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Eine Community zeigt ihr Gesicht

in VIERTEL(ER)LEBEN von

 

Das erste rumänische Open Air Fest in Österreich ging am Samstag im Augarten über die Bühne. Beinahe 85.000 Menschen mit rumänischer Herkunft leben in Österreich, über 6.800 davon mit rumänischer Staatsangehörigkeit in Graz. So lebt, arbeitet und feiert die zweitgrößte Community der Stadt.

 

AlexandraUngureanu
Die rumänische Sängerin Alexandra Ungureanu mit ihrem jüngsten Fan.

 

Die weiten Röcke der weißen, mit bunten Mustern bestickten Kleider, schwingen zu Balkan-Musik, die aus dem Pavillon dröhnt. Aufgeweckte Kinder wirbeln ihre grellen Heliumballone durch den Wind, der über Rauchschwaden den Duft von brutzelnden Fleischspießen am Grill in die Nase steigen lässt. Geblümte Kopftücher vor rot-gelb-blauen Flaggen schaffen eine bunte Kulisse für einen kleinen Jungen, der Hand-in-Hand mit seinem Opa zu rumänischem Rock’n’Roll auf und nieder hüpft.

 

Ionel Mircea Popi und seine Tochter Cristina senden auf Radio Helsinki.
Ionel Mircea Popi und seine Tochter Cristina senden auf Radio Helsinki.

 

Vom Feiern und Flüchten

„Rumänen nehmen alles ein bisschen lockerer und haben ein anderes Verständnis vom Feiern als Österreicher. Auch Männer tanzen von klein auf. Sie trinken nicht ein Bier nach dem anderen runter“, so beschreibt Cristina Popi, die Moderatorin des Festes, kulturelle Unterschiede. Cristina leitet den Verein „Dor Cӑlӑtor“, der einmal wöchentlich zum Volkstanz in die Plabutscherstraße lädt. Der Name „Popi“ ist aber nicht nur deshalb ein Begriff innerhalb der rumänischen Community. Ionel Mircea Popi und seine Tochter Cristina haben jeweils eine rumänische Sendung auf Radio Helsinki. „Romania astazi – Rumänien heute“ und „Alo Cristina“ gelten als wöchentliche Pflichttermine für viele RumänInnen. Familie Popi ist seit den 90er-Jahren in Österreich. Damals flüchteten Cristinas Eltern mit ihr vor dem alten Regime unter Nicolae Ceaușescu. „Heute verlassen Rumänen ihre Heimat allerdings aus wirtschaftlichen Gründen. Es kommen andere Flüchtlinge nach Österreich, denen es so geht wie uns in den 90ern“, erklärt die gebürtige Rumänin mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Auf die Frage, wie es Menschen aus Rumänien auf Arbeitssuche in Österreich gehe, weiß Cristina auch eine Antwort: „Die ‚Konkurrenz‘ von politischen Flüchtlingen bekommen Rumänen zu spüren. Diese arbeiten zu Dumping-Preisen wie Rumänen in den 90ern: Entweder du verhungerst oder du akzeptierst es.“

 

Adelin Cosmeiu leitet seit einem Jahr den rumänischen Lebensmittelladen in der Elisabethinergasse.
Adelin Cosmeiu leitet seit einem Jahr den rumänischen Lebensmittelladen in der Elisabethinergasse.

 

Zwischen Tradition und Arbeitssuche

Bei Adelin Cosmeiu verhungert niemand. Der gebürtige Rumäne leitet seit einem Jahr den rumänischen Lebensmittelladen in der Elisabethinergasse. „Meine Familie hat drei Geschäfte in Österreich eröffnet, weil es bis zu diesem Zeitpunkt keine rumänischen Läden in Österreich gegeben hat“, erklärt Adelin. Das änderte sich jedoch im Jahr 2014. Da wurde der eingeschränkte Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt für RumänInnen und BulgarInnen aufgehoben. Davor war eine Arbeitsbewilligung Voraussetzung für eine Beschäftigung. Seitdem führt die Arbeitssuche viele Menschen aus Rumänien nach Österreich. Gleichzeitig wird die rumänische Community mit den Bars in der Griesgasse und am Grieskai immer präsenter im Annenviertel. „Durch den Beitritt in die EU sind die Lebenserhaltungskosten in Rumänien gleich hoch wie hier, aber man verdient viel weniger“, weiß die Physiotherapeutin Anca Maria Oltean, die seit einem Jahr in Graz lebt. Von ihr kam die Idee für das rumänische Festival. Sie wolle auf die schönen Seiten der rumänischen Kultur hinweisen und zeigen, dass RumänInnen sehr offen sind. „Jede Region hat ihr ‚Costum Popular‘, das ist wie das Dirndl in Österreich“, lacht Anca Maria und  präsentiert ihre Tracht.

 

Anca Maria Oltean ließ ihr 'Costum Popular' in Rumänien anfertigen.
Die Physiotherapeutin Anca Maria Oltean ließ sich ein „rumänisches Dirndl“, das ‚Costum Popular,‘ anfertigen.

