wo der Nachmittag mit ihr endete, passt der Name Maria eigentlich ganz gut zu ihr.

Fotos: Camilla Annabith

[box]Büro der Nachbarschaften
Kernstockgasse 20
8020 Graz

Öffnungszeiten:
Mo bis Fr: 15:00 – 19:00 Uhr
Di und Do: 10:00-13:00 Uhr
Kontakt:  nachbarschaften@mur.at
Tel: 0316/711606 oder 0676/87426146[/box]

Seit Ende September gehör auch ich zu JPR13 und verstärke damit die „Oberösterreich-Fraktion“, die den Studiengang dieses Jahr geflutet zu haben scheint ;-)
Kommend aus dem 1800 Seelen Dorf Piberbach bin ich jetzt in Graz gelandet und versuche mich als Blogger und PR-Mensch für die Annenpost (ach nee?). Wenn’s der FH-Alltag mal zulässt, geht’s ab auf die Tanzfläche – die Ballsaison ist fast immer vollständig verplant. Oberösterreich sieht mich in regelmäßigen Abständen immer wieder, zuhause wartet schließlich meine Familie (die mich mittlerweile schon Steirerbua nennt) inklusive meiner Golden Retriever Hündin auf mich. Da man ja noch träumen darf, stell ich mir meinen Traumberuf mal als Mix aus Schreiben, Moderieren, Organisieren von Events und Reisen vor. Apropos Reisen: Frankreich und Italien mag ich unglaublich gerne. Da würd ich allein wegen dem Essen schon hinziehen.

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