Dunkelgrünes Straßenschild am Europaplatz, darüber die EU-Fahne blau mit 12 gelben Sternen
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In Vielfalt geeint – Europa im Annenviertel

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Europa wirkt als Ganzes oft nicht greifbar und doch versteckt sich der Begriff an so manchen Ecken im Annenviertel, auch dort, wo man ihn nicht gleich vermutet. Eine Spurensuche anlässlich des heutigen Europatages.

Von Felix Neumann und Sophie Weinhandl

Die Europäische Union versteht sich als ein essenzielles Projekt für Friedenssicherung und Zusammenarbeit. Gerade in den vergangenen Wochen ist dieser Gedanke wieder besonders in das Bewusstsein der Menschen gerückt. Der Krieg in der Ukraine macht deutlich, dass Frieden nichts Selbstverständliches ist. Im Annenviertel findet sich eine Vielfalt an Orten, die ihr Bezug zum Thema Europa eint – ganz gleich ob Vereine, Plätze oder Geschäfte.

Das Europahaus klärt auf

Fahne des Europarates. die am Gebäude befestigt ist
Die EU-Fahne am Nikolaiplatz lässt vermuten, dass sich hier EU-Institutionen befinden. – Foto: Felix Neumann

Brüssel ist bildend, stellt Burkhard Neuper fest und rät zu einer Reise ins Schaltzentrum der EU. Der Verein Europahaus Graz, dem der Obersteirer vorsteht, holt Brüssel auch direkt zu uns in die Steiermark und klärt über den Wert und die Funktionsweise des EU-Apparates auf. Das Europahaus nützt Räumlichkeiten des Europäischen Fremdsprachenzentrums, einer Einrichtung des Europarates am Nikolaiplatz. Aufgrund der lokalen Diversität und den besonderen Diskursmöglichkeiten im Annenviertel sei das Europahaus auf der richtigen Seite der Mur, ist Neuper überzeugt.

Das Europahaus versucht durch Workshops in Schulen, Kamingespräche mit Insider:innen oder Broschüren mehr Bewusstsein für die Idee Europa zu schaffen. Im vereinseigenen „Podcast2Go“ spaziert Oliver Zeisberger mit Expert:innen durch besondere Orte und spricht mit ihnen über den Alltag in der EU-Politik oder ein drohendes Blackout. Wir merken, dass Europa in vielen Schulen sehr unterrepräsentiert ist, so Neuper. Besuche von EU-Politiker:innen seien für ihn daher sehr wertvoll: Es macht einen Unterschied, ob Jugendliche mit jemandem reden können, der konkret mit der EU zu tun hat oder ob sie die Dinge nur im Unterricht hören.

Speziell für Schulklassen geht am 9. Mai das jährliche Europatagsfest des Landes Steiermark im Dom im Berg über die Bühne. Nach einem Vortrag des Science Busters Martin Moder über Fake News diskutieren Entsandte der Landtagsparteien die Fragen des Publikums. Neuper erwarte aktuelle Fragen zur Netzpolitik, hauptsächlich aber zum Ukraine-Krieg und zur Inflation. Man bekommt die Stimmungslage sehr schnell mit, es sind Realthemen, welche die Bevölkerung beschäftigen. Oft denkt sie schon einen Schritt weiter als Brüssel”, so der Vereinsvorsitzende. Durch diese Art von Diskurs sei es für die Steirer:innen möglich, Hintergrundwissen zu erhalten und somit mehr Verständnis für die Abläufe hinter der EU-Fassade zu gewinnen. Gleichzeitig profitiere die Politik, sie erhalte ein Stimmungsbild und direktes Feedback, wie ihre Arbeit draußen ankommt.

Das Projekt Panthersie für Europa

„Welches Tier wäre Europa?“ Mit dieser Frage beginnen die Projektleiter der „Panthersie“, Markus Plasencia und Konrad Fellerer, gerne ihre Europa-Workshops mit steirischen Jugendlichen. Die Panthersie für Europa ist das größte Projekt des Vereins Sozialprofil und hat sich dem Ziel verschrieben, Europa greifbarer zu machen. Mithilfe von Übungen, Spielen und Diskussionen wird versucht, sich dem Begriff Europa anzunähern. Europa entzieht sich auch ein bisschen, so Fellerer.

Die Einstellungen Jugendlicher zu Europa und der EU seien sehr divers, oft auch kritisch. Europa werde zum Beispiel als starker Löwe, anpassungsfähiges Chamäleon oder träges Faultier beschrieben, erzählt Plasencia. In den Diskussionen habe sich seit der Flüchtlingskrise 2015 einiges geändert. Die Themen Sicherheit und Schutz kommen viel mehr. Auch Klima, Digitalisierung und Friede sind dazugekommen, erzählt Fellerer, der seit 2013 Teammitglied der Panthersie ist. Mit der steigenden Unsicherheit durch den Krieg in der Ukraine stehen plötzlich auch Fragen zur internationalen und nationalen Sicherheit sowie zur möglichen Flucht aus dem Heimatland stärker im Raum.