 

„Gesicht“ zeigen

Wie Anca tragen viele Frauen auf dem Fest ihr Costum Popular, so auch Angela Peschir. Gemeinsam mit ihrem Mann Petre Peschir führt sie den Verein „Asociatia Aripile Sperantei“ zur Unterstützung von RumänInnen in Graz und hat das Fest organisiert. Die Peschirs wollen damit „das Gesicht“ der RumänInnen zeigen. Die seien nämlich nicht so, wie sie in den Medien dargestellt werden. „Rumänen sind sehr fleißig. Freunde von mir in Österreich sind ausgebildete Ärzte, Physiotherapeuten und Professoren.“ Doch einigen nütze ihre Ausbildung aufgrund mangelnder Angebote oder fehlender Sprachkenntnisse wenig bei der Suche nach einem Job. „Viele Rumäninnen versuchen es hier als Pflegerinnen. Die Männer auf Baustellen oder als Reinigungskräfte.“

Flügel der Hoffnung

Die prekäre Situation am österreichischen Arbeitsmarkt spürt Petre Peschir am eigenen Leib. Der gebürtige Rumäne lebt seit 1989 in Österreich, auch er ist einst vor dem Regime geflüchtet. Seit 2002 wohnt Petre in Graz. Der 56-jährige Schweißer muss seit einem Jahr „stempeln“ gehen, denn in seinem Alter sei es schwer wieder einen Job zu finden, so Petre geknickt. Vor der Arbeitslosigkeit habe er „alles Mögliche“ gemacht, so war der gelernte Schweißer in der Security und im Zaun-Bau tätig. „Wir sind einfache Menschen“, räumt seine Frau Angela Peschir ein. Angela bleibt bei ihren Kindern zuhause. Als Hobby hat es begonnen, dass sie über Online-Plattformen wie Facebook und ihren Blog, Informationen über soziale Leistungen, auf die RumänInnen hier Anspruch haben, veröffentlichte. Selten höre man von ihr ein „Ich weiß nicht.“ Im Jahr 2014 wurde aus ihrem Hobby der Verein „Asociatia Aripile Sperantei“, was übersetzt so viel wie „Flügeln der Hoffnung“ bedeutet. Das Logo ist ein Schmetterling, der, mit einem linken Flügel als österreichische und einem rechten Flügel als rumänischer Flagge, die Flyer der Organisation ziert. „Auch ein Mensch, der glaubt er sei ein Wurm, kann zum Schmetterling werden und dabei wollen wir helfen“, erklärt Petre die Idee dahinter. Der Verein basiert auf freiwilliger Mitarbeit. Die Kosten werden zu einem Großteil von der Familie selbst getragen und über einen minimalen Mitgliedsbeitrag abgedeckt.

 

Das rumänische Ehepaar Angela und Petr Peschir leiten den Verein zur Unterstützung von RumännInnen in Graz.
Das rumänische Ehepaar Angela und Petre Peschir leiten den Verein zur Unterstützung von RumännInnen in Graz.

 

Ein Netzwerk ist viel wert

Petre und Angela wollen RumänInnen in Graz vernetzen und besser integrieren. Dieser Wunsch brachte das Ehepaar auf die Idee, Deutschkurse zu organisieren. Sie versuchten über das AMS (Arbeitsmarktservice, Anm.) einen eigenen Raum zu bekommen, weil dort keine Sprachkurse mehr angeboten werden. „Überall gab es leere Versprechungen und wir wurden ständig weitergeleitet. Bis jetzt haben wir keine richtige Unterstützung bekommen“, meinen die beiden Ehrenamtlichen und Angela zeigt ihr Unverständnis: „Es gibt so viele leere Räume, warum keinen für eine so gute Sache wie Integration?“ Über ihr Netzwerk, das sich das rumänische Ehepaar aufgebaut hat, kennen sie einige DeutschlehrerInnen, die aus Rumänien stammen. Die geben Sprachkurse, die anfänglich gratis waren. Weil sich die beiden die Miete der Räume aber nicht mehr leisten können, müssen die Kurse gegen einen Minimalbeitrag belegt werden. „Ich habe auch einen Brief an das Innenministerium geschrieben und um Unterstützung gebeten, wir bekamen zwar einen sehr schönen Brief zurück, aber das war’s.“

Eigenermächtigung  und Fleischspieße

„Zeit um zu helfen hat man nicht, die muss man sich nehmen.“ Petre bietet über den Verein Hilfestellung beim Ausfüllen von diversen Formularen an. Freunden von uns wurde erzählt, dass sie einen Steuerberater brauchen, um einen Steuerausgleich zu machen.“ Um der Unwissenheit keine Chance zu lassen, so Petre, besucht er Finanzberatungen und gibt erworbenes Wissen kostenlos weiter. Auch das rumänische Fest konnte ohne Eintritt besucht werden. „Alle, die zum Fest kamen, kamen um uns zu unterstützen“, so Angela. Feiern, das kann die rumänische Community, darüber sind sich alle einig. Auch Adelin Cosmeiu, der Geschäftsführer des rumänischen Lebensmittelladens im Annenviertel: „Das Beste an der rumänischen Kultur ist Party und ‚Mici‘, das sind Ćevapčići und die kommen eigentlich aus Rumänien.“

[icon icon=“volume-up“] Musikalische Kostprobe vom Fest

Sara Noémie Plassnig

 

Rasende Reporterin. Konsequent kritisch. Liest. Schreibt. Koffein in den Adern. Buchstabensalat im Kopf. @saplanot

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