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Digitale Erinnerungskultur wider das Vergessen

in KULTUR/SOZIALES von

Seit Kurzem verzeichnet eine digitale Karte mehr als 300 Orte, die an die Opfer und den Terror der Nazis in der Steiermark erinnern. Was das Projekt bezweckt und welche Orte sich im Annenviertel entdecken lassen.

Katharina Percht und Benjamin Zakary

Es war ein trister, kalter Nachmittag, als heuer am 10. November das Lauftext-Mahnmal von Catrin Bolt wiedereröffnet wurde. Die Künstlerin hatte es 2013 zum 75. Jahrestag der Novemberpogrome konzipiert. Der Text, der auf den Gehsteigen zwischen dem Wohnhaus des früheren Grazer Oberrabbiners David Herzog in der Radetzkystraße 5 und der Synagoge angebracht ist, stellt einen Auszug aus Herzogs Autobiografie dar. Herzog beschrieb darin die furchtbare Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der er von den Nazis aus seiner Wohnung gezerrt, misshandelt und durch die Stadt getrieben wurde. Herzog entging der Deportation nach Dachau nur aufgrund seiner schweren Verletzungen und konnte nach London emigrieren. 

Der Lauftext ist auch ein gutes Beispiel für gelebte Grazer Erinnerungskultur. 2013 als temporäre Intervention umgesetzt, war die Schrift bald verwittert und kaum noch lesbar. 2015 sprach sich der damals zuständige FPÖ-Stadtrat Mario Eustacchio gegen eine Verlängerung der Projektlaufzeit und eine Renovierung aus. Ironie des Schicksals: Nur wenige Wochen nach der nunmehrigen Wiedereröffnung wurden Teile des Textes erneut zerstört – diesmal durch eine Baustelle.

Im digitalen Raum ist Catrin Bolts Erinnerungsarbeit vor derlei klimatischen oder politischen Erosionsprozessen geschützt. Dort ist das Lauftext-Mahnmal neuerdings in einer Karte verzeichnet, die eine „Digitale Erinnerungslandschaft“ (DERLA) schaffen will. Mehr als 300 Erinnerungsorte haben die Forscher*innen rund um Projektleiter Gerald Lamprecht vom Centrum für Jüdische Studien der Uni Graz bislang mit Hintergrundinformationen, GPS-Koordinaten und Bildmaterial in dieser Karte eingetragen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie Orte benennen, die „an die Opfer und den Terror des Nationalsozialismus zum Zeitpunkt des Jahres 2020” erinnern. Egal, ob es an diesen Orten konkrete Gedenkzeichen und Denkmäler gibt – oder (noch) nicht.

Durch ihre digitale Form soll die Karte vor allem Jugendliche ansprechen. Ziel sei es, zu erinnern und zu bilden, sagt Lamprecht im Interview. „Wir haben überlegt, wie man die Erinnerungs- und die Denkmalkultur mit Fragen der Vermittlung verbinden kann.” Die digitale Karte soll als Archiv dauerhaft zugänglich gemacht werden. Bisher gibt es die digitale Erinnerungslandschaft nur für die Steiermark und Vorarlberg. Ziel ist es, das Projekt in ganz Österreich zu realisieren. „Digitale Projekte leben – und sie leben davon, dass Menschen mit ihnen arbeiten”, sagt Lamprecht.

Wie wichtig es bleibt, an die Verbrechen der Nationalsozialisten zu erinnern, zeige die Tatsache, dass Antisemitismus auch heute noch präsent ist, sagt Lamprecht. Davon zeugen auch der Angriff auf die Grazer Synagoge und den Präsidenten der jüdischen Gemeinde im vergangenen Jahr. Lamprecht verweist auch auf die „Corona-Demonstrationen”, auf denen einige Teilnehmer*innen – etwa mittels Armbinden – Vergleiche zur NS-Zeit ziehen und dadurch die damaligen Ereignisse  verharmlosen. Dass sich Genozide wie der Holocaust wiederholen könnten, sei ebenfalls nicht ausgeschlossen, meint Lamprecht. Bildung sei eben entscheidend, man müsse Lehren aus der Vergangenheit ziehen.

Erinnerungsorte im Annenviertel

Im Annenviertel sind die meisten der in der DERLA verzeichneten Erinnerungsorte Stolpersteine. Doch man kann auch andere Denkmäler finden. Eine Auswahl. 

Minoritenkloster 

Die Maximilian-Kolbe-Gedenkstätte im Kreuzgang des Minoritenklosters erinnert seit 1968 an den Opfertod des Paters im KZ Auschwitz. Kolbe war ein polnischer Franziskaner-Minorit, der sich im Konzentrationslager für einen Familienvater opferte und sich an dessen Stelle in den Hungerbunker begab. Er wurde 1982 von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen – aus diesem Anlass wurde ihm auch in der Mariahilferkirche eine Statue gewidmet. Kolbe betätigte sich zwar stets im Widerstand gegen den Nationalsozialismus, war aber gleichzeitig Gegner des Zionismus und der Freimaurer. Kritiker*innen schreiben ihm deshalb bis heute zu, selbst antisemitisch gewesen zu sein.

Zentralfriedhof 

Vier Erinnerungsorte  befinden sich am Zentralfriedhof in der Triesterstraße. Das erste Denkmal erinnert an die  142 Menschen, deren Leichen 1945 auf der Militärschießstätte im Feliferhof gefunden und exhumiert wurden. Sie wurden in den letzten Kriegswochen dort hingerichtet. Ganz im Süden des Friedhofs erinnert das zweiteilige „Internationale Mahnmal” – bestehend aus einem 20 Meter hohen Turm und einer Betonbogen, auf deren Unterseite die Namen von über 2.400 Opfern des Nationalsozialismus verewigt sind. 

Internationales Mahnmal am Zentralfriedhof – Foto: Katharina Percht

Beim Denkmal für die Grazer Bombenopfer 1944/45 handelt es sich um ein Sammelgrab. Laut dem offiziellen Verzeichnis fanden 1.788 Menschen durch diese Angriffe den Tod, wobei  anzunehmen ist, dass die eigentliche Zahl 2.000 überschreitet. Unter den Verstorbenen waren auch mehrere Widerstandskämpfer, die zum Zeitpunkt eines Bombenangriffs im Gefängnis Karlau festgehalten wurden.

Das vierte Denkmal gedenkt sechs französischer KZ-Häftlinge, die 1944 in steirischen Außenlagern des KZ Mauthausen und Peggau getötet wurden.

Eggenberg

Auch in Eggenberg gibt es außer den Stolpersteinen weitere Orte, die an Opfer des NS-Regimes erinnern. Exemplarisch dafür ist die – nicht öffentlich zugängliche – Gedenktafel an der Eggenberger Straße 31, die an sechs Widerstandskämpfer*innen in der damaligen Waggonfabrik Siemens erinnert. Die Männer leisteten Widerstand im Rahmen der „Roten Gewerkschaft”, die Flugblätter verbreitete und Unterstützung für die Angehörigen von Verhafteten organisierte. Sie wurden zum Tode verurteilt oder kamen in Haft ums Leben. 

Nach dem Gründer der „Roten Gewerkschaft”, dem in St. Lorenzen geborenen Lorenz Poketz, wiederum ist die „Poketzgasse” benannt. Poketz hatte sich früh in der Arbeiterbewegung engagiert und war unter anderem Sekretär der Freien Gewerkschaft und Vorsitzender des sozialpolitischen Ausschusses der Arbeiterkammer in Graz. Im Sommer 1942 wurde der Mürztaler verhaftet und 1943 zum Tode verurteilt.

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