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Siebenundfünfzig Jahre in der Triestersiedlung : Einblicke in ein Leben

in VIERTEL(ER)LEBEN von

Der Journalist und Künstler Martin Behr unternimmt seit 2003 fotografische Streifzüge durch die Triestersiedlung, in der er aufgewachsen ist. Zusammen mit Martin Osterrieder brachte er die sechzehnbändige Buchreihe “Triester” heraus, die Fotos von Spaziergängen auf den Wegen seiner Jugend zeigt.  Sein neues Buch „Triesterstraße 84/VII“ verschiebt den Fokus von der Siedlung als Ganzes auf eine Wohnung – die seiner Mutter.

Würde man beliebige Grazer:innen fragen, was ihre ersten Assoziationen zur Triestersiedlung sind, wären die Antworten vermutlich relativ ähnlich. Die Siedlung, in der man die ältesten Gemeindewohnungen in Graz findet, wird häufig mit Armut und einem hohen Anteil an Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Verbindung gebracht. Elisabeth Hufnagl vom Stadtteilzentrum Triester, das seit 2010 Angebote für die Bevölkerung der Siedlung liefert,  bestätigt, dass tatsächlich ein hoher Anteil von Menschen unter der Armutsgrenze lebt. Der Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund ist im Laufe der Zeit stark angestiegen und liegt mittlerweile bei 25%. Gentrifizierung sei nicht zu spüren, die Auswirkungen der Inflation dagegen schon. „Konflikte sind dagegen selten“, so Hufnagl. „Allgemein herrscht ein sehr gutes Miteinander in der Siedlung“. Das das bereits in den 70ern so war, zeigen die Episoden, die Behr bei der Buchpräsentation Ende Jänner im Stadtteilzentrum Triester aus seiner Kindheit erzählt. Seine Mutter war damals Abonnentin der sozialistischen Frauenzeitschrift „Die Frau“, die ihr einmal im Monat in die Wohnung gebracht wurde, was Anlass für langes und intensives Tratschen bot. Auch die gemeinsamen Fernsehabende mit den Leuten aus der Nachbarschaft sind ihm noch in Erinnerung.   

Der Blick ins Private

Dadurch, dass das Projekt „Triesterstraße 84/VII“ Einblicke in die Wohnung einer Bewohnerin bietet, gibt es uns die Möglichkeit, uns von den Zuschreibungen, die bezüglich der Triestersiedlung existieren, zu befreien und die Siedlung aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Nach dem Tod ihres Mannes Otmar im Jahr 1982, lebte Erna Behr (1923-2018)  weitere 36 Jahre in der 55 Quadratmeter großen Wohnung, die Martin Behr als „Mamawohnung“ in schöner Erinnerung geblieben ist. Ab 1999 begann er, die regelmäßigen Besuche fotografisch zu dokumentieren. Von dort weg war er zwei- bis dreimal die Woche dort, immer auf der Suche nach neuen Motiven.

Zufälligkeit als Konzept

Die Fotos sind nicht bewusst inszeniert. Es handelt sich um zufällig aufgenommene kleine Stillleben von Alltagsgegenständen, den Schattenstrukturen, die die Gardinen produzieren, Brieflose, Blumen, Kalendereinträge, Stofftiere und vieles mehr. Die Mutter ist dabei selbst nicht zu sehen, dennoch liefern die Bilder viele Eindrücke aus dem Alltag dieser Frau. „Mit der Zeit bekam das Fotografieren etwas ritualartiges. Man geht in die Wohnung der Mutter und man ist bereits neugierig, wie dieses oder jenes aussieht, welche Motive sich einem bieten“, so Behr. Ein gewisser „Suchtfaktor“ hat dabei auch eine Rolle gespielt. „Wenn man in die Wohnung geht, muss man gleich ein Foto machen.“

Die Fotos zeigen Stillleben von Alltagsgegenständen, Hier Blumen vor einer Tapete Foto: Martin Behr

Erna Behr selbst stand dem Fotografieren anfangs sehr skeptisch gegenüber, begann dann aber vor sieben Jahren selbst damit, Motive vorzuschlagen. Die so entstandenen digitalen Farbbilder stellt Behr in seinem Buch älteren, in den 1980ern aufgenommenen, analogen Schwarz-Weiß-Fotos gegenüber, die ebenfalls zufällig entstanden sind. Sie wurden damals nur zu dem Zweck aufgenommen, einen fast vollständig belichteten Film auszuknipsen. 

Festhalten der Erinnerung

Erna Behr lebte insgesamt 57 Jahre lang in der Wohnung in der Triestersiedlung. „In den 36 Jahren, in denen sie alleine war, hat sie dort ihr eigenes subjektives Paradies aufgebaut“, sagt Behr. „Aus der Familienwohnung wurde die Mamawohnung.“ Das Projekt ist als Hommage an sie und ihren Lebensstil zu sehen. Behr war es sehr wichtig, dieses positive Lebensgefühl aufzunehmen und für die Nachwelt festzuhalten. Es dokumentiert auch das langsame Abschiednehmen von den Räumen und dem Menschen, der darin gewohnt hat. „Meine Mutter war nicht im Internet, sie hat keine Spuren hinterlassen und mit diesem Buch kämpfe ich gegen ihr Verschwinden an.“

Diese Eindrücke werden durch die Textseiten in dem Buch, das durch seine Haptik an traditionelle Fotoalben erinnern soll, noch verstärkt. Die Lieblingsbegriffe von Erna Behr kommen dabei genauso vor wie Kindheitserinnerungen ihres Sohnes. Sogar die Lottozahlen, mit denen sie regelmäßig ihr Glück versucht hat, werden genannt. Es entsteht ein berührendes Portrait, bei dem die Mutter, obwohl sie auf den Fotos nicht zu sehen ist, aus jedem Bild spricht.

 

Titelbild: Behr (Mitte) präsentiert sein Buch im Stadtteilzentrum Triester mit Herausgeber Andreas Peternell (links) und  Elisabeth Hufnagl (rechts) – Foto: Daniel Ghanimi

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