Die vier Schauspieler:innen sitzen auf der Bühne.
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Krieg im Theater – Geschichten aus der Ukraine

in KULTUR von

In einer performativen Lesung versuchen vier Schauspieler:innen, dem Publikum im Theater am Lend Leben und Überleben in der besetzten südukrainischen Stadt Cherson näherzubringen. 

390.408. Diese Zahl wird während der Performance für eine kurze Zeit an die Wand projiziert. Davor sind vier Tische aufgebaut – für alle Schauspielenden einer. Neben der Bühne sitzt der Grazer Sounddesigner und Komponist Nick Acorne. Er produziert einen elektronischen Live-Soundtrack, der fast unheimlich wirkt. 390.410. Die Zahl verändert sich während der Performance. Sie funktioniert als Stoppuhr. Nun sind es 390.410 Minuten, die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine am 24. Februar 2022 vergangen sind.

Cherson ist zwar zum Zeitpunkt der Aufführung  im Theater am Lend, am 21. November, seit mehr als 15.000 Minuten befreit, aber die Spuren der Besetzung wirken nach. „Cherson war belagert”, sagt der Schauspieler Gregor Schenker während der Performance. „Ist”, unterbricht ihn eine andere Schauspielerin, „Cherson ist belagert”.

Ein Theatertext voll Zorn und Trauer

Nina Khyzhna und Vladyslava Chentsova, die selbst aus der Ukraine flüchten mussten, lasen gemeinsam mit Vera Hagemann und Gregor Schenker Texte, kurze Zitate sowie ganze Geschichten, die dem Leiden der Bewohner:innen Chersons, den Kriegsopfern, eindrucksvoll Stimme verleihen. Erzählt wird  von Soldaten, von Folter und von Zorn. Eine Geschichte handelt von einer Frau, die sich, während die Bomben fielen, im Keller versteckte, gemeinsam mit dem Kind ihrer Nachbarn. Eine andere von einem Mann, der in seinem eigenen Haus getötet wurde.

„Ich habe keine Angst. Ich will wie früher leben. Wie früher, im Frieden”, werden die Worte einer Chersoner:in wiedergegeben. Die Resilienz der Chersoner:innen in diesen Extremsituationen habe den Titel „Unbeugsames Cherson“ inspiriert, so die Schauspielerin Nina Khyzhna. Acht Monate unter russischer Besatzung, die Pseudo-Annektion an Russland, großflächige Zerstörung von Infrastruktur und die Spuren von Kriegsverbrechen. Der Zorn auf den Aggressor Russland und dessen Präsidenten Putin wird an vielen Stellen deutlich. „Niemand hier braucht diese stinkende russische Welt“, heißt es einmal. Doch nicht nur Zorn wurde im Theater am Lend spürbar. Sowohl auf der Bühne als auch im Publikum wurden an diesem Abend  auch einige Tränen weggewischt.

Entstehung des Stücks

Die Texte zum Stück hat Artem Vusik aus Cherson zusammengetragen. Der 34-jährige Künstler wohnt derzeit in Lviv, in der Westukraine. Ursprünglich verfasste er den Text für „Melpomene of Tavria“, ein internationales Theaterfestival, mit langjähriger Tradition in Cherson. Dieses Jahr konnte es wegen der russischen Belagerung das erste Mal seit Langem nicht wie gewohnt stattfinden. Stattdessen wurden in verschiedenen Theatern in der Ukraine, in Rumänien, Portugal und Georgien Stücke zur Unterstützung Chersons aufgeführt. Im Zuge dieses Festivals hatte „Unbeugsames Cherson“ in Lviv seine Premiere. Allerdings in einem Keller, wegen der russischen Luftangriffe. „Wenn der Bombenalarm kommt, und man ist nicht im Keller, dann muss alles abgebrochen werden und jede:r muss in den Bunker”, erklärt Nina.

Das Stück besteht aus vier Szenen und hat sowohl einen Prolog als auch einen Epilog. Der Epilog ist seit der Premiere neu hinzugekommen, und die einzige Stelle in der Lesung, wo die Befreiung Chersons tatsächlich thematisiert und beschrieben wird. Während der Performance wechseln die Vortragenden fortlaufend zwischen den Sprachen Englisch, Deutsch und Ukrainisch.

