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Grünes Licht im Rotlichtviertel?

in SOZIALES von

Geschlossene Bordelle, hohe Laufhaus-Mieten und mangelnde öffentliche Unterstützung treiben viele Sexarbeiter*innen in die Illegalität. Ein Rotlicht-Spaziergang. 

Von Marlies Bender und Edda Holweg

Die Tiffany Bar in der Josefigasse ist einer der letzten „Rotlicht-Clubs” rund um den Lendplatz. Der St. Pauli Nightclub in der Mariahilferstraße hat das Feld schon vor einigen Jahren geräumt und wird nun zum Hotel. Und vom Café Baccara, heute die feine Bar Noel, ist auch nur mehr das „Nigth-Club” auf der Markise und damit der bekannteste öffentliche Rechtschreibfehler des Viertels zu sehen. Aber im Tiffany kann sich jede*r noch von „hübschen, diskreten Mädchen verwöhnen” lassen, wie die Webseite verspricht.

Geimpft, Genesen, Geschlechtsverkehr

Etablissements wie Tiffanys Bar haben erst seit Mai 2021 wieder geöffnet, wie die Annenpost berichtet hat. Von außen unauffällig, ist das Nachtlokal von innen ein klischeehaftes Bordell, mit Rotlicht und Poledance-Stange. Michaela Engelmaier ist vertraut mit der Bar, wie auch mit vielen anderen Betrieben der Branche. Als Projektleiterin der SXA-Info, einer Anlaufstelle für Sexarbeiter*innen, besucht sie seit 2009 regelmäßig Einrichtungen und redet mit Prostituierten. Sie informiert und klärt Interessierte über das Tabuthema Prostitution auf. Deshalb war die Soziologin auch die Wahl des Frauenservice Graz, um den diesjährigen FrauenStadtSpaziergang unter dem Motto „Sexarbeit – eine „Geregelte” Angelegenheit?” zu leiten.

Es hat sich einiges geändert in der Rotlichtszene. Die Pandemie hat auch hier ihre Spuren hinterlassen. Für Prostitution als körpernahe Dienstleistung gilt seit 8. November die 2G-Regel, beim Vollziehen des Akts herrscht Maskenpflicht. Der Mindestabstand von zwei Metern müsse aber nicht eingehalten werden, wie das Sozialministerium im April bekannt gab. Die tatsächlichen Auswirkungen sind aber für das uninformierte Auge unsichtbar.

In diesem Jahr fand der FrauenStadtSpaziergang im Oktober am Lendplatz unter dem Motto Sexarbeit – Eine Geregelte” Arbeit?” statt. – Foto: Marlies Bender

Der Drang nach drinnen

Die Sexarbeiter*innen hätten es zur Zeit nicht leicht. Das hat auch mit den hohen Mietkosten zu tun. 600€ beträgt die Wochenmiete für ein Zimmer in einem steirischen Laufhaus, sagt Engelmaier. Dafür kann man eine Spiegelreflexkamera kaufen oder von Graz nach Dubai fliegen. „Es gibt keine Preisregelung, deshalb können Bordellbesitzer*innen Mietpreise so hoch setzen, wie sie wollen.“ Sexarbeiter*innen arbeiten alleine für die Miete sehr viel. Abhängig von der Dienstleistung verlangen sie oft 50€ bis 70€ pro halber Stunde, sagt Engelmaier vor dem Café Angelique am Rande des Volksgartens, einer weiteren Station des Spaziergangs. Hinter seiner Tür befindet sich ein weiterer Nachtclub. Dies kann man von außen nur durch eine dezente Lichterkette erahnen. Offensichtliche Werbung ist nicht erlaubt. So würden Bordelle wie dieses weiter in den Schatten gedrängt werden, meint Engelmaier.

Aufgrund der Mietpreise und der Schließung von Etablissements in den letzten anderthalb Jahren trieb es viele Sexarbeiter*innen in die eigene Privatwohnung, um dort ihre Dienste anzubieten. Wohnungsprostitution hielten viele für sicherer, oft seien sie dabei mit anderen Sexdienstleister*innen zusammen. Allerdings ist die Wohnungsprostitution in Österreich nicht erlaubt. Die Strafen belaufen sich auf mindestens 900€. Anders sei das bei Hausbesuchen, wenn Sexarbeiter*innen ihre Kund*innen daheim besuchen. Dies ist in der Steiermark erlaubt. „Wie viele Sexarbeiter*innen diese Möglichkeit nützen, können wir leider nicht sagen. In den Beratungsgesprächen hören wir viele Gründe für oder gegen das Arbeiten in eigener Wohnung. Fakt bleibt, dass nur Hausbesuche eine erlaubte Möglichkeit bieten”, erklärt Engelmaier.

Um das Wohnungsproblem zu lösen, schlägt die Arbeitsgruppe „Prostitution” des Bundeskanzleramts vor, die Eröffnung von kleinen Bordellbetrieben, auch Studios genannt, zu erleichtern. Dies würde helfen, Sexarbeiter*innen mehr Selbstbestimmung zu verschaffen. Ebenso bei der Werbungsregelung empfiehlt die AG Lockerungen. Explizite Werbung sollte zugelassen werden, Unsafe-Sex-Praktiken bewerben jedoch nicht. Zumindest die Kennzeichnung eines Bordellbetriebs als solcher müsse möglich werden.

„Bei mir geht’s ohne Kondom!”

Hohe Strafen sind aber nicht das Einzige, womit Prostituierte zu kämpfen haben. Auch die Nachfrage nach Unsafe-Sex-Praktiken, also Geschlechtsverkehr ohne Kondom, nimmt zu. Oftmals auch mit Nötigung verbunden, wenn Freier*innen bei Wohnungsprostitution mit Auslieferung an die Polizei drohen, sollten Sexarbeiter*innen nicht das Gewünschte erfüllen. Um über die Runden zu kommen, machen Dienstleister*innen mit.

Corona-Unterstützung bekommen die wenigsten. Niemand fühle sich zuständig, kritisiert Engelmaier. Einmal sei sie mit einer Sexarbeiterin beim Finanzamt gewesen, der Beamte habe sie abgewiesen. „Da muss ich schauen, ob für euch Huren überhaupt jemand zuständig ist“, soll er gesagt haben. Auch die WKO sei nicht zuständig für „das älteste Gewerbe der Welt”. Es ist nämlich gar kein Gewerbe. Beim Gewerbegesetz von 1925 wurde die Prostitution außen vor gelassen. Geändert wurde das bis heute nicht.

Titelbild: Teilnehmer des FrauenStadtSpazierganges auf dem Weg zur nächsten Station. – Foto: Marlies Bender

„Welche Rolle spielst Du? Aktiv gegen Gewalt an Frauen!”
Am Donnerstag, dem 25.11.2021, veranstaltet das Frauenservice Graz am Lendplatz eine Aktion und öffentliche Ausstellung zum Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen.
 

 

Schon immer Südoststeirerin - mit Herz und Blut. Seit kurzem Grazerin - aus Leib und Seele. Schon länger Kernölexpertin - einfach aus Prinzip.

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