Zum Wochenende sollen die Temperaturen in Graz wieder deutlich unter Null sinken. Ehrenamtliche wie Dietmar Krausneker organisieren wieder Hilfe für alle, die bei klirrender Kälte im Freien übernachten müssen.
Autoren: Phillip Czar, Simon Leitner
„In Phasen mit starkem Frost zählt oft jede Minute“, sagt Dietmar Krausneker. Der Pensionist ist seit vier Jahren ehrenamtlich beim Grazer Kältetelefon tätig, das von der Caritas betrieben wird. Nach seinem Berufsleben als Religionsinspektor habe er bewusst nach einer Tätigkeit gesucht, die unmittelbar wirkt. Auf das Projekt sei er über eine Zeitungsanzeige aufmerksam geworden, erzählt er eine Woche nach der Jänner-Frostperiode, die nicht nur in der Steiermark, sondern auch überregional für Schlagzeilen sorgte. In Wien starben Anfang Jänner zwei obdachlose Männer an den gefährlichen Temperaturen. Die Hilfe von Streetworking-Teams und der Rettung kam zu spät. Extreme Fälle wie diese zeigen, wie schnell aus einem kalten Abend eine lebensbedrohliche Situation werden kann und unterstreicht die Wichtigkeit von Organisationen wie dem Grazer Kältetelefon.
Hilfe auf Abruf in eisigen Nächten
Das Kältetelefon ist weit mehr als nur eine Hotline. Ihre Nummer wählt, wer eine Person im Freien sieht, die bei den winterlichen Temperaturen Hilfe brauchen könnte. Dietmar Krausneker fragt die Anrufer dann nach dem genauen Ort und dem Zeitpunkt und in welcher Situation sich die Person, um die es geht, befindet. Aus diesen Informationen wird eine Route erstellt, anschließend macht sich ein mobiles Team auf den Weg. Pro Abend sind drei Ehrenamtliche im Einsatz: eine Person koordiniert die Anrufe in der „Leitstelle”, eine fährt den Bus, eine unterstützt vor Ort. „In der Praxis ist das Streetwork“, sagt Krausneker, der selbst meist mit dem Bus unterwegs ist.

Vor Beginn der Einsätze bereiten die Freiwilligen in der Winternotschlafstelle, die bei der Pfarrkirche St. Lukas zu finden ist, Verpflegung vor. Tee, Lebensmittel, Isomatten und Schlafsäcke gehören zur Grundausstattung, welche im Notfall immer an Personen in Not ausgegeben werden kann. Gleichzeitig wird den Betroffenen angeboten, in eine Notschlafstelle mitzukommen. Raus aus der Kälte, hinein in einen geschützten Raum. Doch dieses Angebot wird deutlich seltener angenommen als viele vermuten.
Warum viele das Angebot ablehnen
Krausneker nennt eine Zahl aus dem Dezember: Von rund 100 Kontakten seien lediglich drei Personen tatsächlich mitgefahren. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Das hat meistens nichts mit Trotz zu tun“, betont er. Angst, Misstrauen, psychische Belastungen oder schlechte Erfahrungen mit Institutionen spielen eine große Rolle. Manche fürchten auch, ihre gewohnte Umgebung zu verlieren. „Man muss akzeptieren, dass nicht jeder Hilfe annehmen will“, sagt Krausneker.
So klar das Angebot des Kältetelefons ist, so klar sind auch seine Grenzen. „Wir machen keinen Taxiservice“, stellt Krausneker klar. Medizinische Versorgung gehört ebenfalls nicht zum Aufgabenbereich – nicht einmal Schmerzmittel dürfen ausgegeben werden. In solchen Fällen wird an Einrichtungen wie die Marienambulanz verwiesen. Bei akuten Notfällen gilt: Rettung rufen.

Eine große Rolle spielen die Bezirke in 8020 in Graz. Bahnhofsbereiche, Parks und soziale Einrichtungen machen den Stadtteil zu einem sichtbaren Treffpunkt für Menschen in prekären Lebenslagen. Gleichzeitig relativiert Krausneker diese Wahrnehmung: In Graz gebe es insgesamt vergleichsweise wenig Menschen, die dauerhaft im Freien übernachten. Statt fixer Orte entstehen immer wieder neue Schwerpunkte, die sich im Laufe der Zeit verschieben.
Ein Frühwarnsystem für die Stadt
In diesem Zusammenhang sieht Krausneker auch eine weitere Funktion des Kältetelefons: Es könne als Frühwarnsystem dienen. Es hört auf Hinweise aus der Bevölkerung und kann eingreifen, bevor eine kalte Nacht lebensgefährlich wird. In den vergangenen Jahren hat zudem die mediale Berichterstattung die Aufmerksamkeit erhöht. Menschen würden schneller reagieren und häufiger anrufen.
Interne Zahlen geben einen Einblick in den Einsatzalltag: Allein im Dezember wurden 183 Anrufe entgegengenommen und 107 Personen angetroffen, an die Lebensmittel und Material ausgegeben wurden. Von den angetroffenen Personen wollten aber nur zwei in der Winternotschlafstelle übernachten. Im Jänner gab es 357 Meldungen. Bei den Ausfahrten hat das Team 124 Personen angetroffen, dabei 116 mal Jausenpakete, Tee und 16 Materialpakete (Schlafsack, Isomatten) übergeben. Hinter jedem dieser Kontakte stehe ein konkreter Einsatz, sagt Krausneker.
Sein Appell ist eindeutig: nicht zögern. Wer glaubt, dass jemand bei Kälte Hilfe braucht, soll anrufen – lieber einmal zu oft als einmal zu spät.
Titelbild: Zwei ehrenamtliche rücken in einer kalten Nacht aus – Foto: Tim Ertl / Caritas