Schwierigkeiten beim Proben und Performen

Das Stück wurde, unter der Regie von Nina und der Produktion von UniT, auch nach Graz gebracht. Der Weg dorthin war allerdings ein holpriger, schildert sie: „Man fragt sich, ob Kunst wirklich notwendig ist. Sollte ich nicht lieber ehrenamtlich helfen?”

Anfangs dachten die ukrainischen Künstlerinnen, mit Theater könne man niemanden gegen den Krieg schützen. Jedoch wurden ihre Shows nun mit einer Spendenaktion verbunden. Das letzte Mal konnten sie zum Beispiel Geld an die Organisation Culture SHOCK weitergeben. Culture Shock ist eine Hilfsorganisation, die von Kunstschaffenden in Charkiw gegründet wurde. Sie sammeln sowohl für das Militär als auch für Zivilist:innen aus den Kriegsgebieten. „Das Spenden gibt uns ein Gefühl von Bedeutung”, so Nina.

Emotionale Belastung

„Für mich ist es im Normalfall wichtig, emotional über den Stücken zu stehen“, sagt Nina, „aber in diesem Fall ist das einfach unmöglich.“ Beide Schauspielerinnen kennen den Schmerz der Personen, deren Geschichten sie erzählen. Obwohl der Krieg für alle mit unterschiedlichen Erlebnissen verbunden ist, sei die Gemeinschaft für die Ukrainer:innen gerade wichtig.

Obwohl Cherson nun befreit ist, werde ihre Belastung nicht weniger. Seit Anfang des Krieges sind fast neun Monate vergangen: Mittlerweile weiß man von zahlreichen Opfern und Kriegsverbrechen. Aus diesem Grund können sich Vlada und Nina nicht zu hundert Prozent über die Befreiung Chersons freuen. Sie wissen um den Preis. Am Tag der Befreiung haben die beiden zuerst gar nicht geglaubt, was passierte, erzählen sie. “Ich glaube, ich habe den ganzen Tag geweint”, fügt Nina hinzu.

Bomben zu Hause

Vlada und Nina selber kommen aus Charkiw, wo sie schon als Künstlerinnen tätig waren. Vlada feierte am 24. Februar 2022 ihren 28. Geburtstag. Dieses Jahr brannten statt Geburtstagskerzen Häuser. „Ich weiß gar nicht mehr, was ich mir in dem Moment gedacht habe. Wenn Bomben einschlagen, dann hat man nur noch Panik“, erzählt Vlada. Nina erging es ähnlich. Von ihrem Fenster aus konnte sie sogar eine Rakete sehen. In zehn Minuten habe sie ihren Koffer gepackt und sei losgefahren. Die Frauen wollten nicht länger als zwei Wochen von zu Hause wegbleiben. Aus Wochen wurden Monate. Jetzt leben die Freundinnen vorübergehend in Graz. Sie wollen jedenfalls wieder zurück in ihre Heimat. Mit ihrer Arbeit will Vlada besonders eines mitteilen: „Der Krieg ist gar nicht so weit entfernt, wie manche vielleicht glauben.“

Das Theaterteam beim Beantworten der Fragen.
Nach der Vorstellung gab es die Möglichkeit den Mitwirkenden Fragen zu stellen. – Foto: Sarah Romauch

Wirkung aufs Publikum

Den Besucher:innen ging die Vorstellung ebenfalls sehr nahe. Viele waren selber aus der Ukraine. Das Stück wurde vom Publikum, in Interviews, als eindrucksvoll, aufwühlend, spannend und emotional beschrieben.  „Es war spannend zuzuhören. Sound und Design hat das Stück sehr gut unterstützt”, berichtet eine Zuschauerin.  Nach der Vorstellung gab es noch eine Gesprächsrunde mit dem ganzen Team, bei der Fragen gestellt werden konnten.

Das nächste Projekt wird, eine kindgerechte Version des Stückes auf die Bühne zu bringen. Das möchte Vlada im Jänner 2023 realisiert haben.

 

Titelbild: Die vier Schauspieler:innen sitzen auf der Bühne. – Foto: Sarah Romauch

 

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