Wand im Mädchenraum EggenLend
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Mädchenarbeit im EggenLend

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Für eigene “Mädchentage” im Jugendzentrum brauchen die Verantwortlichen einen langen Atem. Die Gründe dafür sind mannigfaltig.

Vor vier Jahren bemerkte die Leiterin des Jugendzentrums EggenLend, Christina Moschitz, dass die Anzahl an Mädchen, die im Viertel unterwegs sind, schrumpft. „Während Corona ist mir aufgefallen, dass vor allem die Mädchen von der Straße verschwunden sind. Die Erklärung kann darin liegen, dass die Mädchen in der Lockdown-Zeit vorrangig für die ‚Care-Arbeit‘ zu Hause zuständig waren. Außerdem waren es die Mädchen, auf die die Eltern einfach bedachter waren, dass ihnen ‚nichts passiert‘. Dies wurde damals auch des Öfteren in den Medien thematisiert.” Das Merkwürdige daran ist bis heute: Auch nach der Aufhebung des Lockdowns hat sich dies nicht geändert.

Die Komplexität der Mädchenarbeit

Infolgedessen führte das EggenLend die mit einem andern Player des Sozialraum 4 entwickeltnen Mädchengruppen kontinuierlich zur „Mädchenarbeit” weiter. 2022 entstanden die „Mädchentage“, die seither jeden Donnerstag stattfinden. An diesen Tagen ist das Jugendzentrum nur für Mädchen geöffnet. Um gemeinsam mit  den Mädchen zu kochen, Filmnachmittage zu haben, um bestimmte Themen in den Fokus zu rücken und zu diskutieren, für kreative Angebote und offene Gespräche, über Dinge, die die Mädchen gerade beschäftigen oder auch Ausflüge zu unternehmen.  Doch wird dieses Angebot nicht immer genutzt.

Die Gründe dafür sind nicht ganz einfach zu ermitteln, wie die beiden Betreuerinnen, Christina M. und Nina N., erklären. Manche Mädchen, die das Jugendzentrum besuchen, wollen nicht, dass bekannt wird, dass sie hierher kommen. Andere sind gegen einen gesonderten Tag. Aber das sind nicht die einzigen Faktoren in diesem Problem, wie die Sozialpädagogin Nina erläutert. „Die Thematik ist sehr komplex, und lässt sich nicht so leicht erklären bzw. viele Faktoren spielen dabei zusammen.“ 

Das EggenLend versucht, Mädchen, den Raum zu bieten, der ihnen gesellschaftlich selbstverständlich zusteht. Einen Ort, an dem sie sich sicher und geborgen fühlen können. „Ein eigener Raum, in dem sie ein offenes Ohr finden und einfach entspannt eine gute Zeit unter sich verbringen können,” sagt Christina Moschitz. So ein Raum existiert derzeit schon, aber da das Jugendzentrum noch in einem Container untergebracht ist, nur in einer provisorischen Form. Wenn das EggenLend dann endlich 2025 in den Neubau umziehen kann, soll die Idee perfektioniert werden. Dann wird es auch einen eigenen Eingang für Mädchen geben und die Mädchen müssen nicht mehr durch den Gemeinschaftsraum gehen. Warum das ein Problem ist, erklärt Moschitz so: „Manche Mädchen klettern lieber aus dem Fenster des Mädchenraums, als zu riskieren, von männlichen Familienmitgliedern hier gesehen zu werden.“ 

Schild an der Tür zum Mädchenraum
Schild an der Tür zum Mädchenraum – Foto: Klemens König

Das Jugendzentrum in der Stadtwüste

Grundsätzlich ist die Baustellenfläche rund um das Juz sehr männlich dominiert. Junge Burschen und Männer haben den Platz rund herum, auch außerhalb der Öffnungszeiten, zu ihrem „Territorium“ auserkoren. Mädchen, aber v.a. junge Frauen trauen sich oft nicht zum Jugendzentrum. „Der kennt meinen Bruder und soll mich deshalb nicht im Jugendzentrum sehen“, ist eine typische Aussage von Mädchen, die das EggenLend besuchen.

Das Jugendzentrum EggenLend befindet sich in einem zubetonierten, sozioökonomisch schwachen Grazer Stadtbezirk auf einer Baustellenfläche und besteht aus Containern. Der Alltag vieler Jugendlichen ist geprägt von Gewalt, Kriminalität und Identitätskrisen aus unterschiedlichen Gründen. Außerdem sind  Personen mit Migrationshintergrund immer noch benachteiligt, auf individueller, struktureller und institutioneller Ebene.

Was Mädchen auch abschreckt: Dass manchmal Jungs am Mädchentag die Tür verstellen. Sie fragen die Betreuerinnen dann ganz unschuldig, ob sie ein Glas Wasser haben oder ihr Handy laden dürfen. Andere haben sich wegen des Konzepts an sich beschwert:  „Wie respektlos, dass es einen Mädchentag gibt, aber keinen Jungstag!“ Jeden Donnerstag gäbe es diese Diskussionen, sagt Nina. „Sie versuchen es immer wieder Und es ist wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, es ihnen zu erklären und versuchen, sie mit ‚ins Boot zu holen’“. Aus diesem Grund ist ab März 2024 ein eigener „Burschentag“ oder „Jungstag“ geplant. An diesem Tag werden vermehrt Themen bearbeitet, die für die jungen männlichen Besucher wichtig sind. 

Am Tag unseres Besuchs, waren gar keine Mädchen zum geplanten Kochen gekommen. Es sei ganz unterschiedlich, versichert Moschitz. Aber leider sei der Raum für Mädchen noch nicht ausreichend geschützt. Der Containerkomplex steht mitten auf einer Baustellen hinter einem Billa, der in einer, wie gesagt, männlich dominierten Gegend liegt.

Ist der Umzug die Lösung?

Mit dem Umzug des EggenLends in den Neubau soll ein echter Raum für Mädchen geschaffen werden, an dem sie sich sicher fühlen können. Das Team ist überzeugt, dass sich danach viel verändern wird. „Mädchenarbeit ist Empowerment und Empowerment ist Befähigung”, sagt Christina M. Sie ist überzeugt, dass für Mädchen der Zugang zu einem Jugendzentrum und damit zu Freizeit und Selbstbestimmung grundsätzlich etwas schwieriger als für Jungs sei. Dem versuchen sie mit dem Mädchentag entgegenztusteuern.

Team des Eggenlends
Das Team des EggenLend – Foto: Klemens König

 

Titelbild: Mädchenraum im EggenLend – Foto: Elif-Malena Kemaoglu

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