Eine GuK-Studentin übt an einer Puppe, einen Verband anzulegen.
Lesezeit: 3 Minuten, 47 Sekunden

Problemkind Pflege

in SOZIALES von

Studium in Krisenzeiten: Wie die FH Joanneum angehende Pflegekräfte angesichts des Pflegenotstands ausbildet. Im Gespräch über Ängste und Optimismus — und darüber, was Pflege eigentlich ist.

Teil 1 dieses Artikels erschien am 17.03.2023

„Ich vergleiche ja auch nicht einen Fleischer mit einem Koch.“ – Das sagt Stefan Ritz, Vorsitzender der Gesundheits- und Krankenpflege-Studienvertretung an der FH Joanneum, auf die Frage, warum er eigentlich nicht Medizin studiere, in der Aussicht auf eine lukrativere Zukunft. Die Medizin sei zwar für die Behandlung zuständig, aber zum Begleiten und Unterstützen der Patient:innen gebe es die Pflege. Die Nähe zum Menschen, die für Ritz und seine Studienkolleg:innen  von essenzieller Bedeutung ist, sei in der Pflege stärker gegeben. Stefan Ritz wünscht sich mehr Anerkennung für seinen zukünftigen Beruf: „Die Pflege ist heute eine eigene Berufsgruppe mit eigenen Kompetenzen und Fachexpertise. Trotzdem wird man oft als Gehilfen der Ärzte abgestempelt.“

Ausbildung an der Fachhochschule Joanneum

Isabella Sumerauer zeigt an einer Simulationspuppe, wie man ein Baby richtig hält
Vom Baby bis zum Senior — Pflege ist für alle Altersklassen wichtig – Foto: Laura Sophia Ablasser

Dieses Stigma soll mit der Akademisierung der Gesundheits- und Krankenpflege (GuK) bekämpft werden, so Isabella Sumerauer, Lektorin an der FH Joanneum. Ihre erste Reaktion auf die Frage, wo denn die Unterschiede zwischen dem Studium und der Schule für Gesundheits- und Krankenpflege lägen: Sie lacht. Kein glückliches Lachen, vielmehr eines, das deutlich macht, dass sie diese Frage nicht mehr hören kann. „Auch Pflege ist eine Wissenschaft“, erklärt sie. Es sei wichtig, dass die Absolvent:innen in der Lage seien, neue Erkenntnisse aus der Literatur zu verstehen und umzusetzen. Das Motto „So wie’s gestern gemacht worden ist, machen wir’s heute auch“ funktioniere schlichtweg nicht mehr.

Die FH vereine zudem, was in den Schulen drei unterschiedliche Ausbildungen waren: Studierende erhalten eine generalistische Ausbildung inklusive einem „Grundstock an Kompetenzen“, um auch psychiatrische Patient:innen und Kinder zu versorgen. Sumerauer wünscht sich dringend einen Imagewechsel der Pflege, „sonst fehlen uns bis 2050 viele Leute“. Sie plädiert: „Die Pflege möchte auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen behandelt werden.“ Ein Punkt, den auch Stefan Ritz anspricht: „Auf der FH gibt es beispielsweise Hebammen, Logopädie, Physiotherapie — alle mit derselben Studienzeit wie GuK. Trotzdem verdienen die später wesentlich mehr.“ 

Entgegen dieser Aussichten versucht die FH, möglichst viele Maßnahmen zu treffen, um das GuK-Studium zu attraktivieren. Auf die Praxis wird besonders viel Wert gelegt. Fast die Hälfte des Studiums sind nach gesetzlicher Vorschrift Praktika, und auch auf der FH selbst stehen mehrere Simulationsräume für die Studierenden bereit: Hier können sie nicht nur Einzelskills trainieren, wie beispielsweise Blutabnehmen und Harnkatheder-Legen, sondern vor allem auch die dialogische Interaktion mit Patient:innen simulieren. Hierfür gibt es Simulationspuppen mit zahlreichen realistischen Funktionen inklusive Sprachausstattung: Von einem Kontrollraum aus können Lehrende den Puppen über ein Mikrofon eine Stimme verleihen. Während ihre Kolleg:innen im Simulationstraining sind, können die übrigen Studierenden sie von einem anderen Raum aus am Bildschirm beobachten und so mitlernen. 

