Flämisch, Malaiisch und Slang-Steirisch: In Graz Reininghaus treffen Welten aufeinander – hörbar an jeder Ecke. Wie gehen seine Bewohner:innen mit der Multilingualität im Alltag um?
Autor:innen: Lola Pllana, Max Steibl
Die Antwort liefert das Forschungsprojekt „Wie leben und erleben wir unsere Sprache(n) im Stadtteil?” des Sprachennetzwerks Graz und der Politikwissenschaftlerin Petra Wlasak. Im Beisein der Stadträte Robert Krotzer (KPÖ) und Claudia Unger (ÖVP) präsentierte Wlasak ihre Studie am 29. Mai in der Tennenmälzerei. Anschließend regte eine interaktive Plakatserie mit Buffet zum Austausch an. Auch die Annenpost nahm teil.
Das Labor gehört allen
In ihrer Studie ließ Wlasak lokale Stimmen antworten: 16 Menschen, die in Reininghaus leben oder arbeiten, diskutierten die Chancen und Herausforderungen ihrer Multilingualität. Sie zogen mit offenen Ohren durch das Viertel, befragten weitere Bewohner:innen und halfen bei der Datenauswertung. Um niemanden auszuschließen, galten Dialekte wie Slang-Steirisch als Sprachvariation. Diese Art von Projekt, bei denen Freiwillige ein aktiver Teil von wissenschaftlichen Prozessen sind, wird Citizen-Science genannt. „Das Citizen-Science-Projekt soll sich von der Forschung über den Menschen zur Forschung für und mit dem Menschen entwickeln”, so Wlasak.

Zwischen Brücke und Barriere
Dass Reininghaus weit mehr als Deutsch und Schulenglisch spricht, liegt auf der Hand: Der neue Stadtteil entsteht zwischen den Bezirken Eggenberg und Gries, wo der Anteil ausländischer Staatsangehöriger laut Bericht des Migrant:innenbeirates der Stadt Graz 2023 am höchsten ist. Zu den unerwarteten Forschungsergebnissen Wlasaks zählen Flämisch, Malaiisch und eine erfundene Geheimsprache unter Geschwistern.
Ihr Projektbericht listet zudem Orte wie Spielplätze und Supermärkte, an denen Multilingualität verbindend oder trennend wirkt. Eine Teilnehmerin berichtet von Hemmungen im Smalltalk mit Menschen, die kein Deutsch verwenden: „Fünf Frauen mit Kopftuch, die da sitzen mit ihren Kindern, die sprechen ja miteinander und ich weiß ja nicht wie gut deren Deutsch ist und ob die überhaupt angesprochen werden möchten.” Umso wichtiger sei es für einen anderen Teilnehmer, möglichst viele Sprachen zu beherrschen. Dazu äußerte sich Unger in ihrer Ansprache: „Deutsch ist als gemeinsamer Nenner weiterhin nötig.”

Plakatserie mit Fortsetzungsbedarf
Die fünf Plakate hängen bis Juli im ersten Stock der Tennenmälzerei. Sie laden ein, Erfahrungen mit Sprache zu teilen und fördern gegenseitiges Verständnis. In Zukunft soll die Ausstellung kostenlos zwischen Grazer Schulen wandern und für sprachliche Barrieren sensibilisieren. Unabhängig vom Alter der Lerngruppen kann Wlasak für Workshops zum Thema Multilingualität im Alltag gebucht werden.
Titelbild: Von links nach rechts: Bettina Thaller (Vorstand Verein Stadtteil Reininghaus und ÖWG), Petra Wlasak, Robert Krotzer, Elisabeth Schlocker (Geschäftsführung EFSZ) und Claudia Unger posieren vor der Ausstellung. – Foto: Max Steibl
Aktueller Ausstellungsort: UNESCO-Esplanade 9, 8020 Graz Der vollständige Projektbericht: https://sprachennetzwerkgraz.at/Portals/35/pdf/Projektbericht_Wlasak%20J%C3%A4nner%202026%20KURZVERSION_FINAL.pdf?ver=l0WckRol7cBf4U2-ZypyCA%3d%3d Bei Interesse an der Ausstellung: verein.efsz@ecml.at Bei Interesse an einem Workshop von Petra Wlasak: petra.wlasak@icloud.com
