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Tattoofarben-Verbot: Kein Grund zur Panik

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Seit einem Monat sind die meisten herkömmlichen Tattoofarben in der EU verboten. Das Ende einer Kultur? Der Tätowierer Alexander Smoltschnik geht gelassen ins neue Jahr.

Ein knallroter Krake umschlingt in grünen Hochseewellen ein großes Segelschiff mit blitzblauen Fahnen. Der Himmel orange-rot, die Wolken gelb-lila. Anderthalb bis zwei Millimeter tief in die Haut gestochen, nimmt das Ereignis als detailliertes Kunstwerk Form an und schmückt verewigt als Tattoo den gesamten Oberarm eines zufriedenen Kundens. Es ist ein Werk, das noch im vergangenen Jahr vom Tätowierer Alexander Smoltschnik fertiggestellt wurde. Denn bunte Tattoos wie dieses wird es in Zukunft womöglich nicht mehr geben. Seit 4. Jänner gilt eine Änderung in der REACH-Verordnung, der EU-weiten Chemikaliengesetzgebung. Bestimmte Stoffe, sowie Farbpigmente und Konservierungsmittel, die in Tattoofarben enthalten sind, dürfen aufgrund ihres potentiellen Risikos für die menschliche Gesundheit seither nicht mehr verwendet werden. Es wurden rund 4200 Chemikalien verboten, die Krebs verursachen oder fortpflanzungsgefährdend wirken können. Für Aufregung sorgt das natürlich in der Tattoobranche, denn die Verordnung untersagt die Verwendung von so gut wie alle herkömmlichen Tattoofarben.

Aber nicht alle sehen deswegen schwarz. „Es ist ein gutes Gesetz, weil es den Kunden schützt – damit ist die Geschichte schon argumentiert.“ Seit 1997 besitzt Alexander Smoltschnik sein eigenes Tattoostudio, der Inhaber von „Pride and Glory“ in der Mariahilferstraße begrüßt die neue Verordnung sogar. Konkret geändert haben sich für ihn seit Inkrafttreten nur, dass er auf andere Tattoofarben umsteigen musste und deren Verwendung nun noch genauer dokumentiert. Wo früher auf der Farbflasche bloß Glycerin, Alkohol und Farbpigment vermerkt waren, findet man heute eine lange Liste von Inhaltsstoffen und ihrer Konzentration.

Neue Farben

Einzelne REACH-konforme Farben gibt es bereits, wenn auch noch nicht die gesamte Farbpalette. Da die Diskussion schon eine längere ist, konnte sich Smoltschnik rechtzeitig vorbereiten: Aufgereiht in seinem Tattoostudio stehen neun Farbfläschchen. „Die sind heute in der Früh angekommen“, sagt der Tätowierer. Termine für Farbtattoos hat er aber bewusst nach hinten verschoben, bis mehr Farbtöne verfügbar sind. Die Umstellung hatte auch zur Folge, dass das Jahresende kräftezehrender als sonst verlief – um große angefangene Farbprojekte, wie den Kraken und das Schiff, mit den gleichen Farben rechtzeitig fertigzustellen.

REACH-konforme Farben – Foto: Julia Rubin

Lieferschwierigkeiten und Produktionsverzögerungen bekommt Alexander Smoltschnik trotz Vorbereitung zu spüren. Die neuen Farben kosten fast das Doppelte. Den Fehler sieht der Tätowierer bei den Hersteller*innen: „Dass es jetzt zu Hindernissen gekommen ist, liegt an den Produzenten – die haben es seit Jahren gewusst und sich einfach nicht darum gekümmert.“ „Edding“ ist ein Hersteller, der den anderen voraus ist. Fünf Jahre lang habe man dort mit Erfolg an einer eigenen Tattoofarbe geforscht, die der EU-Verordnung genügt. Die Farben werden jedoch nicht auf dem Markt gehandelt – nur in einem eigens gegründeten Tattoostudio in Hamburg arbeiten derzeit drei Tätowierer mit der ganzen Farbpalette. 

Wie es weitergeht

Für das Verbot der zwei Pigmente Blue 15:3 und Green 7 wird es noch bis Anfang 2023 eine Übergangsfrist geben, das dunkle Grün und strahlende Blau sind in rund zwei Drittel aller Tattoofarben enthalten. Eine Petition gibt es bereits, mit „Save the Pigments“ fordern 53.000 Unterstützer*innen das Aussetzen des Gesetzes. Eingereicht wurde sie vom Wiener Tätowierer Erich Mähnert und Michael Dirks, der in der Herstellung und dem Vertrieb von Tätowiermitteln tätig ist. Für sie sei das Verbot eine Gefahr für Konsument*innen, da das Ausweichen auf unseriöse Hinterhof-Tätowierer*innen im EU-Ausland wenig Kontrollmöglichkeiten biete.

Smoltschnik hat die Petition nicht unterschrieben, er hält sie für „schwachsinnig“. Er ist der Meinung, „Save the Pigments” würde vor allem großen Konzernen viel Geld ersparen: „Die denken sich, vielleicht lässt sich das Gesetz aushebeln und wir können unsere Farbpigmente, die wir schon tonnenweise eingekauft haben, trotzdem weiterverarbeiten.“

Das Tattoostudio Pride and Glory in der Mariahilferstraße – Foto: Julia Rubin

Zukunftsängste hat der Tätowierer nicht, er ist davon überzeugt, dass das Tätowieren durch die neue Gesetzgebung in Zukunft besser werde. Denn Hand in Hand mit den neuen Richtlinien geht auch das Entwickeln neuer Rezepturen, das für verbesserte, beispielsweise lichtechtere, Farben sorgt. „I am Ink“, ein österreichischer Tattoofarbenhersteller, hat schon ein lichtschluckendes Schwarz und ein Weiß, das nahezu dem Idealweiß entspricht, entwickelt. Einer seiner Kunden ist Alexander Smoltschnik. Er denkt, dass sich auch kein*e Farbhersteller*in von bunten Farben den großen Markt für Tattoobedarf in Europa entgehen lassen werde. Selbst was Blue 15:3 und Green 7 angeht, ist Schmoltschnik zuversichtlich. Dass es keine passende Alternative für die Pigmente bis Jänner geben wird, hält er für ein Gerücht. 

Titelbild: Alexander Smoltschnik in seinem Tattoostudio – Foto: Julia Rubin

 

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