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#stayathome – So wohnt es sich im Annenviertel

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Die Regierung appelliert, daheim zu bleiben. Doch wie schaut das „Daheim“ im Annenviertel eigentlich aus? Wie steht es um Mietpreise und Wohnungen? Die Annenpost hat sich noch vor Inkrafttreten der Corona-Maßnahmen umgehört und mit drei ViertelbewohnerInnen in unterschiedlichen Wohnsituationen gesprochen.

Von Hanna Gries und Michaela Gsell

Egal ob Eggenberg, Gries oder Lend ─ die ehemalige Vorstadt bzw. die Arbeiterbezirke von Graz verwandeln sich in attraktive Gegenden. Doch wie wohnt es sich hier wirklich? Eine Studentin, ein Jungvater und eine Alleinerziehende erzählen jeweils ihre ganz persönliche Wohngeschichte.

Wohnen im Annenviertel

Das Annenviertel beheimatet die größten und jüngsten Bezirke in Graz. Mit einem Durchschnittsalter von 37 Jahren in Gries und 38 Jahren in Lend sind die Bezirke im Vergleich zum Rest der Stadt relativ jung geblieben. Familien? Auch die gibt es im Annenviertel zuhauf. Allein Gries und Lend zusammen sind das Zuhause von rund 27.000 Haushalten mit fünf Personen oder mehr, in Eggenberg sind es rund 9000. Damit sind die Bezirke wiederum Grazer Spitzenreiter.

Laut einer Studie der Arbeiterkammer sind die Mietkosten in der Steiermark zwischen 2008 und 2018 stärker gestiegen als die Inflation. Je nach Kategorie stiegen die Preise um rund 26% für Genossenschaftswohnungen und um 43 % für Altbauwohnungen. Im Annenviertel müssen MieterInnen pro Quadratmeter mit durchschnittlich 8,50 bis 11 Euro rechnen, so der EHL-TriValue Marktbericht Graz 2020. Billiger wird es in den restlichen Grazer Bezirken nicht mehr, viel teurer aber auch nicht. Auf der anderen Seite der Mur können die durchschnittlichen Quadratmeterpreise noch auf bis zu 12 Euro steigen.

Billiger als Geidorf

Studentin Angelina ist vor zwei Jahren von Fürstenfeld nach Graz gezogen und wohnt seit einigen Monaten in der Nähe des Griesplatzes. Die Wohnung habe sie online gefunden, dabei war der Bezirk bei der Suche egal. „Wichtig war das Preis-Leistungs-Verhältnis. Das war bei dieser Wohnung am besten”, erzählt sie. Zusammen mit ihrer Mitbewohnerin zahlt sie für die 65 Quadratmeter rund 570 Euro im Monat exklusive Strom und Heizung. Und damit kommt sie billiger als mit ihrer ersten Wohnung im Bezirk Geidorf. Die Vorurteile über den unruhigen Griesplatz teilt Angelina dabei nicht: „Die Leute schauen mich immer mit großen Augen an, wenn ich sage, ich wohne am Griesplatz. Aber ich habe dort noch nie Angst gehabt.“ Auch für den guten Öffi-Anschluss findet sie lobende Worte – und für die „Jugend“ des Bezirks: „In meiner Nachbarschaft wohnen viele junge Leute und Studenten.“

„Multikulturell und lebhaft“

Alex hält seine einjährige Tochter auf dem Arm, im Hintergrund läuft  „She Came In Through The Bathroom Window” von den Beatles auf dem Plattenspieler. Durch eine große, zweiflügelige Tür bittet uns der 37-Jährige in seine Altbauwohnung, die er als „ein bisschen renovierungsbedürftig, aber sehr charmant” bezeichnet. „Als ich vor zwei Jahren mit meiner Freundin von Wien nach Graz gezogen bin, haben wir uns einige Wohnungen in Jakomini, Herz-Jesu und anderen Bezirken angesehen”, erzählt der freiberufliche Künstler. Ihre heutige Wohnung, in der Nähe des Oeverseeparks, sei etwas zusammengewürfelt. „Aber die alten Türen und Fenster, der Balkon und der Preis haben uns überzeugt”, sagt Alex. Die Kleinfamilie lebt zu dritt auf 68 Quadratmetern und zahlt 680 Euro Miete pro Monat, exklusive Strom und Heizung. “Wir fühlen uns sehr wohl im Bezirk Gries. Ich bin schnell in der Stadt, es ist alles sehr multikulturell und lebhaft,” erzählt der Familienvater. „Mein einziger Kritikpunkt ist die schlechte Luftqualität und es könnte mehr Grünflächen geben!”

Alex und seine Familie sind zufrieden mit ihrer Wohnung (Foto: Hanna Gries)

Endlich eine Wohnung

Eine Wohngeschichte der etwas anderen Art hat Malkan zu erzählen. Mit ihrem Sohn Mochmad (14) und ihrer Tochter (17) ist sie vor neun Jahren aus Tschetschenien nach Graz gekommen. Die Familie erhielt erst vor kurzem einen Aufenthaltstitel, davor lebte sie auf 30 Quadratmetern in einer Unterkunft für Asylsuchende in der Griesgasse. Oktober letzten Jahres übersiedelten die drei in eine Wohnung an der Grenze zu Eggenberg. Die Caritas unterstützte die Familie bei der Suche. Eine Maklerprovision konnte sich Malkan nicht leisten.

Malkan lebt mit ihrem Sohn Mochmad und ihrer Tochter seit fast zehn Jahren im Annenviertel. (Foto: Michaela Gsell)

„In der Griesgasse war es immer sehr laut“, erzählt Mochmad. Die Wohnung lag in der Nähe einer Diskothek. Dagegen sei das Leben in Eggenberg um einiges ruhiger. Für die 65 Quadratmeter große Wohnung zahlt die Familie monatlich rund 650 Euro exklusive Strom und Heizung. Für die Alleinerziehende ist das Auskommen trotzdem schwierig. Aufgrund ihres Aufenthaltsstatus darf sie nicht arbeiten. Die Familie erhält monatlich rund 1200 Euro vom Sozialamt. Malkan spart derzeit Geld für eine kleine Küche ─ derzeit muss sie ihre Familie lediglich mit einer Kochplatte versorgen.

Trotz alledem fühlt sich die Familie wohl in ihrer Wohnung.  Auch wenn die Verkehrsanbindung – vor allem über die Linie 58 – wesentlich schlechter sei, trumpft Eggenberg mit seinen vielen Grünflächen auf.

Im Annenviertel ist es durchaus möglich, eine preiswerte Wohnung zu finden. Man darf aber nie vergessen, dass „leistbarer” Wohnraum nicht für jede und jeden dasselbe ist. Gerade Menschen in schwierigen Lebenslagen – wie Malkan und ihre Familie – stehen dabei oft vor Herausforderungen.

 

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