Quer durch die Diagonale

Lesezeit: 7 Minuten

Bei der Diagonale 2026 liefen sechs Tage lang 144 Produktionen, von Kurzfilmen über Klassiker bis zu Weltpremieren. Rückblick eines Filmfestival-Neulings auf die Diagonale.

Jahr für Jahr rollt Graz im Frühling den roten Teppich für Filmfans aus – es war wieder Zeit für die Diagonale. Das Filmfestival zeigte vom 18. bis 23. März insgesamt 144 Produktionen. Sechs Tage, 144 Filme und irgendwo in diesem Kalenderwirrwarr bahne auch ich mir einen Weg durch die Diagonale. 2026 stellt für mich nicht nur meine erste Diagonale, sondern auch mein erstes Filmfestival dar. Darum habe ich mir vorgenommen, alle Eindrücke und Gedanken, die ich als Hobby-Kinobesucher habe, festzuhalten. Mein Fokus liegt klar auf Spielfilmen, weil diese in meinen Augen bei Veröffentlichungen abseits der Diagonale die größte Publikumswirkung entfalten können. Am Ende der Diagonale werde ich meine ganz persönlichen Top-Drei-Filme küren. 

Tag I

Mike van Diem im Publikumsgespräch – Foto: Paul Grundner

Noch vor der offiziellen Eröffnung am Abend beginnt für mich die Diagonale bereits um 16 Uhr mit dem Film „Our Girls“ von Oscarpreisträger Mike van Diem. Vor Filmbeginn noch schnell Tickets und Popcorn abgeholt (ich merke, dass die Diagonale eine tolle Ausrede wird, um die ganze Woche Popcorn zu essen) und schon geht’s los. „Our Girls“ feiert in Graz sein Österreichdebut. Mike van Diem zeigt in seiner „liberalen Buchadaption“ einen Konflikt zweier sich scheinbar gut verstehender Familien, der durch einen Unfall der beiden Töchter immer weiter ans Tageslicht kommt. Ein Drama, bei dem man sich immer wieder selbst hinterfragt, auf welcher Seite man gerade steht. Mein größter Kritikpunkt, ohne zu viel vorwegzunehmen: Der wichtigste Plottwist würde genau wegen der im Film aufgezeigten Dilemmata in der echten Welt so nicht stattfinden. Technisch überzeugt das 103-minütige Drama mit großartigen Totalen der Tiroler Berglandschaft, einziger Wermutstropfen ist hier, dass leider kein Blu-Ray-Release zu erwarten ist.

Kurz nach der Vorführung begann um 18:00 die festliche Eröffnung der Diagonale in der Helmut List Halle, für mich ist es durch die Diskussionsrunde nach dem Film leider nicht mehr rechtzeitig ausgegangen, aber die Annenpost war natürlich auch dort vor Ort.

Tag II

Tag zwei beginnt deutlich stressiger als der Erste: Eben noch in ein Café gesetzt, überprüfe ich die Startzeit des zweiten Films in meinem Kalender: „Licht, kein Licht, Beginn um 17:00 Uhr“ – es ist 16:32. Meine Kartenreservierung verfällt in acht Minuten, jetzt muss alles schnell gehen: Kaffee runter, schnellen Schrittes zum Kino und beim Ticketschalter anstellen – gerade noch pünktlich. Von jetzt an business as usual: Popcorn kaufen und ab in den Saal.

Filmstill „Licht, kein Licht“

“Licht, kein Licht”, der erste Spielfilm von Matthias van Baaren, erinnert mit einer sehr ruhigen Kameraführung und langsamen Schnitten an seine früheren, im Dokumentarbereich verorteten Produktionen. Immer wieder der gleiche Arbeitsweg, immer wieder verzehrt die Protagonistin wortlos auf dem Sofa sitzend ihr Abendessen, während ihr Ehemann dasselbe macht. Inhaltlich versucht der Film, das österreichische Rechtssystem aus zwei Perspektiven zu beleuchten: auf der einen Seite die zynische Öffentlichkeit, verkörpert durch die nach Lynchjustiz rufende Schwiegermutter, auf der anderen eine sachliche Einordnung durch eine psychologische Gutachterin im Gespräch mit einem Soziologiestudenten. Zwischen diesen beiden Welten bewegt sich die Protagonistin, die selbst vor kurzer Zeit Schöffenrichterin war. Sehr gut ist das Sounddesign gelungen, durch die seltenen Dialoge bleibt mehr Platz für Ambientegeräusche wie eine Kaffeemaschine oder vorbeifahrende Autos. Meine beiden Kritikpunkte sind die 83 Minuten Laufzeit, der Film hätte auch in 45 Minuten sehr gut funktioniert, und das Ende. Der Standpunkt der Protagonistin wird im Laufe des Films immer klarer und es hätte sich sehr angeboten, den Film subtiler zu beenden, als sie ihre Entscheidung aussprechen zu lassen.