Auch erfahrungsorientiertes Lernen findet an der FH statt: So können die Studierenden selbst beispielsweise in Adipositas- oder Altersanzüge schlüpfen. Das Ziel: Verstärkung der Empathie durch ein besseres Nachempfinden der Situation. „Bei unserem Altersanzug sind zum Beispiel die Gelenke versteift“, erklärt Sumerauer, „so verstehen die Studierenden wirklich, warum ein alter Mensch für alles etwas länger braucht.“

Am künstlichen Arm kann die Blutabnahme geübt werden
Am künstlichen Arm kann die Blutabnahme geübt werden – Foto: Laura Sophia Ablasser

Optimistisch bleiben

„Es läuft nicht alles schlecht”, sagt Isabella Sumerauer. „Natürlich sind die Rahmenbedingungen für die Pflege momentan nicht ideal, aber trotzdem müssen wir positiv bleiben, denn die jungen Leute, die zu uns kommen, wollen das ja.” Die FH versuche jedenfalls, den Studierenden ein möglichst realistisches Bild von der Praxis zu vermitteln und ziehe dafür auch immer wieder Gastvortragende hinzu. ​Was die Zukunft der Pflege betrifft, so wünscht Sumerauer sich einen Dialog auf mehreren Ebenen: Politik, Ausbildungsstätten, Pflegekräfte und vielleicht sogar Patient:innen und Angehörige an einem Tisch. Für Isabella Sumerauer ist klar: „Das System braucht einen neuen Anstrich. Das wurde jetzt schon lange von einer Legislaturperiode zur nächsten geschoben.”

Entgegen der abschreckenden Bilder, die die Krise vom Pflegeberuf zeichnet, legt sich die FH ins Zeug, um Interessent:innen mit einer qualitativ hochwertigen Ausbildung zu locken. Seit diesem Jahr bietet sie auch Info-Veranstaltungen für Schulen, denn oftmals ist gar nicht bekannt, welches umfangreiche Tätigkeitsspektrum der Pflegeberuf beinhaltet. „Die Pflege ist mehr als Waschen und Medikamente austeilen“, betont Stefan Ritz.

Erst gestern gab die FH ein neues Großprojekt bekannt: Bis 2025 soll ein neuer Gesundheitscampus in Kapfenberg errichtet werden – mit Platz für bis zu 220 Studierende. Kapfenbergs Bürgermeister Friedrich Kratzer (SPÖ) nennt das Vorhaben einen „Meilenstein in der Geschichte der Fachhochschule Joanneum”. Im September 2025 werden in Kapfenberg erstmals 72 angehende Pflegekräfte ihr Studium beginnen – dadurch erhöhen sich die GuK-Studienplätze auf insgesamt 300 pro Jahr.

Eine weitere Maßnahme zur Ausweitung der Studienplätze ist seit Kurzem bereits umgesetzt: Erstmals gab es auch im Sommersemester einen Studienstart — laut Sumerauer mit sehr motivierten Leuten, „wo man teils Gänsehaut bekommt“. Gänsehautpotential hat auch die Botschaft von GuK-Absolventin Clarissa, die sich an jene richtet, die aktuell zweifeln, ob sie den Pflegeberuf ergreifen sollen: „Am Ende des Tages hat man meistens einen Erfolg. Etwas, wofür man gearbeitet hat. Wenn ein Patient nach einem Monat endlich die Station verlassen kann – das erfüllt einen und macht glücklich. Dann kann man nach Hause gehen und weiß: ‚Heute war ein richtig guter Tag.‘“

 

Titelbild: Die GuK-Studierenden trainieren für die Praxis – Foto: Laura Sophia Ablasser





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