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Begegnungen am „Arbeiterstrich“

in SOZIALES von

Der Arbeitsmarkt für RumänInnen in Österreich ist seit 01. Jänner 2014 geöffnet. Trotzdem findet man am sogenannten Arbeiterstrich in der Grazer Friedhofsgasse/Ecke Eggenberger Gürtel immer noch Männer, die für wenig Geld viel Arbeit leisten. Und das ganz ohne rechtliche und soziale Sicherung.

Donnerstag, 7 Uhr morgens, die Temperatur ist durch den nächtlichen Regen stark gesunken und die Luft verursacht eine Gänsehaut. Als ich in der Friedhofgasse ankomme, sehen mich sechs Augenpaare neugierig an. Jeder der Männer, die sich schnell um mich versammeln, hofft darauf, Arbeit von mir zu bekommen. Für einige Tage oder auch nur ein paar Stunden. Alle wollen nur eines wissen: „Arbeit? Hast du Arbeit?“

Arbeit? Hast du Arbeit?

Aber ich habe keine Arbeit für sie. Der sogenannte Arbeiterstrich in Graz befindet sich nur wenige Meter von der AMS Geschäftsstelle Graz West und Umgebung entfernt. Dort finden Menschen, die Arbeit suchen, an sich Unterstützung. Aber die Männer, die hierher kommen und sich nahe der verkehrsumtosten Gürtelstraße stundenlang die Beine in den Bauch stehen, werden anscheinend nicht bemerkt.

Nach anfänglichen Verständigungsschwierigkeiten schaffe ich es endlich, den Männern zu erklären, dass ich Journalistin bin – und sofort sind alle außer zwei auch schon wieder verschwunden. Und auch diese bleiben skeptisch. Erst als ich ihnen eine Zigarette anbiete und erkläre, dass ich nicht von der Finanzpolizei bin, sondern mich einfach für ihre Geschichte interessiere, ist das Eis gebrochen. Dumitru erklärt sich dazu bereit, ein paar Worte mit mir zu wechseln. Toni, sein Kollege, und der Google Übersetzter helfen uns dabei, die ziemlich große Sprachbarriere zu meistern. Dumitru ist 55 Jahre alt und kommt aus Rumänien, genauer gesagt aus Timisoara. Auch die anderen Arbeitssuchenden, so die Information der beiden Auskunftswilligen, sind Rumänen. Alle sind aus dem selben Grund in Graz: Schwarzarbeit. Sie wollen Geld verdienen, um ihre Familien in der Heimat zu unterstützen. Im Falle von Dumitru ist das Geld, das er verdient, das einzige, von dem seine Familie überlebt. Rund 200 bis 300 Euro im Monat schaffe er, sagt er, es komme ganz darauf an, wie viel Arbeit er findet. Oder besser gesagt, wie viel Arbeit ihn findet. Jene, die sie hier an dieser Straßenecke zur Arbeit abholen, halten sich nicht an das österreichische Gesetz und beschäftigen die Rumänen schwarz.

Geduldig wird auf den nächsten Arbeitgeber gewartet – Foto: Nikolaus Zoltan

Nach einem Monat in Graz geht es für Dumitri normalerweise wieder für zwei Monate nach Rumänien zurück. Er muss an Geld kommen, um für seine Frau und zwei Kinder zu sorgen. Außer ihm hat niemand in seiner Familie Arbeit. Die Wahl nach Graz zu kommen, um hier zu arbeiten, habe er getroffen, weil in Rumänien die Wirtschaft mafiös durchsetzt sei. Und man verdiene nichts, sagt er und reibt sich die Hände vor Kälte. Knapp 500 Euro betrage derzeit der monatliche Durchschnittslohn in Rumänien. Als ich ihn frage, wieso er nicht versucht, auf legalem Weg Arbeit zu finden, weicht er aus. Auch der Google-Übersetzer stößt an seine Grenzen. Bevor ich an diesem Tag den Arbeiterstrich wieder verlasse, wird mir noch ein Flakon Parfüm zum Kauf angeboten. „Riecht sehr gut“, erklärt mir einer der Männer stolz. Nachdem ich dankend abgelehnt habe, verabschiedet sich Dumitri noch freundlich von mir und ich wünsche ihm noch viel Erfolg bei der Arbeitssuche.

Marian treffe ich ein paar Wochen später bei einem weiteren Besuch in der Friedhofsgasse, auch er kommt aus Rumänien. Er ist 50 Jahre alt und wohnt, wenn er in Graz ist, die meiste Zeit bei der Caritas und verdient in guten Monaten bis zu 800 Euro durch verschiedenste Arbeiten. In Rumänien hat er davor 25 Jahre lang für ca. 400 Euro im Monat gearbeitet. Vor Weihnachten 2017 war er das letzte Mal in seiner Heimat und hat dort als Bäcker gearbeitet. Davor waren es sieben Monate, in denen er nicht ein einziges Mal nach Hause zu seiner Familie kam. Er erzählt, dass die letzte Woche nicht sehr erfolgreich war. Er hat nur zwei Stunden gearbeitet. Trotzdem kommt es auch für ihn nicht in Frage, es auf legalem Weg zu probieren.

