Seit fünf Jahren hilft das Leli in Graz Reininghaus Menschen mit Essstörungen. Leiterin Christine Brugger erzählt von gefährlichen Trends auf Social Media, steigenden Fallzahlen und wie Betroffenen im LeLi geholfen wird.
Autorinnen: Jana Eitler, Matea Kostron
Immer mehr und immer jüngere Personen sind seit Corona von einer Essstörung betroffen, weiß Christine Brugger. Die Psychologin und Psychotherapeutin interessierte sich schon im Studium für das Thema, heute leitet sie das einzige Tageszentrum für Essstörungen in ganz Österreich, das LeLi in Graz Reininghaus, das es seit fast fünf Jahren gibt. Leli, kurz für „LebensLiebe“, bietet Raum zum Zuhören, Verstehen und Unterstützen.
Gefährliche Trends auf Social Media
Doch warum steigt die Zahl an Essstörungen seit der Pandemie? „Durch die soziale Isolierung in den Lockdowns und die darauf folgende, erhöhte Auseinandersetzung mit dem eigenen Körperbild wird aus Optimierung oft ein gefährlicher Selbstläufer“, erklärt Brugger. Auch Social Media stelle oft ein verzerrtes Körperbild dar und man rutscht schnell in gefährliche Algorithmen. Brugger zufolge ist der Trend „Skinny Tok“ auf TikTok ein extrem gesundheitsgefährdender Trend, der sehr schlanke Körperbilder und restriktive Essgewohnheiten idealisiert. Die Leiterin macht deutlich, dass immer mehr Mädchen und junge Frauen diesem Ideal folgen, um ein Gefühl der Zugehörigkeit zu erlangen. „Mit den steigenden Fallzahlen wächst die Nachfrage nach der Tagesstruktur“, merkt Brugger. Im Jahr 2023 wurden in der Steiermark 420 Personen aufgrund einer Essstörung betreut, 394 davon waren weiblich. Mehr als die Hälfte der Betroffenen waren junge Frauen, veröffentlichte der Gesundheitsbericht-Steiermark.
Therapie neu gedacht
„Das LeLi soll ein Ort sein, an dem Betroffene so sein können, wie sie sind. Durch unser vielseitiges Angebot ermöglichen wir den Teilnehmer:innen genug Platz für Heilung“, betont Brugger. Es soll also ein sicherer Ort sein. Deshalb sitzen wir mit Christine Brugger auch in einem Nebenraum des Leli bei einer Tasse Tee, während sich die Küche nebenan mit Betroffenen füllt. Sie bereiten gerade mit Diätolog:innen ihr Frühstück zu, eine gemütliche Atmosphäre soll es ihnen erleichtern, in Gesellschaft zu essen. „Uns ist es wichtig, dass es sich um ein diätologisch angepasstes Frühstück mit einer großen Auswahl an regionalen, biologischen Produkten handelt. Das ist ein wichtiger Bestandteil der laufenden Therapie. Durch eine individuelle Zubereitung und Unterstützung von Fachpersonal sollen unsere Teilnehmer:innen ein gesundes Essverhalten entwickeln“, erzählt Brugger.
Neben Diätolog:innen bieten auch Psychotherapeut:innen und Sozialpädagog:innen durch Unterstützung in der Alltagsbewältigung, Gesprächstherapie und Achtsamkeitsübungen ein breites therapeutisches Spektrum. Für eine ganzheitliche Therapie brauche es das Zusammenspiel aus psychischer und körperlicher Behandlung, die für Privatpersonen schwer zugänglich ist. „Nur du kannst es schaffen, aber nicht allein“, ist der Leitsatz. Auch durch das kostenlose Therapieprogramm unterscheidet sich das LeLi von vielen anderen Einrichtungen. Dem Zentrum ist es wichtig, die Teilnehmer:innen in eine normale Tagesstruktur einzubinden und dabei langfristig zu heilen. „Betroffene finden bei uns Begleitung, Austausch und Wege, Schritt für Schritt wieder zu sich selbst zu finden“, sagt Brugger.
Das steht im Gegensatz zu einem klinischen Aufenthalt, wie beispielsweise im LKH 2 in Graz, welcher das akute Überleben auf körperlicher Ebene in den Vordergrund stellt. „Im Ambulanten geht es dann mehr um die Heilung und das ist ein Prozess. Es ist ein Marathon, den wir hier laufen, doch manchmal braucht es die Klinik, um das Überleben zu sichern“, erklärt Christine Brugger.

Hohe Anfrage – begrenzte Kapazitäten
Wenn Betroffene den ersten Schritt wagen und Kontakt auf der Website des LeLi suchen, wird auf lange Wartezeiten aufgrund fehlender Kapazitäten hingewiesen. Bingeeating-Patient:innen können beispielsweise überhaupt nicht aufgenommen werden, weil das Tageszentrum schon mit Anorexie- und Bulimie-Betroffenen ausgelastet ist.
Finanziell möglich wird das Ganze durch LebensGroß, eine gemeinnützige Einrichtung, die vom Land Steiermark finanziert wird. Um die Kapazitäten zu erweitern, brauche es aber mehr Unterstützung von der Politik. Brugger: „Wir brauchen nicht nur mehr finanzielle Mittel, sondern auch mehr Aufmerksamkeit für das Thema Essstörungen. Nicht nur politisch, auch gesellschaftlich ist ein Wandel nötig. Uns würde es allen gut tun, Körper weniger zu bewerten und Authentizität im Umgang mit Wohlbefinden zu stärken. Das ist ein immenses Lernfeld für uns alle.“
Gesellschaftliches Lernfeld
Essstörungen seien nach wie vor ein Tabuthema und werden oft falsch verstanden. Sie sind ein Symptom, dessen Auslöser meist tiefer liegen.„Es geht nicht ums Essen oder Aussehen, sondern es ist der Versuch von Menschen, mit etwas, das in ihrem Leben schwierig ist, umzugehen“, betont Brugger. Für das Umfeld ist eine Essstörung oftmals nicht sofort erkennbar, aus diesem Grund ist es wichtig, genau hinzuschauen, Mut zu haben, das Thema anzusprechen und sich Unterstützung zu holen. Nach einer Diagnose sei vor allem der richtige Umgang im Umfeld entscheidend, sagt Brugger. „Auch wenn Gespräche oft schwierig sind und mit viel Angst und Stress verbunden sind, sollten Probleme aus der Ich-Perspektive angesprochen werden und keine Du-Vorwürfe enthalten.“ Abschließend wünscht sich die Leiterin: „Es wäre schön, wenn wir authentischer über das reden könnten, wie es uns wirklich geht.“
Titelbild: Christina Brugger, die Leiterin des LeLi – Foto: Matea Kostron
