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Was hat Marty McFly im Annenviertel zu suchen?

in KULTUR von
Im Rahmen des steirischen herbst hat das Berliner Theaterkollektiv copy&waste unter dem Motto „Ruckzuck in die Zukunft“ einen Concept Store errichtet. Im Angebot? Cupcakes und Zeitreisen.

Nur hereinspaziert in die gute Stube – äh, den hippen Concept Store. Dort, wo normalerweise das tag.werk trendy Taschen verkauft, hat in der vergangenen Woche das Berliner Theaterkollektiv „copy&waste“ einen Concept Store hochgezogen, also einen hippen, einzigartigen Laden, mit kreuz und quer kuratierten und sorgfältig inszenierten Produkten. Concept Stores bilden eine Kombination aus Kommerz, Kunst und Kreativität, um sich von der monotonen Masse der Billigboutiquen, Mainstreammalls und Luxusläden abzuheben.

Im „Cupcakes and Time Travel“ gab es passend zum heurigen Motto des steirischen herbst “Back to the Future” – benannt nach Robert Zemeckis Zeitreisen-Trilogie, in der Marty McFly 1985 in das Jahr 2015 reist – allerhand spaciges Zeug. Weiße Nike’s, die sich leider noch nicht selbst schnüren. Regenbogenfarbverlaufende oder glitzernde Stoffbeutel und Postkarten. Marty McFlys Sport-Almanach, der im zweiten Teil von „BTTF“ in die Zeitmaschine gerät und dadurch so einiges anrichtet – zum Beispiel eine parallele Gegenwart. Mit „BTTF“-Motiven bedruckte Shirts und iPhone-Cases, Leuchtstoffröhrenreklametafeln und DeLorean-Spielzeug-Sportwägen — Zeitmaschinen? Ein Hoverboard! Und das alles zu schon sehr stolzen Preisen – so wird das in den umliegenden Stores im hippen Annenviertel ja auch gemacht. Da konnte man sich die Cupcakes um vier Euro noch am ehesten leisten.

It’s not a store. It’s a story.
Sobald es dunkel war, nahmen copy&waste die Besucher dann auf eine Zeitreise mit, eine Gedankenwanderung quer durch die Jahrhunderte, angelehnt an „Back to the Future“. Alles drehte sich um die verschiedenen Identitäten von Orten, Städten und Personen in der Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft, wie sie sich verändern und wie sie doch gleich bleiben. Alles drehte sich um den einen, zeit- und ort-losen Prozess der Gentrifizierung, der namentlich nie Erwähnung findet, im deutsch-englischen Wortteppich aber hinter jedem Buchstaben versteckt ist: Zuerst kommen die Künstler, dann die Studenten, dann kuschelige Cafés. Lange dauert es nicht, bis lässige Läden (Concept Stores?) und die kaufkräftige Elite ihren Weg in das nun angesagte Viertel finden und die Preise in einer Geschwindigkeit in die Höhe schnellen lässt, die Marty McFly bei seinen Zeitreisen nie erreicht hat.

"Bist du in der Vergangenheit du selbst, oder deine eigene Mutter?"
„Bist du in der Vergangenheit du selbst, oder deine eigene Mutter?“

Lisa: „Erst kommen die Künstler, dann die Studenten.“
Steffen: „Die Künstler sind schuld. Die Altbauten sind schuld. The artists in the altbaus, the altbaus in the artists.“
Daniel: „The artists are the best means we have of developing this city. They’re the best, just not the best paid. Hey, come on.“

Kurzsequenzen aus „BTTF“ wiederholen sich auf windschief ins Schaufenster geketteten Bildschirmen, die Zuschauer wechseln Platz und Raum, Live-Videos der gerade dargebotenen Szenen landen als Projektionen auf Wänden oder Tisch. Durch den dauernden Perspektivenwechsel vergisst man leicht, in welcher Zeit man sich gerade befindet: Gegenwart, Vergangenheit, parallele Gegenwart oder Zukunft? Nach der Multimediadröhnung bleibt auf jeden Fall ein brummender Kopf voll mit Fragen: Wo und wie macht sich Gentrifizierung bemerkbar? Wo und wie macht sich Gentrifizierung im Annenviertel bemerkbar? Ist dieser Prozess umkehrbar? Wie soll eine Stadt überhaupt aussehen? In welcher Stadt möchten wir wohnen?

„Es kommt auf die Atmosphäre an“
„Eine Stadt, in der von Universitätsprofessor, über Arbeitslose und arbeitslose Akademiker, bis hin zur Reinigungskraft alle nebeneinander leben“, wünscht sich Jörg Albrecht, Herz und Hirn von copy&waste, nach der Vorstellung im Gespräch. „Der Renditenwahnsinn soll aufhören und kooperative Ökonomien und Genossenschaften sollen wieder trendy werden. Viertel können noch lokaler funktionieren! In den Niederlanden gibt es zum Beispiel Supermärkte, da wird auf dem Dach Obst und Gemüse angebaut, runtergebracht und verkauft. Dadurch könnte und sollte auch das Kommunale wieder viel mehr in den Mittelpunkt rücken.“

Jörg Albrecht, Autor der Ruckzuck-Reise.
Jörg Albrecht, Autor der Ruckzuck-Reise.

Das Annenviertel ist gesellschaftlich bunt durchgemischt. Künstler, Ateliers und Galerien gibt es hier schon länger, und auch abgesehen von „Cupcakes and Time Travel“ haben sich hier einige Concept Stores etabliert. Heute, am 21. Oktober 2015, landet Marty McFly mit DocBrown und seinem Zeitmaschinenauto in Hill Valley. Vielleicht nimmt er uns kurz mit in die Zukunft… Wie sieht das Annenviertel wohl in dreißig Jahren aus?
[box] TIPP: Aus aktuellem Anlass gibt es heute ein „Zurück in die Zukunft“-Triple-Feature im UCI Annenhof Kino!
21.10.2015, ab 17:30 [/box]

 

Ist permanent auf der Suche nach einem wilden Abenteuer und immer unterwegs - und zwar dort, wo die Post abgeht. Das Wort "Ruhe" kennt sie praktisch nicht. Steht auf Alliterationen und Äpfel.

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