Tag III

Heute stehen zwei Filme hintereinander auf dem Programm, zuerst „White Snail“, dann „Beautiful and Neat Room“, beide im Annenhofkino. Täglich grüßt das popcornhungrige Murmeltier, mit einer mittleren Portion begebe ich mich in Saal 6 – gute Projektion und Film ab!

Die Protagonisten Masha und Misha umarmen sich
Filmstill „White Snail“

Wie schon bei „Licht, kein Licht“, lassen sich anhand der ruhigen Kamera die dokumentaristischen Wurzeln des Regie-Duos von „White Snail“ erkennen. Unter dem Namen „Raumzeitfilm“ arbeiten Elsa Kremser und Levin Peter seit 2016 zusammen an Filmproduktionen. Mit „White Snail“ erzählen sie die unerwartete Liebesgeschichte zweier konträrer Charaktere: dem Model Masha, die aus dem autoritären Belarus entkommen will, und Misha, dem Leichenpräparator, der seine Arbeit zuhause durch Malen verarbeitet. Für mich liegt der spannendste Aspekt aber nicht im Plot des Films, sondern vielmehr in der  Entstehungsgeschichte: Marya Imbro (Masha) und Mikhail Senkov (Misha) sind keine Schauspieler, dafür Model und Maler, das erste Mal begegneten sie sich am Set des Films und ein Großteil der Szenen war improvisiert. Ein Spielfilm, der mehr eine Dokumentation zu sein scheint, nur mit zurückhaltenden Regieanweisungen entkamen die Regisseurinnen ihrem vertrauten Genre. Ich habe über die gesamten 115 Minuten Laufzeit nicht gemerkt, dass die beiden Protagonist:innen keine Schauspieler waren, trotzdem fehlte es mir, böse gesagt, an Inhalt. Kennt man die Entstehungsgeschichte, ist der Film auf jeden Fall interessant, ansonsten in meinen Augen zu langsam.

Filmstill „Beautiful and Neat Room“

Vor der zweiten Vorstellung des Tages muss ich mich geschlagen geben und anerkennen, dass ich an meine persönliche Popcorn-Grenze gestoßen bin, daher geht es ohne Snacks in den nächsten Film: „Beautiful and Neat Room“. Alltagsprobleme mit einer zu teuren und dennoch klaustrophobisch kleinen Mietwohnung begleiten Maria Petschnig seit 22 Jahren. Die in Österreich geborene Regisseurin präsentiert im Zuge ihres Spielfilmdebuts die spannendsten und kuriosesten Erfahrungen, die sie in einer kleinen, zu teuren Mietwohnung in New York City mit ihren Untermietern machen musste. In insgesamt zwei Stunden werden Persönlichkeiten gezeigt, die nicht überspitzt wirken und dennoch ein gewisses Maß an „weirdness“ ausstrahlen. Eine für mich gut 30 Minuten zu lange Auseinandersetzung mit dem Thema, die nichtsdestotrotz eine interessante und nicht immer schöne Geschichte erzählt, die aber positiv endet.

Tag IV

Was wäre ein Filmfestival ohne Kurzfilme? Um mich dieser Frage nicht stellen zu müssen, heißt es an Tag vier für mich: ab zum Kiz Royal Kino. Heute deutlich früher als sonst, die Vorstellung ist bereits ausgebucht und ich muss auf Restkarten hoffen.

Bei der Vergabe wollte ich eigentlich bereits aufgeben, ich habe Nummer 581 und wir beginnen mit Nummer 530. Aber immer wieder bleiben Plätze unbeansprucht, höhere Zahlen rücken vor – es kommt Hoffnung auf. Letzten Endes reicht es tatsächlich: Mit einer der letzten Karten schaffe ich es noch in den Saal. Alle Produktionen nun zusammenzufassen würde hier den Rahmen sprengen, daher ganz kurz:

„Das Höhenphänomen“

Regisseurin Angelika Reitzer erzählt eine interessante Geschichte aus zwei Zeitlinien und befasst sich mit dem namensgebenden Höhenphänomen. Es geht um ein nicht durch Suizidgedanken ausgelöstes Gefühl oder den Drang, von einem erhöhten Ort hinunterspringen zu wollen. 

„Spielen“

Der Versuch einer alleinerziehenden Mutter trotz ihrer erzieherischen Verpflichtungen ihr „wahres Ich“ zu zeigen und auszuleben. Schöner Ansatz, hätte in meinen Augen auch etwas länger sein können, gerade die Bildgestaltung war sehr toll.

