Street-Workout-Areal im Volksgarten
Lesezeit: 3 Minuten, 18 Sekunden

Street-Workout: „Die Seele baumeln lassen“

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Seit dem 3. November 2020 sind die Fitnessstudios in Österreich geschlossen. Viele Sportbegeisterte vermissen den Ausgleich zum täglichen Leben. Street-Workout-Plätze, an denen diverse Eigengewichtsübungen durchgeführt werden können, sind daher beliebter denn je. Ein Lokalaugenschein im Annenviertel.

Montag, 15:30 Uhr, angenehm sonniges Wetter. Das kleine Street-Workout-Areal am Rande des Volksgarten im Bezirk Lend füllt sich mit Trainierenden. Einer von ihnen ist Miro, der hier fast schon Stammgast ist. „Ich bin eigentlich immer ins Fitnessstudio gegangen und habe nur selten draußen in solchen Parks trainiert. Seitdem alles zu ist, habe ich aber einfach keine andere Wahl mehr“, erzählt er. Einfach so mit dem Training aufhören, könne er nämlich nicht. „Ich habe es mir als Lebensziel gesetzt, so lange ich kann, regelmäßig zu trainieren! Aufhören ist für mich keine Option“, erklärt Miro mit einem stolzen Grinsen. Dass neben ihm gut zehn weitere Personen auf dem kleinen Platz trainieren, ohne Maske oder Sicherheitsabstand, störe ihn nicht. Ohne Fitnessstudio seien Street-Workouts für ihn derzeit alternativlos. Er könne da einfach am besten abschalten und „die Seele baumeln lassen“ – bei manchen Übungen sogar wortwörtlich.

Auch John ist an diesem Montagnachmittag am Street-Workout-Platz anzufinden. Da er bereits vor der Pandemie öfter draußen trainiert hat, ist ihm der Andrang in den letzten Monaten nicht entgangen: „Seitdem die Studios zu sind, kommen einfach viel mehr Leute hierher. Eh logisch eigentlich, irgendwie müssen sie ihren Sport ja ausleben können.“ Während er erzählt, stattet sogar die Polizei dem Freizeitareal einen Besuch ab. „Das passiert öfter“, erklärt John, meistens kämen sie aber nur, um die Jugendlichen zu verscheuchen, die nebenan Basketball spielen. So auch heute. Den Trainierenden widmen die Beamten lediglich ein frommes Nicken. Denn Kontaktsportarten, wie Fußball oder Basketball sind derzeit noch verboten, Individual- und Freizeitsport hingegen nicht, zumindest unter Wahrung des Mindestabstandes.

Trainierende im Augarten
Auch das Street-Workout-Areal im Augarten ist stets gut besucht. – Foto: Dominik Blümel

Mens sana in corpore sano

Miro und John sind nur zwei von vielen Österreicher*innen, die mit den fehlenden Sportmöglichkeiten während der Corona-Pandemie zu kämpfen haben. Das manifestiert sich mitunter in der psychischen Verfassung, vor allem bei Jugendlichen, wie eine Studie der Donau-Universität Krems und der MedUni Wien zeigt. Demnach gaben im Februar 2021 ganze 55% der Schüler*innen an, an depressiven Symptomen zu leiden, 16% der Befragten hätten sogar Suizidgedanken. Vor der Pandemie lagen diese Zahlen noch bei einem Fünftel oder gar einem Zehntel davon. 

Für Johannes Gosch, Sportwissenschafter und Mentalcoach, ist das kein Wunder. Für ihn ist der Zusammenhang zwischen fehlender Bewegung und depressiven Krankheitsbildern klar: „Der Mensch ist auf Bewegung konzipiert. Der Mensch braucht Bewegung. Gerade Sport hat da eine ganz wichtige Funktion, um einen Ausgleich zu schaffen, abschalten zu können und seinem Körper etwas Gutes zu tun. Sport ist einfach der beste Abbau für Stresshormone.“ Ein Wegfall dieser Betätigung, wie ihn viele Hobby-Sportler*innen seit Monaten erleben, kann fatale Folgen haben: „Wir Menschen sind Gewohnheitstiere. Haben wir einmal das gefunden, was uns wirklich gefällt, sei es das Fitnessstudio, der Fußball oder was auch immer, fällt es uns extrem schwer, Alternativen dafür zu finden. Kann ich mein Hobby also nicht mehr ausüben, hat das auf die Gesundheit und Psyche natürlich enorme Auswirkungen.“

Doch nicht nur der psychische Aspekt motiviert die Menschen, Outdoor-Sportplätze aufzusuchen. Denn egal aus welchem Motiv man Sport treibt, sei es ein ästhetisches Aussehen, körperliche Fitness oder der soziale Kontakt, bleibt eines immer gleich, wie Christoph Kreinbucher-Bekerle, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bewegungswissenschaften der Uni Graz, weiß: „Grundsätzlich geschieht bei jedem Sport eine Anregung der Durchblutung im Gehirn, sowie eine Veränderung der Ausschüttung von Neurotransmittern, wie etwa Dopamin. Bei exzessivem Sportverhalten kann daher sogar so etwas wie ein Sucht-Effekt entstehen.“ Kein Wunder also, dass Arnold Schwarzenegger schon 1978 im Film „Pumping Iron“ sein Krafttraining mit einem Orgasmus verglich.

Auf Unverständnis folgt Hoffnung

Bei der Frage, ob die beiden Sportler im Volksgarten verstünden, wieso Street-Workouts mit so vielen Leuten erlaubt sind, aber Fitnessstudios trotz Sicherheitskonzepten noch bis Mitte Mai geschlossen bleiben, müssen beide passen. „Es gibt schon so viele Regeln, die keiner versteht, da wundert mich das auch nicht mehr“, fügt Miro noch hinzu. Diese Einstellung kann auch Johannes Gosch bei seinen Klient*innen sehen: „Es ist von Haus aus schwer, seine Gewohnheiten zu ändern. Wenn ich aber zusätzlich auch nicht verstehe warum ich jetzt zum Beispiel nicht ins Fitnessstudio darf, macht es das nur noch schwerer.“

Sportbegeisterte dürfen aber wieder Hoffnung schöpfen: Mit den am 23. April angekündigten Öffnungsschritten steht fest, dass sowohl Trainings im Fitnessstudio als auch Mannschaftssport ab dem 19. Mai wieder möglich sein werden. Miro, John und viele andere am Street-Workout-Platz können also bald wieder im Fitnessstudio ihre Seele baumeln lassen.

Titelbild: Besagtes Street-Workout-Areal im Volksgarten – Foto: Dominik Blümel

Geselliger Weststeirer mit Vorliebe für Verschwörungstheorien, Aliens und Pyramiden. Kann sich stundenlang Dokus anschauen und weiß trotzdem nichts.

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