Das Klima ändert sich – wieso also wir nicht? Die Kampagne der Grazer Mitte möchte zeigen, dass Mobilität auch anders aussehen kann: weniger Verkehr und mehr Lebensqualität.
Das Graz der Zukunft soll autofreier werden. Weniger Verkehr in der Innenstadt, dafür mehr Grünflächen, besserer öffentlicher Verkehr und sauberer Luft — so sieht es der Mobilitätsplan 2040 vor. Vor rund einem Monat veröffentlichte die Grazer Mitte ihr Konzept für eine verkehrsberuhigte Stadt. Wir haben uns mit den drei Mitgliedern Robbin Steentjes, Sara Bafaro und Elisabeth Mitterfellner zu einem Spaziergang durch die Stadt getroffen und über ihre Vision gesprochen.
Es ist Mittwoch Nachmittag und wir stehen gemeinsam vor dem Kunsthaus. Hier kommt alles zusammen: von Radfahrern über Fußgänger, bis zu Straßenbahnen und vielen Autos – knapp 10.000 pro Tag sollen es sein. Der perfekte Startpunkt für ein Interview mit drei Mitgliedern der Grazer Mitte. Umgeben von Hektik und Lärm stellen Robbin Steentjes, Sara Bafaro und Elisabeth Mitterfellner uns ihre Kampagne vor.
Klimaverbesserung in der Innenstadt
Vier Sektoren umschließen eine ausgedehnte Fußgängerzone. Während die Einfahrt in die einzelnen Sektoren nach wie vor erlaubt ist, führt der Weg von einem in den anderen Sektor für den motorisierten Individualverkehr, also zum Beispiel Autos oder Motorräder, über den Gürtel. Für alle anderen Verkehrsteilnehmer sowie Fußgänger ist der Übertritt teilweise oder gänzlich gestattet. Für Ordnung sorgen sogenannte Modalfilter – einfach erklärt: “Einfahrt verboten” mit bestimmten Ausnahmen. Im Zuge dessen betonte Sara Bafaro: “Wir möchten niemandem etwas wegnehmen”.
In einer beligischen Stadt namens Gent, einer in Größe und Fläche vergleichbaren Stadt zu Graz, wurde bereits ein ähnliches System 20127 eingeführt. Durch eine verkehrsberuhigte Innenstadt konnte die Emissionsbelastung reduziert und mehr Platz für Radfahrer, Fußgänger sowie den öffentlichen Verkehr geschaffen werden. In Graz soll zusätzlich ein Parkleitsystem Autofahrer:innen direkt zur nächsten freien Parkmöglichkeit führen. Durch diese Schritte würde die Erreichbarkeit im innerstädtischen Bereich steigen und die Schadstoffbelastung sinken.

Kundenströme und Verkehrsfluss
Wir kommen zum südlichen Ende des Lendplatztes. Der Verkehr verstummte innerhalb weniger Gehminuten. Die Gespräche und Gelächter aus den uns umgebenden Gastgärten bilden nun die Hintergrund-Akustik unseres Interviews. Nicht weit von hier befindet sich die Keplerbrücke, der tägliche Schulweg vieler Schüler:innen der BRG Kepler. Am 10.04. wurde die Brücke kurzfristig zum ersten realen Schauplatz der Vision der Grazer Mitte. Während der öffentliche Verkehr und Einsatzfahrzeuge weiterhin passieren konnten, wurden Autofahrer:innen umgeleitet. So war genug Raum für zwei getrennte Radspuren auf der Straße, anstatt einer Radspur am Gehsteig.
Kritik an der Aktion kam vor allem von Geschäftstreibenden, die sich allen voran um vermeintlich ausbleibende Kundschaft sorgten. „Der Durchzugsverkehr bleibt nicht stehen”, sagt Sara Bafaro. „Kundschaften, die zu Fuß unterwegs sind, geben im Schnitt mehr aus“, fügte sie hinzu und verwies auf das Vorbild Gent. Über die letzten zehn Jahre verzeichnete man dort ein Umsatzplus von 11 %.
Laut Berechnungen der Grazer Mitte soll das Verkehrsaufkommen am Gürtel um 10 % im Normalbetrieb steigen. Bei Verkehrsumleitungen durch die Stadt – wie es zum Beispiel bei einer Sperre des Plabutschtunnels der Fall ist – muss man erst Lösungen finden. Für die engeren Abschnitte, wie zum Beispiel entlang des Jakominiplatzes und an Stellen, an denen Straßenbahnen und Individualverkehr aufeinandertreffen, gilt dasselbe. Ein Beispiel für Letzteres wäre der Schönau-/Karlauergürtel.

Eine Kampagne für die Zukunft?
Die Keplerbrücke bildet den Endpunkt unseres Spaziergangs und zugleich den harten Kontrast zu den ruhigen Gastgärten. Wie vorhin bereits beschrieben, wurde sie Mitte April bereits für einige Stunden zu einer Umweltachse umfunktioniert. Die größte Herausforderung für eine mögliche Umsetzung dürfte jedoch die Politik der Steiermark darstellen. Die Straßen, die den Gürtel bilden sollen, fallen in die Zuständigkeit des Landes Steiermark. In einer Umfrage zur Landtagswahl 2024 befürworteten lediglich die Grünen diese Umstrukturierung, während FPÖ, ÖVP und SPÖ sie ablehnten.
Fakt ist: Der 2025 veröffentlichte Mobilitätsplan Graz 2040 formuliert klare Ziele für nachhaltigere Mobilität. Unter Abstimmung mit anderen Zielen soll in knapp 15 Jahren der Individualverkehr drastisch reduziert und Mobilität in der Stadt nachhaltiger gestaltet werden. Die Grazer Mitte verfolge nicht die Intention, konkrete Antworten auf Probleme und Herausforderungen zu liefern, die mit einer Umstellung einhergehen. Sie selbst beschreiben die Kampagne als eine Vision, also ein inspirierendes Zukunftsbild, wie Graz sich entwickeln könnte. Ins Gespräch zu kommen, sei das Ziel, so Elisabeth Mitterfellner.
Titelbild: Team der Grazer Mitte an der Kunsthaus-Kreuzung – Foto: Philipp Sekkas
