Dietmar Ogris, zusammen mit seinem Hund Bär, im Büro von "Selbstbestimmt Leben".

Gekürzte Lebensqualität statt Inklusion

Lesezeit: 4 Minuten

Während die Stadt in den Wochen der Inklusion die Barrierefreiheit feiert, kämpfen Menschen im Annenviertel mit drastischen Budgeteinsparungen und bürokratischen Mauern. Die Kürzungen greifen direkt in die Lebensrealität von Menschen mit Behinderung ein und bedeuten einen Schritt weg von einer inklusiven Gesellschaft.

Autorin: Elena Pausch

Vom 8. Juni bis zum 3. Juli sind die alljährlichen Wochen der Inklusion in Graz. Zahlreiche Veranstaltungen, die im Zeichen einer barrierefreien Stadt stehen, finden dort statt. Zur selben Zeit erlebt das Budget für Menschen mit Behinderung im Sozialressort Einsparungen von rund 51 %. Diese betreffen Vereine wie „Selbstbestimmt Leben“ direkt und damit auch den Alltag von Menschen, die aufgrund einer Behinderung auf Unterstützung angewiesen sind.  

Nichts über uns ohne uns

„Nichts über uns ohne uns.“  Das ist der Leitspruch der internationalen Behindertenbewegung.  „Es bräuchte eine Kammer für Inklusion, Selbstbestimmung und Selbstvertretung, damit Menschen mit Behinderung partizipativ eingebunden werden“, meint Dietmar Ogris. Er ist Obmann beim Verein Selbstbestimmt Leben, der die Interessen von Menschen mit Behinderung gegenüber der Politik und Öffentlichkeit vertritt. Im Annenviertel gibt es derzeit auch ähnliche Vereine, wie „Leben ist Abenteuer” oder „Verein Wegweiser”, aber es fehlt an Kooperation zwischen ihnen. Dietmar sieht dabei die Kritik weniger beim Verein selbst als bei den stark begrenzten Fördergeldern und dem daraus entstehenden „Förder-Wettbewerb“. Auch die derzeit sinkende Spendenbereitschaft verstärkt diesen Wettbewerb. Laut dem Spendenbericht des Österreichischen Behindertenrats ist das Spendenvolumen, unter Berücksichtigung der Inflation, gesunken. Auch bei Selbstbestimmt Leben gab es einen Spendenrückgang von etwa 31 %. 

Durchhalten trotz Hoffnungslosigkeit

Dietmar Ogris ist im Laufe seines Lebens erblindet, hat somit andere Anforderungen für ein selbst bestimmtes Leben im Annenviertel als sehende Menschen. Dennoch nimmt er das Annenviertel als sehr barrierefrei wahr. Anliegen von Menschen mit Behinderung werden laut ihm sehr ernst genommen und nach Möglichkeit umgesetzt. Außerdem erlebt er auch im Alltag Zivilcourage seitens der Annenviertler:innen und eine Gesellschaft, die nicht wegschaut, wenn jemand mehr Hilfe benötigt. „Ich hatte in meinem Leben sehr oft das Glück, sehenden Menschen begegnet zu sein, die nicht meine Defizite, sondern meine Stärken und Fähigkeiten gesehen haben.“ Denn Barrieren entstehen häufig nicht allein durch körperliche oder geistige Beeinträchtigungen sondern durch gesellschaftliche Strukturen. Ein Mensch mit Behinderung wird durch das derzeitige soziale System zusätzlich behindert. Dennoch vertraut Dietmar darauf, dass es in die richtige Richtung geht, wenn auch schleppend. „Du musst manchmal durch den Nebel gehen, ohne dass du weißt, wo der nächste Schritt hingeht.“

Christa Krebs sitzt in ihrer Küche und lächelt in die Kamera.
Selbstbestimmt Leben unterstützt unter anderem Christa Krebs – Foto: Elena Pausch

