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Extremismus: Wenn die eigene Meinung in Gewalt endet

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Der Grat zwischen dem Ausdrücken seiner eigenen Meinung und Extremismus ist oft nur ein sehr schmaler. Die Grenze liegt dort, wo andere in ihrer Freiheit eingeschränkt werden. Warum es zur Überschreitung kommt und welche Maßnahmen es gegen Extremismus braucht, erzählt Daniela Grabovac, Leiterin der Extremismus-Präventionsstelle.

„Ausländer raus“ und „Deutschland den Deutschen“, auf diese Parolen stieß man, wenn man vor einigen Wochen Social Media öffnete. Unzählige Videos von jungen Menschen, die auf Sylt ausländerfeindliche Zeilen sangen, fluteten die sozialen Medien.  Auch ein ähnlicher Fall in Kärnten wurde publik. Im letzten Jahr kam es zu einer deutlichen Zunahme extremistischer Vorfälle. Das zeigt auch der Verfassungsschutzbericht des Jahres 2023, der im Mai veröffentlicht wurde. Rechtsextremismus, Linksextremismus und islamistischer Extremismus sind besonders betroffen. Die Versammlungstätigkeit Rechtsextremer hat sich im Vergleich zu 2022 verdreifacht. 

Unter Extremismus wird der Aufruf zu Gewalttaten verstanden. Eine Trennung der unterschiedlichen Extremismus-Arten wurde bereits vor über 100 Jahren festgelegt. Somit ist eine Abgrenzung nicht einfach. „Im Laufe der Jahre entwickelten sich neuere Formen“, erklärt Daniela Grabovac, die Leiterin der Extremismus- Präventionsstelle Steiermark. 

Versteckte Gefahr auf Facebook, Instagram & Co.

Ein Grund für die Zunahme ist, dass Extremismus oft nicht als solcher erkennbar ist. „Man denkt sich, spannend, da schließe ich mich an“, erzählt Grabovac. Auch die Reichweite von Social Media und die ständige Erreichbarkeit sind für die schnellere Verbreitung von Extremismus verantwortlich. „Extremist:innen wissen, wie sie Zielgruppen ansprechen müssen, um modern und cool zu wirken. Das ist eine neue Gefahr, weil es als Memes und Podcasts getarnt ist. Es gibt nur zwei Extrema. Entweder du bist auf der einen Seite oder auf der anderen. Viele hätten gerne einfach eine Mitte“, klärt Grabovac auf. 

 

Die Extremismus – Präventionsstelle in der Pestalozzistraße 59: Eine sichere und anonyme Anlaufstelle für alle. – Foto: Judith Hohl

 

Die verbreitete Ansicht, dass die Anfälligkeit für Extremismus abhängig von Bildungsniveau oder Alter ist, ist nicht richtig. Vielmehr gibt es einen Zusammenhang mit der Zufriedenheit des eigenen Lebens. Hat man das Gefühl, dass man selbst oder sein Umfeld benachteiligt wird, ist man anfälliger für Verschwörungstheorien. Diese liefern die Antworten, die man hören will. „Man schließt sich dann Gruppen an, die nicht wohlwollend sind, aber im ersten Moment so wirken, als würden sie unterstützen“, erklärt Grabovac. 

Regeln statt grenzenloser Freiheit

Bei Jugendlichen besteht ein Risiko, sich radikalen Tendenzen anzuschließen. Oft wissen sie nicht, wie ihre Zukunft aussieht. Sie fühlen sich entwurzelt, da die Familie nicht genügend Stabilität gibt. „Dann ist man natürlich auf der Suche nach etwas, das Halt gibt“, erklärt Günther Stocker von ISOP. Der Verein Innovative Sozialprojekte unterstützt durch Bildung, Beratung und Beschäftigungsprojekte, um soziale und berufliche Teilhabechancen zu verbessern. Er ist an 13 Standorten in der Steiermark vertreten. Drei davon sind in Graz, in der Dreihackengasse, Liebenauer Hauptstraße und Uhlandgasse. Im Hauptgebäude, im Annenviertel in der Dreihackengasse 2, werden Deutsch- und Mathematik-Kurse angeboten, um später einen Pflichtschulabschluss oder eine Lehre zu machen. Einerseits sei es wichtig, dass man auf Jugendliche zugehe und Verständnis zeige. Andererseits muss man auch Regeln vorgeben, indem man sagt, was geht und was nicht, erklärt Stocker. 

