Zwei Personen in dunkler Umgebung. Sie haben eine brennende Fackel in der Hand.

„Biedermann und die Brandstifter“: Wenn die Wohnung zur Bühne wird

Lesezeit: 3 Minuten

Ein Theaterbesuch mal ganz anders: Weder Besucher:innen noch Schauspieler:innen wissen zu Beginn, wo aufgeführt wird. Klar ist nur: Eine Privatwohnung wird zur Bühne für Max Frischs neu interpretiertes Stück „Biedermann und die Brandstifter“.

Autorinnen: Mailin Hartlieb, Matea Kostron

Angeführt von zwei Fackelträger:innen zieht ein langer Zug Menschen durch die Straßen nahe der Grazer Herz-Jesu-Kirche. „Es ist anfangs Spannung spürbar, weil niemand weiß, in welches Haus man nun tatsächlich einzieht“, berichtet die Besucherin Maribell Maierhofer.  Vor Beginn wird ein Treffpunkt in der Nähe des Ziels bekannt gegeben. Gemeinsam mit 40 bis 50 Zuschauer:innen betreten die Schauspieler:innen schließlich eine fremde Wohnung. Die Gastgeber:innen sind zwar vorab grob informiert, werden von der tatsächlichen Situation aber oft überrascht. Dass rund 50 fremde Personen in die Privatsphäre eindringen und sich im Wohnzimmer niederlassen, sorgt bei allen Beteiligten für ein ungewohntes Gefühl.

Sobald das Publikum Platz nimmt, beginnt eine Inszenierung zwischen Realität und Fiktion. Der Raum zwischen Privatem und Fremden wird zum zentralen Element der Aufführung – eine bewusste Gratwanderung. Wie geht man mit Situationen um, wo niemand so recht weiß, ob es Schauspielerei oder ungewollte Grenzüberschreitung ist? Gerade diese Enge macht den Abend zu einer ungewohnten sozialen Erfahrung. „Manchmal denkt man sich: Bitte, hört einfach auf“, so Maierhofer.

Person mit oranger Jacke spricht in ein Megaphon
Das Publikum und die Schauspieler:innen machen sich mit Fackeln auf den Weg – Foto: Theater am Lend

Hintergrund: Mitläufertum und Selbsttäuschung

Max Frischs Drama „Biedermann und die Brandstifter“ ist ein Klassiker über Mitläufertum und kollektive Selbsttäuschung. Die Hauptfigur Biedermann gewährt zwei offensichtlichen Brandstiftern Unterschlupf, obwohl er um deren Gefährlichkeit weiß. Getrieben vom Wunsch, höflich zu bleiben und nicht anzuecken, unterstützt er sie schließlich. Das Stück endet mit der Brandstiftung seines Hauses.

Frisch zeigt auf, wie Menschen Gefahren zwar erkennen, aber aus Bequemlichkeit, Angst oder sozialem Anpassungsdruck nicht handeln. Die Inszenierung rückt die Frage ins Zentrum, warum die Gesellschaft Bedrohungen zulässt, obwohl sie diese eigentlich kommen sieht. Die Brandstifter treten als scheinbar vertrauenswürdige Stimmen aus Alltag, Medien oder Politik auf. So zeigt das Stück auf, wie bereitwillig wir unbequeme Wahrheiten verdrängen. Denn „Die beste Tarnung ist immer noch die Wahrheit”.

Schweizer Produktion für Graz adaptiert

Verantwortlich für die Inszenierung ist Christian Winkler, der als Autor unter seinem Namen schreibt und als Franz von Strolchen Regie führt. Er hat das Stück bereits in der Schweiz aufgeführt und für die Grazer Aufführungen adaptiert.

Unterstützt wurde er von Maria Leitgab, selbstständiger Dramaturgin und Vorstandsmitglied im Theater am Lend. Sie fungierte während der Proben als „Outside-Eye“, übernahm die Abendspielleitung und war hauptverantwortlich für die Organisation der Privatwohnungen sowie den Kontakt zu den Gastgeber:innen. Die Besetzung bestand aus Mitgliedern des „Planetenparty Prinzip“, einem freien Performancekollektiv, das seit 2015 besteht. Das Pay-as-you-can-Prinzip, etabliert vom „Planetenparty Prinzip“, wurde für dieses Stück vom Theater am Lend übernommen.

Ende April fand die vorerst letzte Vorstellung dieser Reihe statt. Aufgrund des Erfolgs und der besonderen Resonanz auf das Format ist jedoch eine Wiederaufnahme für den Herbst 2026 geplant.

Drei Fragen an Maria Leitgab

Annenpost: Wie haben Gastgeber:innen und Publikum auf dieses experimentelle Format reagiert?

Maria Leitgab: Ich würde sagen, alle waren immer sehr überrascht, teilweise auch überrumpelt. Man befindet sich schließlich in Privatwohnungen inmitten der persönlichen Gegenstände der Bewohner:innen. Das macht die Situation unklar und spannend. In Christian Winklers Produktionen ist dieses Wandern zwischen Wahrheit und Fiktion essenziell. Man weiß nie genau, was vorbereitet ist und was nicht. Die beste Tarnung ist hier die Wahrheit.

Wie war die Reaktion der Schauspieler:innen?

Wir hätten anfangs nicht gedacht, dass es wirklich so reibungslos funktioniert. Aber es klappt erstaunlich gut. Da jede Wohnung anders ist, wurde natürlich auch sehr viel improvisiert. Man ist an einem fremden Ort, mit fremden Menschen. Eine Erkenntnis war: Überraschend viele Menschen haben einen großen Holztisch daheim. Wir wohnen am Ende doch alle recht ähnlich.

Inwiefern wurde das Stück inhaltlich angepasst?

Es wurden Dinge gekürzt und umgeschrieben, um den Fokus stärker auf die heutige Zeit zu legen – vor allem auf die aktuelle ideologische Stimmung in der Gesellschaft. 

gespielte Szene mit vier Personen in einer Wohnung
Die Wohnung wird zur Bühne – Foto: Theater am Lend

 

Titelbild: Die Fackel wird übergeben – Foto: Theater am Lend

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