Das Walz- und Stahlwerk Marienhütte mitten im Annenviertel wirbt mit einem einzigartig niedrigen CO2-Fußabdruck. Was steckt dahinter?
Autor:innen: Victoria Ellmauer, Katharina Gubo
Markus Ritter, der Geschäftsführer der Marienhütte, hat eine gute Vorstellung davon, welche Bilder im Kopf entstehen, wenn das Wort „Industrie” fällt: Rauchende Schlote, die tonnenweise CO2 in die Luft blasen, graue Betonklötze und zerstörte Natur. Da dieses Klischee noch immer besteht, würden viele Unternehmen sich eher aus der Öffentlichkeit halten. Dabei sei die Industrie ein wichtiger Faktor für den Wohlstand in der Region. „Die meisten Leute sind der Meinung, wir leben von Tourismus und vielleicht ein bisschen Kunst – aber die Basis ist die Industrie“, ist Ritter überzeugt, während er mit seinem Bürostuhl näher an den Schreibtisch rückt, auf dem Teile von Betonstahl und andere Anschauungsmaterialien platziert sind.
Gerade die Schwerindustrie steht im Moment vor allem angesichts der Klimakrise vor gewaltigen Herausforderungen. Die Voestalpine etwa, Österreichs Parade-Stahlkonzern, ist bereits dabei, durch die Verwendung von Strom statt Kohle in der Produktion CO2-Emissionen einzusparen. Derzeit verursacht allein die Voest 12 Prozent aller österreichischen Emissionen. In Graz zeigt Markus Ritter mit der Marienhütte, wie nachhaltige Stahlproduktion möglich ist.

Betonstahl mitten aus Graz
Das Walz- und Stahlwerk Marienhütte befindet sich versteckt hinter dem Steinfeldfriedhof an der Südbahnstraße. Von außen wirkt es erst recht unspektakulär, doch der Eindruck ändert sich, sobald man das Betriebsgelände betritt. Mitten in Graz schmilzt die Marienhütte schmilzt tonnenweise Eisenschrott ein und verarbeitet ihn zu Betonstahl. 10.000 Schrottwaggons laufen hier jährlich ein. Betonstahl ist essentiell für das Baugewerbe: Ohne den Einsatz von Stahl würde Beton bereits bei geringer Belastung brechen. Mit der in der Produktion anfallenden Wärme trägt die Marienhütte außerdem zur Wärmeversorgung von 50.000 Grazer Haushalten bei.
Schmelzen, Gießen, Walzen: Die Produktionsschritte
Die Herstellung von Betonstahl ist hoch komplex, die Produktionsschritte lassen sich dennoch vereinfacht aufschlüsseln: Zunächst wird Eisenschrott in Lichtbogenöfen mit sehr viel Energie eingeschmolzen. Das Besondere: die Marienhütte verwendet dabei ausschließlich elektrische Energie – und die wiederum aus erneuerbaren Quellen. Nach 40 Minuten kommt dieser Flüssigstahl in einen Pfannenofen, wird bei Bedarf nach legiert und zum Abkühlen in Kupferrohre gegossen. Schließlich entstehen sogenannte „Knüppel”, die danach durch ein Walzwerk fahren. So erhält man längere und dünnere Stahlknüppel, die weiterverarbeitet oder weiterverkauft werden können.

Nachhaltigkeitsaspekt
Trotz des hohen Energieverbrauchs beim Schmelzprozess wirbt die Marienhütte mit einem außergewöhnlich niedrigem CO2–Fußabdruck. „Es gibt meines Wissens kein Werk, das so wenig CO2 pro Tonne abgibt wie wir“, sagt Ritter. Die nachhaltige Produktion der Marienhütte wurde durch unabhängige externe Auditoren im Rahmen der Umweltproduktdeklaration EPD geprüft. Dahinter steht ein genormtes Verfahren, welches die Gesamtökobilanz evaluiert und europaweit Anwendung findet. Ergebnis der letzten Prüfung: mit nur 293 Kilo CO2 pro produzierter Tonne Stahl hält die Marienhütte nun den Weltrekord. Manche Mitbewerber:innen formulierten hingegen Green Claims, über die man „nur schmunzeln“ könne, erzählt Ritter. Für Kund:innen spielen diese Zertifizierungen inzwischen eine enorme Rolle. Könne man keine Zertifizierungen vorweisen, leide der Absatz.
Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit sind für Ritter wichtige Prinzipien in der Produktion. Das Wasser für die Kühlung des Flüssigstahls befindet sich in einem permanenten Kreislauf im Werk. Der Eisenschrott wird zum Großteil aus Ostösterreich sowie aus Ungarn, der Slowakei und Tschechien bezogen. Die Anlieferung erfolgt zu 97 Prozent per Bahn, wobei der Standort direkt an den Schienen dem Stahlwerk besonders in die Karten spielt.
Industrie trifft auf Wohnen
Und wie fügt sich das Stahlwerk in die Nachbarschaft ein? . Tatsächlich seien, so Ritter, zumindest Lärmemissionen kein Problem. „Natürlich arbeiten wir nicht vollkommen geräuschlos, aber wir waren immer schon da. Wer in die Nachbarschaft von Industrie zieht, muss damit rechnen, dass man nicht nur Vogelgezwitscher hört.“ Und um Luftbelastung zu vermeiden, gibt es eine Entstaubungsanlage, in die das Unternehmen acht Millionen Euro investiert hat.
Zukunft & Innovation
Der Zug der Zeit gehe jedenfalls Richtung Nachhaltigkeit, sagt Ritter. Dennoch stehe immer noch der Preis an erster Stelle. „Jeder will das grüne Produkt, jeder will das Fairtrade- oder das Bioprodukt. Aber wenn es auch nur einen Euro mehr kostet, will es keiner mehr”, erklärt Markus Ritter kopfschüttelnd. Die Marienhütte verfolge weiterhin erfolgreich das Ziel der Nachhaltigkeit und bemühe sich um ständige Innovation.
Ein Zukunftsprojekt ist bereits in vollem Gange: Die Arbeiten für einen Neubau laufen. Das alte Bürogebäude muss der Unterführung Josef-Huber-Gasse weichen, im Neubau sind neben neuen Büros auch eine Kantine, Garagen sowie ein geräumiger Besprechungs- und Veranstaltungssaal im obersten Geschoss geplant. Schon gegen Ende dieses Jahren soll der Bau fertiggestellt sein.
Titelbild: Geschäftsführer Markus Ritter in seinem Büro – Foto: Victoria Ellmauer
