Das Team hinter Catcalls of Graz. Von links sieht man Anna Majcan, Sarah Kampitsch und Stefanie Rauch
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„Oida, geilen Arsch hast du!“

in Allgemein/POLITIK & WIRTSCHAFT/SOZIALES von

Sexuelle Belästigung sichtbar machen: Das ist das Ziel der Initiative Catcalls of Graz. Das Team rund um Sarah Kampitsch prangert unangebrachte Bemerkungen an – auch im Annenviertel.

Catcalls sind unangemessene, sexuell aufgeladene Kommentare von Männern gegenüber Frauen und verbale sexuelle Belästigung. Dagegen wollte Sarah Kampitsch etwas unternehmen und rief 2019 Catcalls of Graz ins Leben. Das Konzept stammt aus New York City und ist simpel: Fälle sexueller Belästigung kann man der Initiative anonym auf Instagram (@catcallsofgraz) melden. Diese werden dann mit Kreide an genau der Stelle auf den Boden geschrieben, an der sie geschehen sind. Damit sollen aber nicht nur PassantInnen zum Nachdenken angeregt werden – Fotos der aufgeschriebenen Catcalls erreichen auch bereits über 2.000 Follower auf Instagram. „Es ist notwendig, dass man überall darüber spricht“, meint Kampitsch.

Keine Einzelfälle

74,2 Prozent aller Frauen in Österreich wurden schon einmal sexuell belästigt. 98,9 Prozent davon erleben die Belästigung entweder ausschließlich oder vorwiegend von männlicher Seite. Mehr als die Hälfte der Vorfälle ereignet sich an öffentlichen Orten. Das geht aus einer Studie des Österreichischen Institutes für Familienforschung hervor. „Wir wachsen halt damit auf, dass Frauen bewertet werden“, sagt Kampitsch, die selbst bereits im Alter von vier Jahren mit der Aufforderung „Puppe, komm her“ konfrontiert wurde.

Hinter diesen Zahlen verbergen sich auch im Annenviertel viele Zwischenfälle. „Du bist eh sicherlich a Hur“ bekam eine Frau am Hauptbahnhof an den Kopf geworfen. Ebenfalls dort wurde eine 15-Jährige als „geile Stute“ bezeichnet und einer Radfahrerin wurde in der Lissagasse mitgeteilt, dass sie einen „geilen Arsch“ hätte.

Eine Besserung der Situation ist laut einer Statistik des Vereins Frauenberatung Notruf bei sexueller Gewalt nicht absehbar: Während im Jahr 2006 noch 1038 Anzeigen wegen sexueller Belästigung und öffentlichen geschlechtlichen Handlungen erstattet wurden, waren es 2018 schon 1756. Die Verurteilungsquote liegt in dem Zeitraum zwischen 4,7 und 10 Prozent. Äußerungen wie “Oida, geilen Arsch hast du!” im Stadtpark werden Frauen also wahrscheinlich noch einige Zeit an den Kopf geworfen werden.

Wo ist die rote Linie?

„Die Meisten glauben, sie machen ein Kompliment“, erklärt Kampitsch. Aber wo zieht man die Grenze zwischen Komplimenten und Belästigung? Das kommt für Kampitsch sowohl auf die Situation als auch auf die Intention an. Sie hat aber eine Faustregel: „Könnte ich das meiner Mama auch sagen? Würde sie sich wohl damit fühlen? Alles, was Frauen oder generell eine andere Person objektiviert oder sexualisiert, ist ein No-Go.“

Frau hockt am Boden und schreibt mit Kreide etwas auf den Platz.
Mit Kreide gegen sexuelle Belästigung – Hier beim Event #chalkback am Hauptplatz. Foto: Barbara Majcan Photography

Am 9. Oktober waren mehr als 80 Überschreitungen der roten Linie im Rahmen des Events #chalkback am Hauptplatz zu lesen. Alle konnten sich ein Stück Kreide nehmen und die eigenen Erlebnisse aufschreiben. So wurde direkt vor dem Rathaus öffentlichkeitswirksam auf das Ausmaß sexueller Belästigung in Graz aufmerksam gemacht. Das von der Bundesregierung geplante Upskirting-Verbot begrüßt Kampitsch. Sie meint aber: „Es muss noch viel mehr passieren“ und verweist auf eine deutsche Petition, die Geldstrafen für Catcalling fordert. Die Gründerin betont, dass Catcalls of Graz keine Nähe zu politischen Parteien hat. Die Initiative sei zwar politisch, aber nicht parteiisch. 

Auf Anfrage der Annenpost äußern sich VertreterInnen der Stadtregierung und Opposition positiv über die Initiative. Alle Oppositionsparteien legen Pläne gegen sexuelle Belästigung vor, die Regierung verweist auf Sicherheitsmaßnahmen im Regierungsprogramm. So fordern die NEOS, verbale sexuelle Diskriminierungen wie in Frankreich zu verbieten. Die Grünen verweisen auf die 2019 gestartete Präventionskampagne Luisa ist da, die KPÖ fordert eine unabhängige Frauenbeauftragte. Die FPÖ verweist auf Sicherheitsinitiativen im Regierungsprogramm wie das Grazer Heimwegtelefon. Von Seiten der ÖVP und SPÖ kam auf die Anfrage keine zeitnahe Antwort. Nachtrag [26.11.]: Die SPÖ plant einen Antrag auf mehr Geld für den Gewaltschutz von Frauen.

Catcalls of Graz will sexuelle Belästigung genau dort zum Diskussionsthema machen, wo sie mehrheitlich geschieht: in der Öffentlichkeit. Mehr als 140 unangebrachte Bemerkungen wurden schon mit Kreide auf die Straßen von Graz geschrieben. Damit wurden schon über 140 Frauen die Möglichkeit gegeben, Catcalls anonym zu kontern.

Titelbild: Die Menschen hinter Catcalls of Graz. Von links: Anna Majcan, Sarah Kampitsch und Stefanie Rauch. Foto: Barbara Majcan Photography

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