„Osmosis“

Osmosis ist der mit Abstand abstrakteste Film und schwer in Worte zu fassen. Es geht um eine Künstlerin die im Zuge eines Kunstprojekts versucht, mit dem Gebäude um sich zu verschmelzen. Der Film bietet sicherlich großartige Interpretationsmöglichkeiten, dafür bin ich aber ehrlicherweise unterqualifiziert und belasse es bei einem „kann man gesehen haben“. 

„Closed for the Virus Break“

Ein Pandemiefilm der sich mit mehr als nur einem Virus beschäftigt. Das Drehbuch wurde noch vor dem ersten Lockdown in einer Initialfassung geschrieben und erst 2025 verfilmt, nette Geschichte aber auch nicht unbedingt meins.

Tag V

Andreas Babler steht unter einem Regenschirm kurz seinem Sommergespräche 2025 Interview
Filmstill „Wahlkampf“

In „Wahlkampf“, einer Dokumentation von Harald Friedl begleitet dieser über mehrere Jahre Andreas Babler – vom Excel-Tabellen-Skandal bis zur Angelobung als Vizekanzler. In 97 Minuten  werden nicht nur der heutige Vizekanzler, sondern auch das SPÖ-Wahlkampf-Team um ihn gezeigt, begleitet, aber Handlungen nie wirklich eingeordnet. Da kann man dann natürlich argumentieren, dass das die Aufgabe des Publikums sei. Die Publikumsfrage, wie man im Zuge einer solchen Dokumentation die notwendige Distanz wird nur mit Floskeln beantwortet, noch kurz davor spricht der Regisseur davon, wie sehr ihn der Charakter Bablers fasziniert hatte und er sich dachte, „da muss jemand einen Film drüber machen“. Auch wenn das jetzt sehr negativ klingt, wir reden hier von keiner propagandistischen Produktion, sondern vielmehr einer Doku, die einen interessanten Einblick in die strategischen Entscheidungen einer Partei gibt, die in der aktuellen Zeit nicht gerade für Zusammenhalt bekannt ist.

Tag VI

Die gesamte Familie des Protagonisten aus "The Stories" sitzt auf einem Sofa.
Filmstill „The Stories“

Ein letztes Mal ab ins Kino heißt es für mich am Montag um 13:00 – „The Stories“. Der ägyptische Regisseur Abu Bakr Shawky schafft es mit „The Stories“, fragmentarische Ausschnitte aus dem Leben einer Familie zu erzählen. Diese in sich abgeschlossenen aber dennoch durch die Charaktere verbundenen Geschichten folgen keinem konventionellen Spannungsbogen, das tut diesem Film mit seiner Geschichte aber sehr gut. Es werden die Höhen und Tiefen einer Familie gezeigt, deren Mitglieder sich nur zu gerne gegenseitig prophezeien, niemals erfolgreich zu werden. Ein toller Film, der die 120 Minuten Laufzeit wie 90 Minuten wirken lässt.

Aber nun zum Dramatischen Ende: meine Top Drei besten Filme der Diagonale:

 

Platz 3 – Beautiful and Neat Room

Der Film lebt von der Spannung zwischen der Protagonistin und ihren vielen Mitbewohnern, er ermutigt manchmal zum Lachen und manchmal zum Schreien. Hätte man jedem Charakter aber 20 Prozent Screentime gekürzt, wäre er vermutlich einen Platz höher. 

 

Platz 2 – Our Girls

Das Familiendrama schafft es, dass man als Zuschauer immer wieder die eigenen ethischen Werte hinterfragt, auch bei einem im dritten Akt sehr konstruiert wirkenden Plot, Filmstart ist in Osterreich am 4. September 2026.

 

Platz 1 – The Stories

Ein Detail, das ich bei meiner Kritk ausgelassen habe, ist, dass der Regisseur Abu Bakr Shawky keine fiktive Geschichte erzählt, sondern auf berührende Art und Weise das Leben seiner Eltern wiedergibt. Österreichischer Kinostart ist am 12. Juli.

Sechs Tage und 144 Filme, alle sind sich ganz knapp nicht ausgegangen, aber ich hoffe, ich konnte einen kleinen Einblick in die Welt des Kinos abseits von Hollywood liefern. 

 

Titelbild: Cast von „Licht, kein Licht“ im Schubertkino – Foto: Paul Grundner





Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.

zehn − sieben =

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Vorherige Geschichte

Phänomen K-Pop: Debüt am PPC-Mainfloor

Letzter Post in KULTUR