Günther Stocker von ISOP setzt auf Beziehungsarbeit und Ehrlichkeit in seiner Arbeit mit Jugendlichen. – Foto: Judith Hohl

Social Media als Chance

So negativ die Auswirkungen von sozialen Medien sind, genauso viel Gutes können sie zur Prävention beitragen. Durch ihre starke Reichweite bieten sie die Möglichkeit, das Thema sichtbar zu machen. Hinter Extremismus im Netz steckt viel Know-how. Er ist oft schwer erkennbar. Deshalb muss auf professioneller Ebene dagegen vorgegangen werden. Aber auch die soziale Komponente „Wie kann man der Gesellschaft helfen?”, muss mitgedacht werden. „Hier sind die Institutionen gefragt, hinzuschauen, was diesbezüglich getan werden muss“, klärt Grabovac auf. Als präventive Maßnahme wurde ein Leitfaden erstellt. Dieser hilft, durch Codes extremistische Strömungen zu erkennen und ein Gefühl dafür zu bekommen, ob ein Fall von Extremismus vorliegt. Der Leitfaden wird Ende Juni 2024 präsentiert. 

Vertrauen bewirkt Veränderung

Auch im Bildungsbereich gibt es Änderungsbedarf. „Wenn die jungen Leute sich wohlfühlen, dann geht das Aggressionspotential zurück. Jugendliche nehmen jemanden ernst, wenn sie merken, der ist da und dem kann man vertrauen“, erzählt Stocker. In Schulen läuft aufgrund der hohen Schüler:innenanzahl vieles anonym ab, da kommt die Beziehungsebene zu kurz. Deshalb sollte bei der Ausbildung von Lehrkräften ein größeres Augenmerk auf Persönlichkeitsbildung gelegt werden, meint Stocker.

Auch die Gewährleistung, dass man sich vertraulich und anonym an Beratungsstellen wenden kann, ist wichtig. Es gibt zu wenig Räumlichkeiten, die das anbieten. Deshalb ist ein vertrauensvolles Umfeld, in dem man offen sprechen kann, genauso wichtig. Viele haben Angst davor, eine Beratungsstelle aufzusuchen, da sie strafrechtliche Konsequenzen befürchten. Zusätzlich sind Rahmenbedingungen, die den Umgang in sozialen Medien regulieren, notwendig. „Doch solange sich nichts ändert, werden wir eine Gesellschaft haben, die sehr viele Bilder im Kopf hat, die sie nicht haben sollte, die hasserzeugend und radikalisierend wirken“, erläutert Grabovac.

 

Infobox

 Extremismus ist nicht Extremismus, es gibt unterschiedliche Formen: 

Rechtsextremismus: Das Volk als Ganzes steht im Vordergrund. Nationalität spielt dabei eine große Rolle. Andere Ethnien werden ausgeschlossen und rassistisches, fremdenfeindliches und antisemitisches Gedankengut wird verbreitet.

Linksextremismus: Ist ein Sammelbegriff für Bewegungen, die Regeln eines demokratischen Rechtsstaats ablehnen. Sie streben nach absoluter Freiheit und sozialer Gleichheit. Der Kapitalismus wird als Feind angesehen oder alles was materialistisch ist. 

Islamismus: Die politische Bewegung strebt die Errichtung einer Staats- und Gesellschaftsordnung nach den Vorschriften des Islams an. Religion ist eine bestimmende Allmacht und steht über dem Staat. Die Grundprinzipien einer Demokratie wie Menschenrechte und Individualität werden abgelehnt.

Quelle: Extremismus-Präventionsstelle Steiermark

 

Titelbild: Die Leiterin der Extremismus-Präventionsstelle, Daniela Grabovac erklärt, welche Maßnahmen es brauchte, um Extremismus entgegenzuwirken. –  Foto: Judith Hohl 

 

Ich wurde 2005 in Feldbach geboren, wo ich 2023 am BRG maturiert habe. Seit Oktober 2023 studiere ich Journalismus und PR an der FH Joanneum in Graz. Wenn ich nicht gerade auf der Suche nach einer interessanten Story für die Annenpost bin, lese ich gerne, höre Musik oder unternehme etwas mit meinen Freunden.

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