Phänomen Schattenwirtschaft

Den Arbeiterstrich in der Friedhofgasse gibt es bereits seit vielen Jahren. Er hat sich auch nicht aufgelöst, nachdem die Übergangsregelungen der EU, die für Arbeitssuchende aus Bulgarien und Rumänien galten, mit Anfang 2014 ausliefen. Warum ist das so? Die Finanzpolizei, die für das Finanzministerium Unternehmen kontrollieren soll, um Steuer- oder Sozialbetrug aufzudecken, will dazu nichts sagen: „Aufgrund schlechter Erfahrungen im Vorjahr bitte ich um Verständnis, Ihre Anfrage nach Absprache mit dem Regionalen Leiter, ablehnen zu müssen”, teilt mir Amtsdirektor Klaus Postl von der Grazer Finanzpolizei auf meine entsprechende Anfrage mit.

Das Phänomen der Schattenwirtschaft in Graz lässt sich nur schwer in Zahlen fassen. Insgesamt geht der Anteil der Schwarzarbeit, gemessen am BIP, europaweit aber zurück, wie eine Analyse des Instituts für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) aus dem Vorjahr zeigt. Gerade eben hat Professor Friedrich Schneider von der Johannes-Kepler Universität Linz eine Analyse der Schwarzarbeit veröffentlicht. Größter Verlierer beim Pfusch sei der Staat, dem hauptsächlich Sozialversicherungsbeiträge, aber auch Steuern entgehen würden – beides zusammen rund 2 bis 3,5 Mrd. Euro pro Jahr. Ein weiterer Verlierer seien die Krankenversicherungen, die die erhöhten Kosten der zusätzlichen Unfälle bzw. der Arbeitsunfähigkeit von Pfuschern tragen müssten, schreiben die Salzburger Nachrichten. In Österreich ist demnach dieser Anteil mit nicht einmal 7% besonders niedrig, der EU-Durchschnitt liegt bei 17%. Ein Research Report über Schwarzarbeit und Schattenwirtschaft in Deutschland und Europa aus dem Vorjahr zeigt, dass 18,7% der Schwarzarbeit in Deutschland beim Hausbau erfolgt 15,8% bei Hausarbeiten und 13,7% in der Branche der KFZ-Reperaturen.

AMS Graz West und der Arbeiterstrich: drei Gehminuten von einander entfernt – Quelle: google.at/maps

Gerhard Lösch vom AMS Graz-West ist ein Abteilungsleiter im Bereich der Leistungsberechnung der Arbeitslosenversicherung. Er glaubt, dass sich viele schwarz arbeitende AusländerInnen nicht beim AMS melden, weil sie nicht auffallen wollen. Für sie sei es am wichtigsten, so seine Vermutung, dass sie genügend Geld verdienen, ohne Abgaben zu zahlen. Da würden einige auch gerne auf Sozialleistungen und andere Leistungsansprüche verzichten. Spätestens wenn bei der Arbeit mal was passiert, wird es ohne Sozialversicherung aber eng, das weiß er aus Erfahrung. Seine Kollegin Yvonne Popper-Pieber betreut die sogenannte Beratungszone für Arbeitskräfte im AMS Graz-West und erklärt dazu, dass jede Person sich für die Jobsuche beim AMS melden kann, wenn sie vermittelbar ist und einen Wohnsitz in Graz hat. Ohne Ausnahmen.

Eine Frage der Perspektive

Der Sozialhistoriker Joachim Hainzl beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Marginalisierung bestimmter Gruppen in der Gesellschaft: „Es ist nachvollziehbar, dass uns diese Männer, die hier im öffentlichen Raum herum stehen, auffallen und wir uns für sie interessieren. Sie sind aber lediglich ein Symptom. Für mich viel interessanter wäre die Frage, welche Motive jene haben, welche sich hier ,billige´ Arbeitskräfte holen und diese ohne soziale und rechtliche Absicherung für sich arbeiten lassen. Denn ehrlich gesagt kann ich mir auch vorstellen, dass jene aktuell aus Rumänien kommenden Männer, die hier bei jedem Wetter stehen, kein Problem damit hätten, gerecht entlohnt zu werden und dazu auch legal versichert zu sein.“

isst Gemüse, trinkt Bier. Liest sich gerne durch Geschichten ohne Happy End und steht voll auf die Stones, Police, Beatles und Co.

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