Wer heute durch die Belgiergasse spaziert, bemerkt einen Wandel im Vergleich zu letztem Jahr: Die Gehsteige wurden breiter gemacht, die Neutorlinie in Betrieb gesetzt und nun auch die Begrünung durch 25 Pflanzentröge fertiggestellt. Doch wie blicken eigentlich Anrainer:innen und Geschäftstreibende auf die Veränderungen?
Autorin: Franziska Küer
„Sei dabei – deine Pflege lässt mich blühen“, liest man auf den Schildern in der Erde der Tröge. Im Dezember 2025 beschließt die Stadtregierung: Ab Frühjahr 2026 sollen Stauden und Sträucher für Abkühlung auf dem Gehsteig der Belgiergasse sorgen. Für Vizebürgermeisterin Judith Schwentner (Grüne) sei das ein essenzieller Schritt für mehr Lebensqualität.
Natur im Trog
„Die Belgiergasse war keine einfache Gasse“, sagt Judith Schwentner im Telefongespräch. Jahrelang war die Begrünung ein wortwörtlich heißes Diskussionsthema. Raum für große Bäume gibt es nicht – unterirdische Leitungen, die Straßenbahn und ein zu enger Straßenbau verhindern das. Doch die Pflanzentröge zwischen dem „Bad zur Sonne” und der Griesgasse bieten nun einen Kompromiss. „Die Anrainer:innen und Geschäftsleute haben eine Begrünung immer wieder eingefordert. Wir sind drangeblieben und haben mit den Trögen eine tragbare Lösung gefunden”, so Schwentner.
Katharina Rinner, Eigentümerin der „Stoffwerkstatt“, war eine der ersten Anrainerinnen, die sich für die Begrünung eingesetzt haben: „Ich habe regelmäßig E-Mails an die Stadtregierung geschrieben.“ Zunächst gab es keine Antwort. Doch einige Monate später folgten Maßnahmen: „Auf einmal waren Leute da, die den Bereich abgemessen haben“, erzählt sie.
Die Tröge bieten einerseits mehr Schatten, andererseits kühlt das gespeicherte Regenwasser den gesamten Bereich zusätzlich. Für Schwentner ist klar: „In Zukunft brauchen wir überall, wo es möglich ist, mehr Schatten. Die Stadt wird sich immer mehr aufheizen.“ Die Klimaanalysekarte des Klimainformationssystems (KIS) zeigt deutlich die Hitzestellen auf. Hier möchte die Vizebürgermeisterin ansetzen: „Wir sehen, wo sich die Stadt besonders erhitzt und wir mit Maßnahmen entgegentreten müssen. Das ist eine Riesenaufgabe und wir sind erst am Beginn. Es gibt noch viel zu tun.”
Begrünungen – eine Gefahr für die Wirtschaft?
Doch wie werden Begrünungsprojekte dieser Art in Zukunft umgesetzt? Die WKO sieht das Thema etwas kritischer: Wo es Begrünungen gibt, werden oftmals die Parkplätze vernachlässigt. Die Unternehmer seien stark auf Kundschaft aus der gesamten Steiermark angewiesen, erklärt Viktor Larissegger von der Wirtschaftskammer Steiermark. Viele Menschen verwenden daher das Auto. „Man sollte nicht alle Parkplätze wegen Begrünung in der Innenstadt opfern“, sagt Larissegger im Telefongespräch.
Daten der Grünen zeigen, dass in den letzten Jahren wegen Bäumen und Sitzgelegenheiten lediglich 5 % der Parkplätze weggefallen wären. Zwischen 2021 und 2025 sind das ein Minus von 1.399 Parkplätzen. Auch die Besucherzahlen der Innenstadt sind nicht wesentlich zurückgegangen. Seit drei Jahren hält sie sich in der Innenstadt stabil bei rund 18 Millionen Besucher:innen. „In der Herrengasse gehen die Frequenzen zurück – jedoch verlagern sich diese Zahlen auf andere Straßen. Die Mariahilfer Straße beispielsweise hat an Attraktivität gewonnen”, sagt Schwentner. Laut ihr sei das Hauptproblem des zurückgehenden Handels nicht das Fehlen der Parkplätze, sondern vor allem der Online-Handel.
Beim Thema Pflanzentröge in der Belgiergasse sind sich WKO und Grüne jedoch einig. Larissegger betont: „Es ist immer ein Abwägen. In der Belgiergasse gab es keine Parkplätze, die weggefallen sind, und die Begrünung ist schön.“ Die WKO findet diese Entscheidung positiv.

Neues Potenzial und alte Schwachstellen
„Die Belgiergasse war bis 2022 ein totes Eck. Es gab keine Entwicklung, nur ein bis zwei Geschäfte konnten sich halten“, sagt Adrian Mair. Er arbeitet hier als Tätowierer im „Three Nails Tattoo“. Seit 2011 führt er gemeinsam mit zwei Kollegen das Tattoostudio. In den letzten Jahren habe sich viel getan. „Jetzt zieht es viel mehr Menschen hierher.“ Die Belgiergasse hat jedoch eine letzte Schwachstelle. Mair findet: „Man muss die Gegend für Unternehmer:innen noch attraktiver machen. Geschäfte mit Auslagenfenster sind kaum leistbar.“
Einen Zuwachs kann die Straße dennoch verzeichnen. Die Bäckerei „Vom Lichtenberg“ eröffnete im November 2025 einen zweiten Standort in der Belgiergasse. „Die Entscheidung für diesen Standort habe ich intuitiv getroffen“, sagt Geschäftsführer Peter Kirchengast im Telefongespräch. „Die Straßenbahnlinie ist ein Pluspunkt“ und wertet die Lage erheblich auf. Was er von den Pflanzentrögen hält? „Hätte man besser lösen können.“ Die stählerne Optik sei nicht besonders ansprechend.
Ende des Dornröschenschlafs
Auch auf der Straße mischen sich die Meinungen. Alex Frank, eine Spaziergängerin, erinnert sich an eine Zeit vor dem Leerstand. „Die Belgiergasse ist nicht das, was sie mal war. In den 50ern war die Straße sehr belebt. Das Bad zur Sonne war ein Riesen-Anziehungspunkt.“ Die Pflanzentröge findet sie hingegen „Wunderbar! Die Pflanzen müssen noch Wurzeln fassen, aber so ist es viel schöner als vorher.“ Eine ältere Dame, die lieber anonym bleiben möchte und durch die Gasse flaniert, hat sich das Ergebnis jedoch etwas anders vorgestellt. „Die grauen Fässer sind nicht mein Geschmack“, meint sie. „Wenn es wächst, schaut es sicher besser aus“, reflektiert sie schließlich.
Ob die 25 Pflanzentröge am Ende ausreichen, um die Lebensqualität nachhaltig zu steigern und die Gasse spürbar abzukühlen, werden die kommenden Sommermonate zeigen. Fest steht jedoch, dass die Straße nach Jahren des Stillstands eine neue Dynamik erfahren hat. Die Belgiergasse ist endlich aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht.
Titelbild: „Deine Pflege lässt mich blühen“: Bei den neuen Pflanzentrögen in der Belgiergasse wird auch auf die Mithilfe der Anrainer:Innen gesetzt. – Foto: Franziska Küer
Das Klimainformationssystem (KIS) der Stadt Graz macht sichtbar, wo sich die Stadt besonders stark erhitzt. Die Klimaanalysekarte visualisiert thermische Belastungen im Stadtgebiet. Sie wird von Politiker:innen genutzt, um bei solchen Hitzestellen mit Maßnahmen entgegenzutreten.