Alltag mit CMT im Annenviertel

Betritt man die Wohnung von Christa Krebs, wirkt sie unauffällig. Große Räume, dekoriert mit zahlreichen Fotos von Personen und Katzen, sowie zwei von den Vierbeinern selbst. Alles ganz gewöhnlich. Bis man auf die beiden elektrischen Rollstühle stößt. Denn die Bewohnerin hat die Krankheit CMT – Charcot-Marie-Tooth-Syndrom. Eine Erbkrankheit, die Nerven und bestimmte Rückenmarksabschnitte befällt. Über 3600 Menschen in Österreich sind von CMT betroffen, dennoch gilt sie als seltene Erbkrankheit. Deshalb wurde sie bislang nur wenig erforscht. Derzeit gibt es kein Medikament gegen die Krankheit. Die Krankheit ist bei Christa bereits als Kind ausgebrochen. Anfangs nur leicht in den Beinen. Später konnte sie noch ihrer Arbeit als Sekretärin nachgehen, bis sich die Krankheit stark verschlimmerte und sie in Frühpension musste. Heute ist sie Ende 60 und braucht, um mobil zu bleiben, einen elektrischen Rollstuhl und zwei Betreuerinnen. Ihre extrovertierte Art und Schlagfertigkeit sind ihr aber geblieben. Genau davon muss Christa oft Gebrauch machen, um einen halbwegs normalen Alltag erleben zu können. Selbst beim Arzt, der ein medizinisches Gutachten erstellen sollte, um die Höhe des Pflegegeldes zu bestimmen. Christa erzählt, der Arzt habe nur die aufgeräumte Wohnung und ihren gesunden geistigen Zustand gesehen. Daraufhin hat er keinen unbedingten Bedarf für beispielsweise einen elektrischen Rollstuhl gesehen. Erst als sie selbst aktiv wurde, fand sie eine geeignete Gutachterin. 

Die zwei Rollstühle von Christa Krebs, links der, für sie deutlich praktischere, elektrische Rollstuhl.
Der elektrische Rollstuhl bedeutet für Christa Mobilität und mehr Selbstbestimmung – Foto: Elena Pausch

„Angriff ist die beste Verteidigung, ne?“

Der elektrische Rollstuhl bedeutet für Christa einen großen Schritt in Richtung selbst bestimmtes Leben, dennoch brauchte es über ein halbes Jahr und reichlich Eigeninitiative um diesen zu bekommen. Das mittlerweile schwere Ausmaß ihrer Krankheit macht es unmöglich für Christa, mithilfe öffentlicher Verkehrsmittel mobil zu bleiben. Seitdem sich ihr Lebensgefährte Werner in einem Pflegeheim in Premstätten befindet, bezieht Christa einen Taxikostenzuschuss, eine freiwillige Leistung der Stadt Graz. Derzeit beträgt dieser monatlich 72 Euro. Allein eine Hin- und Rückfahrt in das Pflegeheim ihres Lebensgefährten kostet rund 80 Euro. Für weitere Fahrten werden Christa im Juni nur noch zehn Euro übrig bleiben. Ihr kommen die Tränen bei dem Gedanken, ihren Werner für einen Monat nicht sehen zu können. Für den Großteil der Gesellschaft ist Mobilität etwas so Alltägliches, dass viele sich keine Gedanken darüber machen müssen. Aber Menschen wie Christa sind auf Unterstützung angewiesen. Für sie ist diese Voraussetzung, um an der Gesellschaft teilnehmen zu können. „Der Staat müsste daran gemessen werden, was er für die Leute, die behindert sind, tut.“

 

Titelbild: Dietmar Ogris mit seinem treuen Gefährten Bär“ – Foto Elena Pausch

 

Infobox:

Verein Selbstbestimmt Leben Tel.: +43 316 902090, E-Mail: office@sl-stmk.at Website: https://www.sl-stmk.at/

CMT-Verband Österreich http://www.cmt-austria.at/cms/index.php/verein 

Beauftragter für Menschen mit Behinderung Graz: Mag. Wolfgang Palle Tel.: +43 650 6692 650, E-Mail: behindertenbeauftragter.graz@gmx.at, Website: https://www.graz.at/cms/beitrag/10158949/7761923/Beauftragter_fuer_Menschen_mit_Behinderung.html

Pro Rare Austria: Die offizielle Anlaufstelle für seltene Krankheiten in Österreich. Spenden gehen direkt in die Forschung. https://www.prorare-austria.org

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