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„Ich bin kein Junkie, ich bin kein Müll“

in SOZIALES von

Seitdem er 18 Jahre alt ist, ist Stefan* drogensüchtig. In einem Gespräch im Caritas-Kontaktladen erzählt der mittlerweile 38-Jährige über Drogenersatzprogramme, wie er zu Cannabis steht und warum er das Wort Junkie nicht ausstehen kann.

Stefan kämpft seit mittlerweile 20 Jahren gegen seine Heroinsucht. Nach mehreren Entzugstherapien und Substitutionsprogrammen war er auch vier Jahre lang clean. Vor acht Monaten zog er von Berlin nach Graz – der Liebe wegen. Mittlerweile ist er Single und wieder im Suchtprogramm. Trotz Rückschlägen gibt er aber nicht auf, setzt sich neue Ziele und arbeitet seit Kurzem wieder.

Annenpost: Cannabis war die erste Droge, die du probiert hast. Was hältst du von Cannabis?

Stefan: Ich sehe das Kiffen als Einstiegsdroge beziehungsweise nicht das Kiffen selber, sondern dass man dadurch jemanden kennenlernt, von dem man öfter kauft. Der hat meistens auch etwas anderes dabei und bietet dir das an. Durch den Kontakt mit Gras oder Haschisch kommt man so auch in Kontakt mit anderen Drogen. Deswegen sehe ich es als eine Art Einstiegsdroge. Ich bin daher auch für eine Legalisierung, weil man dadurch nicht mehr gezwungen ist, sich seinen Stoff aus der Szene zu holen.

Wie ist es bei dir verlaufen?

Genau so. Ich habe mit 14, 15 Jahren zum Kiffen angefangen, dadurch hab ich auch Leute aus der Szene kennengelernt. Später habe ich angefangen selber zu verkaufen. Mit 17 kam ich zu den ersten Feiern mit Ecstasy und Speed. Heroin kam so 1999. Ich war dann lange Zeit nur auf Heroin.

Was hätte für dich anders verlaufen müssen, um nicht in die Drogensucht abzurutschen?

Ich kann nicht sagen, „Hätte meine Mama mich 24 Stunden im Arm gehalten, dann wäre ich nicht süchtig geworden“, das weiß ich nicht. Darüber denke ich aber auch nicht nach, weil es eh kein Zurück mehr gibt. Ich kann jetzt nur das Beste daraus machen, aber ich brauche nicht über die Vergangenheit nachdenken.

Wann hast du realisiert, dass du abhängig bist?

Die ersten Entzüge habe ich nicht so gemerkt, weil ich sie noch als Grippe wahrgenommen habe und gedacht habe, dass ich krank bin vom Feiern am Wochenende. Dann wird es irgendwann intensiver und es macht klick. Da realisiert man, dass es doch vom Heroin kommt.

Und dann?

Ich habe meine Ausbildung zum Fachinformatiker „da drauf“ fertig gemacht, später als Barkeeper gearbeitet und immer geschaut, dass ich irgendwie arbeite. Auch unter Suchtmitteln.

Ist das niemanden aufgefallen?

Solange es dir gut geht, fällt es auch keinem auf. Klar, wenn du zu viel nimmst und auf einmal dicht bist. Aber wenn du dein Level haltest, merkt es keiner.

Auf Dauer kann das aber nicht gut gehen, oder?

Nein. Ich musste mich irgendwann viel krankschreiben lassen und wurde aufgrund der vielen Fehlzeiten dann gekündigt. Da kam auch der Punkt, wo es nicht mehr so leicht war, sich jeden Tag sein Zeug zu besorgen. Ich hab mir dann gedacht, wenn ich arbeiten will, muss ich in die Substitution, damit ich wenigstens täglich abgesichert bin.

Wie kann man sich den Umstieg auf Substitutionsmittel vorstellen?

Es ist halt etwas anderes. Am Anfang ist es schon noch irgendwie so, dass du einen „Flash“ hast und ein bisschen dicht davon wirst, aber irgendwann fühlst du dich nur mehr normal. Ich nehme jetzt meine Menge am Tag und merke da keinen Unterschied. Aber klar, wenn ich es nicht nehmen würde, würde ich es schon merken.

2017 hast du ins Diamorphinprogramm (= Heroin) gewechselt. Warum?

Bei Methadon hatte ich immer Beikonsum – nicht täglich, manchmal vielleicht auch zwei, drei Wochen oder einen längeren Zeitraum nicht. Es hat aber nie richtig lange funktioniert, bis ich ins Diamorphin-Programm gewechselt hab. Da hatte ich keinen Beikonsum mehr, weil ich alles vom Arzt bekommen habe, was ich wollte. Oder halt was ich brauchte.

Wie verläuft hier die Einnahme?

Es gibt drei Ausgabezeiten in der Klinik, die kann man sich einteilen. Ich habe mir manchmal meine zwei Dosen in der Früh geholt und bin dann für die dritte abends wieder hin. Hinter einer Fensterscheibe gibt dir eine Krankenschwester deine Medikamente, du gehst auf einen Platz und machst das. Falls du schlechte Venen hast, hilft dir ein Arzt eine zu finden. Abdrücken musst du aber immer noch selber.

Wie kann man deiner Meinung nach verhindern, dass Menschen drogenabhängig werden?

Drogenprävention in der Schule ist schon wichtig und sinnvoll. Bei uns kam ein Polizist und hat uns die Drogen inklusive der Strafen erklärt. Von einem Polizist will ich das nicht hören, das will ich von einer Therapieeinrichtung oder Streetworkern hören, die einen Süchtigen mithaben, der aus seinem Leben erzählt.

Hätte dir eine bessere oder andere Aufklärung geholfen?

Mir hätte damals jeder erzählen können was er wollte, ich hätte es trotzdem gemacht. Entscheiden tut es derjenige immer selber für sich. Eine andere Aufklärung finde ich aber trotzdem besser als mit dem Zeigefinger zu kommen.

Seit acht Monaten wohnst du jetzt in Graz. Wie findest du die Substitutionstherapie in Österreich im Vergleich zu Deutschland?

Den Umstieg auf Substitol habe ich in Deutschland schon gemacht. Ich habe eine hohe Genussdosis gekriegt, also habe ich von der Umstellung nicht viel gemerkt, muss ich ehrlich sagen. Ich finde den Weg hier in Österreich ein bisschen aufwendig – Monatsrezept beim Arzt holen, danach zum Magistrat abstempeln lassen, wieder abholen, dann zur Apotheke bringen. Das gibt es so in Deutschland nicht.

Gibt es etwas, dass dich am gesellschaftlichen Umgang mit Drogensüchtigen stört?

Ich mag das Wort Junkie überhaupt nicht, ich hasse es wie die Pest. Junk heißt einfach Abfall. Ich akzeptiere, dass ich ein Suchtproblem habe und das mein Leben lang, aber nicht, dass ich ein Junkie bin. Ich bin kein Müll.

Wie zufrieden bist du gerade mit deinem Leben?

So halb, halb. Das liegt aber an Partnersachen. Nächstes Jahr werde ich definitiv entgiften, dann schauen wir einmal weiter.

Welche Träume oder Ziele hast du sonst noch?

Ich möchte nach Spanien runter und den Jakobsweg gehen.

Alleine?

Im Grunde alleine, wenn jemand mitgehen mag, kann er mitgehen. Ich werde aber auf niemanden warten.

 

*Name von der Redaktion geändert

Beim Beitragsbild handelt es sich um ein Symbolfoto.

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