Die Motivation für ihre Arbeit am Projekt Panthersie für Europa, das vom Referat Jugend im Land Steiermark finanziert wird, schöpfen die beiden Projektleiter aus der dringenden Notwendigkeit von Europabildung”, schildert Plasencia. Besonders zur Idee Europa gebe es ein großes Informationsdefizit, dem man mit analogen und digitalen Angeboten für die ganze Steiermark entgegenwirken möchte. Zum Beispiel haben Jugendliche die Gelegenheit mit Politiker:innen, Wirtschaftstreibenden und anderen Expert:innen in Dialog zu treten und Fragen zu stellen. Ausgehend vom Büro, das gegenüber des Volksgartens in der Kinkgasse liegt, organisiert die Panthersie vermehrt Online-Workshops, die auch interaktiv sein können.

Ein T-Shirt der Panthersie für Europa, das alle 48 Staaten Europas auflistet. Daneben von Schüler:innen per Computer gestaltete Europa-Postkarten
Die vielseitige Auslegung des Europabegriffes zeigen Werbeartikel der Panthersie. – Foto: Felix Neumann

Zahlreiche EU-Förderungen im Annenviertel

Schon einmal im Bad zur Sonne entspannt, einen unterhaltsamen Abend in der Helmut-List-Halle verbracht oder in der Stadtbibliothek-West ein Buch entlehnt und dieses anschließend im Park der FH Joanneum gelesen? Das sind nur wenige Beispiele für Projekte im Viertel, die in der Vergangenheit von der EU kofinanziert wurden.

Christian Nußmüller ist der Leiter des Referats für EU-Programme und internationale Kooperationen der Stadt Graz. Dieses befindet sich direkt am Europaplatz. Nußmüller sieht Städte und Gemeinden als Schnittstelle zwischen der EU und den Bürger:innen vor Ort: Damit kommt ihnen die wichtige Aufgabe zu, europäische Werte zu vermitteln. Es gehe dabei auch um Erfahrungsaustausch auf Verwaltungsebene zwischen den EU-Staaten. Momentan läuft das Projekt „Dynaxibilty4CE“, das sich um emissionsarme Mobilität und Luftqualität dreht.

Von Kebap bis zum Kinderspielplatz

Kommen Zugreisende am Grazer Hauptbahnhof an, landen sie meistens am Europaplatz, der vor zehn Jahren neu gestaltet wurde. Laut dem Buch Grazer Straßennamen war die stark von Europa geprägte Gesinnung der 1970er-Jahre ausschlaggebend für die Benennung. Des Weiteren heißt ein Kinderspielplatz an der Ecke Vinzenzgasse/Krausgasse Junges Europa – wohl auch ein Hinweis auf das europäische Ideal des friedvollen Zusammenlebens.

Auf der Suche nach Europa-Assoziationen im Annenviertel tauchen auch Namenspartner auf, die auf den ersten Blick eher unscheinbar wirken. Google Maps zeigt beispielsweise in der Alten Poststraße die Bäckerei Europa an, auf die aber von außen nichts mehr hinweist. Lediglich auf dem T-Shirt eines Mitarbeiters steht dies noch geschrieben. Eine Angestellte erklärt später, Bäckerei Europa sei lediglich der Filialname und auch so bei der Kundschaft bekannt.

Das Austria Trend Hotel Europa liegt gegenüber des Hauptbahnhofs und diene laut Rezeption vor allem Geschäftsreisenden als Unterkunft. Nur einen Katzensprung davon entfernt ist der Europa-Kebap in der Annenstraße zu finden. Elf EU-Sterne zieren das Schild des Lokals, den Zwölften verdeckt das O in Europa.

Foto eines Geschäfts mit der Aufschrift "Europa Pizza Kebap".
Am oberen Ende der Annenstraße gibt es Europa-Kebap. – Foto: Felix Neumann

Die Erkundungstour endet schließlich auch in der Annenstraße. Wieso der Inhaber Bakhtiar Khan sein Geschäft ausgerechnet EU-Handyshop genannt hat, kann er selbst nicht so genau sagen, der Name habe ihm einfach gut gefallen. Ich bin gerne Europäer, unterstreicht er aber. Er erzählt, wie viel er in Europa durchgemacht und gelernt habe. Besonders froh sei er über den Frieden in Österreich und, dass er hier ein normales und glückliches Leben führen könne. In seinem Shop begrüße er Kund:innen aus aller Welt, in letzter Zeit auch einige aus der Ukraine.

Europatag am 5. Mai
Heute wird einer der Europa-Feiertage zelebriert. Am 5. Mai 1949 wurde nämlich die Satzung des Europarates unterzeichnet. Der zweite Europatag ist der 9. Mai – hier gedenkt man der Schuman-Erklärung. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg, auch dieser Tag ist im deutschsprachigen Raum als Europa-Feiertag im Gespräch.

Titelbild: Am Europaplatz ist zusätzlich zum Straßenschild eine EU-Fahne angebracht. – Foto: Felix Neumann

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